07.07.2026
Märkte zwischen geopolitischer Unsicherheit und Reformen
Reformen, geopolitische Lage, Zinsen und Aktien: LBBW Research analysiert das zweite Halbjahr 2026.
Halbjahresausblick 2026
In aller Kürze
- Deutschland vor dem Reformdurchbruch?
- Die geopolitische Lage bleibt unübersichtlich
- Zinsen haben noch Aufwärtspotenzial
- Aktien am Wendepunkt?
- Von: Dr. Moritz Kraemer Chefvolkswirt und Leiter Research
Sommermärchen der Reformen?
Das frühe Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Nordamerika ist wie ein Symbolbild für die deutsche Wirtschaft. Auch sie hat schon bessere Tage gesehen. Nicht nur Paraguay, dessen Mannschaft die deutsche Nationalelf nachhause schickte, wuchs in den vergangenen fünf Jahren schneller als die Bundesrepublik – das taten weltweit tatsächlich mehr als 92 % aller Länder. Anfang des Jahres sah es für Deutschland noch nach einem Aufschwung aus – die Auftragseingänge überraschten positiv, und die expansive Fiskalpolitik stimulierte die Nachfrage. Dann kam der ohne erkennbare Strategie vom Zaun gebrochene Golfkrieg 3.0 und wirkte wie eine Blutgrätsche im Strafraum. Eigentlich müsste Donald Trump dafür die rote Karte sehen. Aber so läuft das natürlich nicht im echten Leben diesseits der Metaphern.
Abb. 1: ifo-Geschäftsklimaindex weiter auf Tauchfahrt
saisonbereinigte Salden, bis Juni 2026
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Vergangenes Jahr um diese Zeit war der von den USA angedrohte Handelskrieg die vielleicht größte Sorge für die exportabhängige deutsche Wirtschaft. Die Gefahr ist noch immer nicht gebannt. Aber zusätzlich ist jetzt ein echter Krieg hinzugekommen, der die weltwirtschaftliche Nachfrage schmälert und preistreibend wirkt. Und das nicht nur wegen gestiegener Energiepreise. Derzeit verhandeln die Kontrahenten, und die Hoffnung auf eine nachhaltige Lösung belebt die Märkte. Sie verteilen bereits das Fell des Bären, auch wenn der noch gar nicht erlegt ist. Denn Iran und die USA scheinen den Verlauf der Verhandlungen mal wieder ziemlich unterschiedlich zu interpretieren. Teheran glaubt, bei den Verhandlungen am längeren Hebel zu sitzen. Und da ist tatsächlich etwas dran. Dass wirklich Frieden wird, ist also keineswegs ausgemacht.
Für die Notenbanken bedeutet das: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste! Nach der jüngsten Inflationsepisode können sich die Währungshüter kein erneutes Entgleiten der Preisstabilität leisten. Auch unter der neuen Führung von Kevin Warsh wird Trumps Forderung an die Fed nach einer drastischen Zinssenkung nicht in Erfüllung gehen. Und nach der ersten Zinserhöhung der EZB wird wohl noch eine weitere folgen. Die langfristigen Zinsen dürften auch eher nach oben tendieren. Denn wohin man schaut, herrscht eine Staatsschuldenorgie. Selbst in Deutschland, vormals der Lordsiegelbewahrer der finanzpolitischen Zurückhaltung, sind gesamtstaatliche Defizite von 4 % des BIP perspektivisch wahrscheinlich. Die resultierenden höheren Langfristzinsen dürften die Investitionen der privaten Wirtschaft wohl kaum beflügeln.
Gelbe Karte am Aktienmarkt
Für die Aktienmärkte bedeuten höhere Zinsen eine zusätzliche Belastung, die zu der bereits ziemlich sportlichen Bewertung hinzukommt. Entsprechend gab es im Juni trotz vermeintlicher Entspannung am Persischen Golf erstmals Rücksetzer. Aktionäre haben gewissermaßen eine gelbe Karte gezeigt bekommen, die sie zu einem weniger aggressiven Verhalten bewegen könnte.
In Deutschland schaut man allenthalben erwartungsvoll auf den „Sommer der Reformen“. Plötzlich demonstriert die Regierung Zug zum Tor. Der Ball liegt jetzt auf dem Elfmeterpunkt. Die Koalition muss jetzt die Nerven behalten. Denn wenn sie verschießt, wird die Stimmung endgültig kippen.
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