22.07.2026

Logistik im Orbit: Wie der Weltraummarkt zur Anlageklasse reift

Der Zugang zum Weltraum hat sich von einer staatlich organisierten Hochtechnologie zu einem privatwirtschaftlich getragenen Wachstumsmarkt gewandelt.

Rakete im Orbit über Erde Weltraum
Rakete im Orbit über Erde Weltraum

In aller Kürze

  • Wiederverwendbarkeit senkt die Startkosten um 90 % und wird zum Industriestandard.
  • Satellitennetzwerke und Verteidigung erzeugen einen strukturellen Bedarf an Startkapazität.
  • Der Markt konsolidiert sich asymmetrisch - Europa droht den Anschluss zu verlieren.
  • Von: Gerhard Wolf, Senior Investment Analyst
  • Von: Johannes Späth, Investment Analyst

Einleitung

Der Zugang zum Weltraum hat sich von einer staatlich organisierten Hochtechnologie zu einem privatwirtschaftlich getragenen Wachstumsmarkt mit eigener industrieller Logik gewandelt. Wenige Trägersysteme, planbare Budgets und lange Entwicklungszyklen sind einer Dynamik gewichen, die von wiederverwendbarer Trägertechnik, kommerziellen Satellitennetzwerken und einer Verteidigungsbeschaffung in historischer Größenordnung getragen wird. Sichtbar wurde dieser Übergang im Juni 2026: Mit dem Börsengang von SpaceX erhielt eine bislang überwiegend private Branche ihren ersten börsennotierten Branchenführer, bewertet mit rund 1,77 Bio. USD und mit einem Emissionsvolumen von 75 Mrd. USD der größte Börsengang der Geschichte. Ein reiner Zugang zum Trägergeschäft ist damit allerdings nicht entstanden: SpaceX bündelt Starlink und die eingebrachten KIAktivitäten xAI und X unter einem Dach. Der Blickpunkt nimmt diese Entwicklung zum Anlass, ordnet die strukturellen Verschiebungen ein und prüft die Annahmen, auf denen sie beruhen. Er zeigt, wo entlang der Wertschöpfungskette die Wachstumsquellen liegen.

1. Weltraum im Umbruch: Vom Einzelstart zum Flottenbetrieb

Um die wirtschaftlichen Hebel des Trägerraketen-Marktes zu bewerten, muss die globale Weltraumökonomie („Space Economy“) strukturell klar abgegrenzt werden. Der Gesamtmarkt unterteilt sich im Wesentlichen in das Upstream-Segment (Technologieentwicklung, Fertigung von Satelliten und Bau von Trägerraketen) und das volumenmäßig deutlich größere Downstream-Segment (Betrieb der Infrastruktur, Datenübertragung, Erdbeobachtungsdienste und kommerzielle Satellitendienste). Der Markt für Trägerraketen („Launch Services“) stellt dabei das logistische Nadelöhr und das kritische Fundament des gesamten Upstream-Sektors dar.

Gleichzeitig wird die Nachfrageseite durch die Ziel-Umlaufbahnen determiniert, die fundamentale Unterschiede in den technischen Anforderungen und Kostenstrukturen aufweisen:

1. Low Earth Orbit (LEO / Niedriger Erdorbit, 160–2.000 km): Das primäre Wachstumsfeld der kommerziellen Raumfahrt. Hier bewegen sich Megakonstellationen wie Starlink oder Amazon Kuiper. Als Satellitenkonstellation bezeichnet man ein Netzwerk mehrerer Satelliten, die koordiniert zusammenarbeiten, um eine bestimmte Dienstleistung, z.B. Internetkonnektivität, Erdbeobachtung oder Kommunikation, flächendeckend oder mit hoher Verfügbarkeit bereitzustellen. LEO-Satelliten haben eine kurze Lebensdauer von etwa fünf Jahren, was eine kontinuierliche, hochfrequente Startkadenz zur Systemerneuerung erzwingt.

Megakonstellationen: Netzwerke aus Hunderten bis Tausenden Satelliten im niedrigen Erdorbit. Sie schaffen globale Konnektivität und regelmäßigen Ersatzbedarf – ein Treiber für Raketenstarts.

10000

+

Satelliten pro Netzwerk

2. Medium Earth Orbit (MEO / Mittlerer Erdorbit, 2.000–35.000 km): Hauptsächlich genutzt für Navigationssysteme (GPS, Galileo). Ein stabiler, primär institutioneller Nischenmarkt. Die Satelliten sind in der Regel langlebig, mit typischen Betriebsdauern von etwa 10–15 Jahren.

3. Geostationary Earth Orbit (GEO / Geostationärer Erdorbit, fliegen in einer exakten Höhe von 35.786 km): Traditioneller Standort für schwere Telekommunikations- und Wettersatelliten. Die Satelliten sind langlebig (15+ Jahre), die Startfrequenz ist niedrig, erfordert jedoch Trägerraketen der höchsten Schwerlastklasse mit technisch anspruchsvollen Oberstufen, also Raketenstufen, die die Satelliten nach dem Start präzise in den sehr hohen Zielorbit bringen.

Das Geschäftsmodell der Trägerraketen-Anbieter verschiebt sich durch diese Segmentierung weg vom historisch dominierten, margenstarken GEO-Einzeltransport hin zum hochfrequenten, volumengetriebenen LEO-Flottenmanagement.

2. Vom Nischenmarkt zur Billionenindustrie

Die globale Weltraumwirtschaft hat sich von einem primär staatlich dominierten Sektor zu einem dynamischen, stark privat finanzierten Markt entwickelt. Nach Schätzungen der Space Foundation lag das weltweite Marktvolumen 2024 bei rund 613 Mrd. USD. Das Beratungsunternehmen Novaspace kommt in einem aktuellen „Space Economy“-Report auf etwa 596 Mrd. USD und bestätigt damit eine Größenordnung von knapp über 0,6 Bio. USD. McKinsey verwendet in einer vielzitierten Studie zum globalen Raumfahrtpotenzial einen vergleichbaren Basiswert von rund 630 Mrd. USD für 2023.

Die einschlägigen Studien zeichnen darauf aufbauend ein Bild strukturell überdurchschnittlichen Wachstums. Die Space Foundation geht in ihrem „Space Report“ von einer jährlichen Zuwachsrate von knapp 8 % für die Zeit bis ca. 2032 aus. Novaspace erwartet bis 2033 einen Anstieg des Marktvolumens auf rund 944 Mrd. USD, McKinsey skizziert in einem optimistischen Szenario eine Ausweitung der Space Economy auf bis zu 1,8 Bio. USD bis 2035. Damit bewegt sich die Branche im Korridor eines hohen einstelligen Wachstums, wobei einzelne Segmente deutlich darüber liegen.

Wesentliche Triebfeder des Wachstums ist die Verschiebung der Wertschöpfung vom hardware‑orientierten Upstream hin zu daten- und servicegetriebenen Downstream-Anwendungen. Nach Angaben der Space Foundation stammen bereits rund drei Viertel der Umsätze aus kommerziellen Downstream-Aktivitäten – insbesondere Satellitenkommunikation und datenbasierte Dienste. Novaspace und McKinsey gehen davon aus, dass der größte Teil des künftigen Wachstums nicht direkt mit Raketen oder Satelliten erzielt wird, sondern mit sogenannten „space-enabled“ Anwendungen. Gemeint sind Dienste auf der Erde, die auf Satellitendaten oder satellitengestützter Konnektivität basieren, etwa in Logistik, Mobilität, Landwirtschaft oder Versicherungen.

Für den Sektor Transport und Logistik ist dies unmittelbar relevant. Studien von McKinsey und Novaspace verweisen auf Effizienzpotenziale durch präzisere Navigation, globales Asset‑Tracking und die Nutzung von Erdbeobachtungsdaten für Routen- und Netzwerkoptimierung. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Space Economy heute als ein rund 600‑Mrd.-USD‑schwerer Markt mit klarer Tendenz zur Billionenindustrie einordnen, in welcher der Schwerpunkt der Wertschöpfung zunehmend in den daten- und konnektivitätsgetriebenen Anwendungen zu finden ist.

3. Wiederverwendbarkeit als ökonomischer Hebel

Die Kostenkurve im LEO-Segment wird primär durch die technologische Reife der Wiederverwendbarkeit bestimmt. Im Space-Shuttle-Programm bis 2011 kostete der Transport von ein Kilogramm Nutzlast in den niedrigen Erdorbit ~54.500 USD. Mit der Falcon 9 fiel der Listenpreis pro Kilogramm Nutzlast signifikant auf ~2.720 USD. Bei konsequenter Wiederverwendung der Erststufe liegen die internen Marginalkosten bei SpaceX inzwischen bei rund 1.750 USD.

Das nächste disruptive Level soll das Starship markieren. Dieses Transportsystem ist mit 122 Metern das mit Abstand größte und leistungsstärkste sowie vollständig wiederverwendbare Transportsystem der Raumfahrtgeschichte. Nach erfolgreichen orbitalen Testflügen befindet sich Starship kurz vor der kommerziellen Einsatzreife und besitzt das Potenzial, den Markt durch seine schiere Transportkapazität (über 125 Tonnen) komplett zu fluten und damit zu revolutionieren. Für dieses System strebt SpaceX bei voller Wiederverwendung Werte unter 100 USD pro Kilogramm an. Selbst eine deutliche Verfehlung dieser Zielmarke verschiebt die Kostenökonomie der gesamten Branche endgültig.

Die Wirkung dieser Kostenkurve entfaltet sich über zwei Hebel: niedrigere Stückkosten und höhere Startfrequenz. SpaceX führte 2025 weltweit 165 Falcon-9-Starts durch und damit mehr als der gesamte Rest der Welt. Ein einzelner Booster wird in weniger als 14 Tagen für den nächsten Flug aufbereitet. Diese Startfrequenz verschafft SpaceX zudem den Spielraum, eigene Satelliten zu sehr geringen Grenzkosten in den Orbit zu bringen.

Wie aus dem offiziellen SEC-Börsenprospekt hervorgeht, wies die Satellitensparte Starlink für das Gesamtjahr 2025 einen Umsatz von 13,2 Mrd. USD aus – bei einem operativen Ergebnis (EBITDA) von 6,7 Mrd. USD. Dies entspricht einer operativen Marge von ~51 %. Die daraus erwirtschafteten freien Cashflows fließen direkt in die finale Entwicklung und den Hochlauf des Starship-Programms – ein hocheffizienter, vertikal integrierter Kreislauf, der die führende Marktstellung gegenüber Wettbewerbern zementiert.

Der Vergleich zur europäischen Industrie unterstreicht das transatlantische Gefälle. Arianespace startete 2025 insgesamt fünf Mal mit Ariane 6 und Vega C. Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat über das European Launcher Challenge Programm 902 Mio. EUR an Newcomer-Kandidaten vergeben. Dies ist zwar ein wichtiges Signal, in der Größenordnung jedoch nachrangig zu den Mitteln, die der USMarktführer allein aus dem operativen Starlink-Geschäft generiert. Die klare Konsequenz lautet: Trägerraketen der Schwerlastklasse ohne wiederverwendbare Erststufe dürften bis 2028 wirtschaftlich kaum noch konkurrenzfähig zu betreiben sein. Diese Prognose hält, solange (a) die Listenpreise wiederverwendeter Trägersysteme im erwarteten Rahmen weiter fallen und (b) die Marktnachfrage nicht durch den Ausfall eines großen Anbieters künstlich angespannt wird. Damit ist die zentrale Frage für Investoren nicht mehr, ob Wiederverwendbarkeit sich durchsetzt, sondern welche Anbieter den Übergang dorthin schaffen.

Abb. 1: Kosten je Kilogramm Nutzlast in den niedrigen Erdorbit

Quelle: Orbital Radar, LBBW Research

4. Satellitennetzwerke und Verteidigung tragen die Nachfrage

Die Aufmerksamkeit um den Börsengang von SpaceX hat den Blick auf das eigentliche Mengengerüst verstellt. Bei der Nachfrage überschlagen sich die Prognosen einschlägiger Quellen: Bis 2035 sollen im Satellitensegment zwischen 43.000 und deutlich über 70.000 zusätzliche Einheiten in den LEO-Orbit transportiert werden. Diese Nachfrage speist sich aus drei Quellen: kommerzielle Satellitennetzwerke, staatliche Verteidigungsbeschaffung und institutionelle Wissenschaftsmissionen. Wer den Markt für unabhängige Anbieter einschätzen will, muss zwischen diesen Quellen differenzieren, denn die Aggregatzahlen täuschen über die tatsächliche Marktstruktur hinweg.

Vier Beschaffungslogiken prägen den Markt. Erstens: Eigenbedarf vertikal integrierter Betreiber. SpaceX startet seine Starlink-Satellitenausschließlich auf eigenen Trägern und finanziert das aus dem operativen Geschäft. Amazon dürfte ab 2027 mit Blue Origin denselben Weg gehen. In China deckt CASC den Eigenbedarf der staatlichen Satelliten- Konstellationen Guowang und Qianfan ab. Zweitens: Konstellations- Blockbuchungen. Amazon hat sich für sein LEO-Netzwerk Startkapazitäten bei ULA (38 Vulcan-Flüge), ArianeGroup (18 Ariane-6-Flüge), Blue Origin (über zwölf New-Glenn-Flüge) und mehreren Newcomer- Programmen reserviert, ein Auftragsvolumen von schätzungsweise drei Milliarden USD. Drittens: Staatliche Ankeraufträge. Die US Space Force vergibt NSSL-Volumen ausschließlich an zertifizierte US-Anbieter, die ESA bündelt institutionelle Aufträge über das Flight-Ticket-Verfahren bei europäischen Trägern. Viertens: Der eigentliche freie Wettbewerb, einzelne geostationäre Satelliten, Erdbeobachtungs- Missionen, Wissenschaftsnutzlasten, in dem mehrere Anbieter konkurrieren.

Die Größenordnungen sind ungleich verteilt. Von den 165 Falcon-9-Starts 2025 entfielen 123 auf Starlink, womit drei Viertel der Gesamtkadenz dem Eigenbedarf dienten. Die staatliche US-Beschaffung über NSSL Phase 3 ist auf SpaceX, ULA und Blue Origin reserviert. China bedient seine inländischen Aufträge ausschließlich heimisch. Bei nüchterner Betrachtung dürfte der weltweit frei adressierbare Markt für Trägerleistungen im niedrigen zweistelligen Bereich der Jahresstarts liegen – also nur ein kleiner Teil des Gesamtvolumens. Für unabhängige Anbieter wie Rocket Lab, Avio oder Isar Aerospace bedeutet das: Das Wachstum ist real, der adressierbare Anteil jedoch enger als die Aggregatzahlen suggerieren. Strukturell folgt daraus, dass entweder eine vertikale Integration in dieses Wachstumsfeld oder eine stärkere Anbindung an staatliche Auftraggeber den Kern des Geschäftsmodells definieren muss.

Der Kreis der Auftraggeber für Konstellationsstarts ist klein und er wird kleiner. Das Starlink-Netz umfasste Ende März 2026 mehr als 9.600 aktive Satelliten und damit etwa 65 Prozent aller aktiven Systeme im Orbit. Die FCC-Lizenz deckt knapp 20.000 Stück ab, Anträge laufen für weitere 22.000. Amazon führt sein LEO-Netzwerk inzwischen unter dem Namen Amazon Leo und hat im April 2026 Globalstar für 11,57 Mrd. USD übernommen. Das Ziel von 3.200 Satelliten bis 2029 bleibt bestehen. China baut Guowang und Qianfan parallel weiter aus, der staatliche Anspruch lautet, künftig 2.000 Satelliten pro Jahr zu starten. In Europa entsteht mit IRIS² ein eigenes System: rund 290 Satelliten in mehreren Orbits, Budget 10,6 Mrd. EUR, davon rund 6,4 Mrd. EUR aus öffentlichen Mitteln. Das Konsortium SpaceRISE – SES, Eutelsat und Hispasat sowie acht Unterauftragnehmer – unterzeichnete die Konzession im Dezember 2024.

Der Zeitplan von IRIS² ist mehrfach gerissen. Der Beginn des Dienstbetriebs verschob sich von ursprünglich 2024 über 2026 und 2028 auf inzwischen 2030; der Vollausbau ist für 2031 vorgesehen. Ausschlaggebend waren die Kostenentwicklung, ein technisch überfrachtetes Anforderungsprofil und die begrenzten Fertigungskapazitäten der europäischen Zulieferindustrie. Die Auflage, IRIS² auf europäischen Trägern zu starten, ist dafür nicht verantwortlich – sie ist ein separater Sachverhalt und bindet Auftragsvolumen für ArianeGroup und Avio. An der strukturellen Schwäche Europas ändert diese Bindung nichts: Sie sichert Aufträge, erhöht aber nicht die Startfrequenz, an der es europäischen Trägern fehlt.

Die Verteidigung bildet die zweite tragende Säule. Die US Space Force vergab im April 2025 unter NSSL Phase 3 Lane 2 ein Volumen von 13,7 Mrd. USD an SpaceX (5,9 Mrd. USD / 28 Missionen), ULA (5,3 Mrd. USD / 19 Missionen) und Blue Origin (2,4 Mrd. USD / 7 Missionen). Das vom Weißen Haus im Mai 2025 angekündigte Golden-Dome-Programm, die Kostenschätzungen bewegen sich zwischen 175 und 500 Mrd. USD über zwanzig Jahre und leitet allein im aktuellen Haushalt 25 Mrd. USD in weltraumgestützte Raketenabwehr-Komponenten. Zwölf Auftragnehmer teilen sich vorerst 3,2 Mrd. USD an Entwicklungsaufträgen. In Europa beschloss die ESA-Ministerkonferenz im November 2025 ein Rekordbudget von 22,3 Mrd. EUR für 2026 bis 2028, knapp ein Drittel mehr als in der Vorperiode. Deutschland plant zusätzlich 35 Mrd. EUR für militärische Weltrauminfrastruktur. Das Mengengerüst der Branche stützt sich damit nicht auf Wachstumsspekulation, sondern auf bereits hinterlegte Beschaffungsprogramme.

Daraus folgt eine klare Marktstruktur: Die Nachfrageseite ist breit, der frei zugängliche Teil schmal. Für Investoren heißt das, dass sich das Wachstum des Trägermarktes über die unabhängigen Trägeranbieter nur begrenzt abbilden lässt. Zugang bieten in erster Linie die vertikal integrierten Betreiber, die ihre Startkapazität selbst auslasten, und die Zulieferer, die an staatlichen Ankeraufträgen hängen, oder eine Kombination aus beidem. Die nachfolgende Betrachtung der Anbieterseite ordnet das Wettbewerbsfeld entlang dieser Logik.

5. Regulatorische Barrieren, Protektionismus und Geopolitik

Der Weltraummarkt ist kein freier Wirtschaftsraum, sondern ein staatlich protektioniertes Oligopol. Für Investoren ergeben sich daraus fünf fundamentale, transatlantisch differenzierte Risikofaktoren:

Das ITAR-Regime als globale Skalierungsbremse: In den USA unterliegen Trägerraketen den International Traffic in Arms Regulations (ITAR) und werden rechtlich wie Kriegswaffen behandelt. Das strikte Verbot, sensible Daten oder Komponenten mit Nicht-US-Bürgern zu teilen (Deemed Export), behindert internationale Kooperationen und erschwert ausländischen Newcomern den Zugang zum US-Ökosystem.

Nationaler Protektionismus bei Staatsaufträgen: Die hochprofitablen institutionellen und militärischen Ankeraufträge (wie das NSSL-Programm der US Space Force) sind gesetzlich fast ausschließlich heimischen Anbietern vorbehalten (Buy American). Ein freier globaler Leistungswettbewerb um staatliche Budgets existiert faktisch nicht.

Europas strategisches Dilemma: Verzögerungen bei der Ariane 6 zwangen ESA und EU zu Starts mit SpaceX. Europas Souveränität hängt damit temporär von US-Zulassungen (FAA) ab. Zudem bremst das ESA-Prinzip des geografischen Rückflusses (Geo-Return) die kostensenkende vertikale Integration europäischer Newcomer, da Fertigungsaufträge politisch über die Mitgliedsstaaten verstreut werden müssen.

Geopolitische Blockbildung: Der Markt spaltet sich in autarke Hemisphären. Während der Westen von den USA dominiert wird, baut China mit den Megakonstellationen Guowang und Qianfan (jeweils >12.000 Satelliten) ein komplett geschlossenes Ökosystem auf. Westlichen Akteuren bleibt dieser Markt strukturell verwehrt.

Kapitalmarkt-Engpass Versicherung: Jüngste Fehlstarts und technische Anomalien bei Raketenstarts sowie daraus resultierende Satellitenverluste haben zu deutlich strengeren Versicherungsbedingungen im Raumfahrtmarkt geführt. Die gestiegenen Prämien belasten insbesondere unabhängige Satellitenbetreiber, während vertikal integrierte Anbieter wie SpaceX solche Risiken teilweise intern abfedern können.

6. Das transatlantische Gefälle wird größer

In den USA hat sich ein Monopol etabliert. Knapp 85 Prozent aller USamerikanischen Orbitalstarts gingen 2025 auf das Konto von SpaceX. Allein die Falcon 9 flog 165-mal und damit häufiger als alle übrigen US-Anbieter zusammen. Ökonomisch handelt es sich um einen dominanten Anbieter mit einem schmalen Wettbewerbsrand. Dieser Rand besteht nicht, weil der Markt ihn hervorbringt, sondern weil die Beschaffungspolitik ihn erhält. Die US Space Force zertifiziert unter NSSL bewusst mehrere Anbieter und verteilt Startvolumen auf sie, um nicht von einem einzigen Träger abhängig zu sein. Wettbewerb ist hier ein beschafftes Gut.

Wie schmal dieser Rand ist, zeigt das laufende Jahr. United Launch Alliance (ULA, Joint Venture von Boeing und Lockheed Martin) erhielt für Vulcan Centaur im März 2025 die Zertifizierung für militärische Hochsicherheits-Missionen und löst damit die Atlas-V-Familie ab, deren verbleibender Vorrat für zivile Aufträge bis Ende der Dekade reicht. Seit Februar 2026 ist Vulcan allerdings nach einer Anomalie an den Feststoffboostern nicht mehr geflogen. Blue Origin gelang mit dem zweiten New-Glenn-Flug im November 2025 die Booster-Landung, beim dritten Flug im April 2026 erstmals auch die Wiederverwendung einer gelandeten Erststufe. Die Oberstufe versagte jedoch und setzte den ASTSpaceMobile- Satelliten in einer fehlerhaften Umlaufbahn aus, die FAA eröffnete eine Untersuchung. Am 28. Mai 2026 explodierte dann eine New Glenn bei einem Hotfire-Test auf Launch Complex 36. Die Rakete wurde zerstört und die einzige einsatzfähige Startrampe des Unternehmens schwer beschädigt. Blue Origin strebt die Rückkehr zum Flugbetrieb bis Ende 2026 an, in der Branche gilt dieser Zeitplan als ambitioniert. Beide staatlich alimentierten Alternativen zu SpaceX fliegen damit derzeit nicht.

Hinter dem Marktführer formiert sich eine zweite Reihe bislang stärker im Auftragsbuch als am Startplatz. Rocket Lab meldete für das erste Quartal 2026 einen Auftragsbestand von 2,2 Mrd. USD, die kleine Electron-Rakete bleibt der zweithäufigste US-amerikanische Träger. Der Erstflug der mittelgroßen Neutron verschob sich nach dem Bersten eines Erststufentanks im Hydrostatiktest im Januar 2026 auf frühestens das vierte Quartal 2026, die zweite Verschiebung binnen eines Jahres. Parallel verfolgt Rocket Lab eine konsequente vertikale Integrationsstrategie mit Zukäufen wie Geost (Sensor-Nutzlasten, 275 Mio. USD) und der Münchener Mynaric (optische Laserkommunikation). RelativitySpace treibt den Terran-R-Erstflug voran, Stoke Space arbeitet mit einer 510 Mio. USD Finanzierung an der vollständig wiederverwendbaren Nova, und das Joint Venture aus Firefly Aerospace und Northrop Grumman entwickelt die Eclipse-Rakete für mittlere Nutzlasten. Die Spannweite der Geschäftsmodelle ist groß. Die Selektion zwischen den Anbietern dürfte in den kommenden Jahren eher zu- als abnehmen.

China holt sichtbar auf. LandSpace startete im Dezember 2025 erstmals die Zhuque-3, eine Rakete in der Größenklasse der Falcon 9 mit Edelstahlstruktur. Der Versuch einer Booster-Landung scheiterte, der Aufstieg aber verlief regulär. Die chinesische Industrie plant für 2026 rund 140 Orbitalstarts nach 92 im Vorjahr. Mittelfristig sollen mehr als 100 Starts pro Jahr mit Flüssigkeitstreibstoff erfolgen. Anders als in den USA und Europa läuft die Konsolidierung in China weitgehend ohne öffentliche Bewertungssignale ab. Beobachter sind auf staatliche Mitteilungen und satellitengestützte Startbeobachtung angewiesen.

Europa kämpft strukturell an drei Fronten. Erstens fliegt Ariane 6 nicht wiederverwendbar. Vier erfolgreiche Starts seit dem Erstflug im Juli 2024 belegen die technische Reife, das Kostenmodell dürfte gegenüber Falcon 9 auf absehbare Zeit aber nicht konkurrenzfähig bleiben. Der Themis-Demonstrator der ArianeGroup nahm 2025 Tests zur Wiederverwendung in Schweden auf. Eine kommerziell einsatzfähige und wiederverwendbare europäische Schwerlastrakete erscheint vor Anfang der 2030er Jahre kaum realistisch. Zweitens steht Vega C seit Sommer 2025 unter alleiniger Verantwortung von Avio. Die ersten kommerziellen Erfolge, zwei Startverträge mit einem Volumen von 100 Mio. EUR im Dezember 2025 und ein Auftragsbestand von 2,17 Mrd. EUR per Jahresende 2025, zeigen, dass das eigenständige Marktauftreten funktioniert. Vega C bleibt allerdings ein Kleinlastträger und schließt die Lücke im Schwerlastsegment nicht. Drittens versucht die ESA mit dem European Launcher Challenge die Aufholjagd in der Breite. Auf der Ministerratstagung CM25 in Bremen stellte sie ein Auftragsvolumen von insgesamt 902,16 Mio. EUR für fünf Programme bereit: Isar Aerospace (Spectrum, Deutschland), Rocket Factory Augsburg (RFA, Tochter von OHB), MaiaSpace (Tochter von ArianeGroup), PLD Space (Spanien) und Orbex (Vereinigtes Königreich). Die ESA setzte den Programmen eine Frist bis Ende 2027: Bis dahin ist ein erfolgreicher Start nachzuweisen, um weiter im Rennen um das Auftragsvolumen zu bleiben.

Orbex meldete im Februar 2026 Insolvenz an und ist ausgeschieden. Isar Aerospace startete Spectrum erstmals im März 2025. Die Mission endete nach 30 Sekunden mit dem Verlust der Trägerrakete. Der zweite Flug war ursprünglich für Januar 2026 angesetzt und scheiterte seither an mehreren Startversuchen zuletzt Mitte Juni 2026, ohne dass die Rakete abgehoben hat.

Über all dem steht die angekündigte Konsolidierung der europäischen Satellitenaktivitäten von Airbus, Thales und Leonardo unter dem Codenamen Project BROMO. Die Absichtserklärung vom Oktober 2025 sieht ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem Pro-forma-Umsatz von 6,5 Mrd. EUR und 25.000 Mitarbeitern vor. Der operative Start soll ab 2027 erfolgen, unter Vorbehalt der EU-Wettbewerbsgenehmigung. Entscheidend für unsere Betrachtung: BROMO konsolidiert die Satellitenproduktion, nicht die Trägerseite. Die strukturelle Lücke zwischen europäischer Satellitenfertigung und europäischer Startkapazität wird durch die Fusion eher sichtbarer als geschlossen.

Damit zeichnet sich ein Markt mit drei Geschwindigkeiten ab: ein USamerikanischer Markt mit einem dominanten Anbieter und einem politisch erhaltenen Wettbewerbsrand, ein staatlich getriebener chinesischer Aufholprozess und eine fragmentierte europäische Industrie auf der Suche nach Anschluss. Wer in diesem Umfeld nach Gewinnern sucht, wird nicht in der Breite fündig, sondern dort, wo Anbieter eine eigene Position in der Wertschöpfungskette behaupten. Genau diese Wertschöpfungskette ist Gegenstand des folgenden Abschnitts.

Abb. 4: Globale orbitale Starts 1957-2026

Quelle: SpaceStats, LBBW Research

Abb. 5: Orbitale Starts 2025 nach Anbieter

Quelle: Unternehmen, LBBW Research

7. Wertschöpfung weit über die Trägerhersteller hinaus

Die Aufmerksamkeit konzentriert sich naturgemäß auf die Trägerraketen-Hersteller. Bei SpaceX, ArianeGroup und LandSpace entstehen die Schlagzeilen. Der größere Teil der Wertschöpfung liegt jedoch bei den Zulieferern. Eine vollständige vertikale Integration wie bei SpaceX ist die Ausnahme. Selbst Anbieter wie Blue Origin oder Rocket Lab beziehen substantielle Anteile ihrer Komponenten extern. Für Investoren, die am Wachstum des Trägerraketen-Marktes partizipieren wollen, ohne sich auf das binäre Risiko eines einzelnen Erstflugs einzulassen, lohnt der Blick auf die Lieferkette. Sie ist heterogen aufgebaut: Etablierte Großzulieferer aus der zivilen Luftfahrt und Verteidigung stehen neben hochspezialisierten Nischenanbietern.

Antrieb und Triebwerke bilden den technologischen Engpass. Die Eintrittsbarrieren sind hoch, die Entwicklungszyklen lang und die Auftragsbeziehungen vertraglich tief verankert. Das RL10-Oberstufentriebwerk treibt seit über 60 Jahren Oberstufen US-amerikanischer Trägerraketen an und kommt in Vulcan Centaur, Atlas V sowie dem Space Launch System der NASA zum Einsatz. Hersteller war Aerojet Rocketdyne, das L3Harris 2023 vollständig für 4,7 Mrd. USD übernahm. Im Januar 2026 kündigte L3Harris an, 60% des daraus herausgelösten Geschäfts für Raumfahrtantriebe und -energieversorgung an die Beteiligungsgesellschaft AE Industrial Partners abzugeben. Der Unternehmenswert dieser Einheit wurde mit 845 Mio. USD angesetzt, L3Harris behält rund 40% und bleibt strategischer Partner. Die Einheit soll künftig wieder unter dem Namen Rocketdyne firmieren, der Abschluss wird für das zweite Halbjahr 2026 erwartet und steht unter Genehmigungsvorbehalt. Das übrige Antriebs- und Wirkmittelgeschäft verbleibt bei L3Harris. In Europa verteilt sich die Antriebs-Wertschöpfung auf zwei Eigner: Safran und Airbus halten gemeinsam die ArianeGroup und damit die Vulcain- und Vinci-Triebwerke der Ariane 6. Avio fertigt den P120C-Feststoffbooster, der sowohl in Ariane 6 als auch in Vega C zum Einsatz kommt, eine seltene Position als Lieferant für beide europäischen Trägerfamilien.

Strukturen, Werkstoffe und Spezialkomponenten bilden die zweite tragende Säule. Howmet Aerospace erzielte 2025 einen Umsatz von 8,3 Mrd. USD (+11 Prozent) bei einer adjusted-EBITDA-Marge von mehr als 30%. Die Defense-Aerospace-Sparte wuchs um 21%, getragen unter anderem von Triebwerksteilen, Befestigungssystemen und Titan-Komponenten für Raketenantriebe und Raketenabwehrsysteme. Im Dezember 2025 kündigte Howmet die Übernahme von Consolidated Aerospace Manufacturing für 1,8 Mrd. USD an. Das Zielunternehmen liefert Hochdruck-Fluidsysteme für kommerzielle Trägerraketen und Raketenabwehrprogramme. Auf europäischer Seite stehen die OHB-Tochter MT Aerospace (Tanks und Strukturen für Ariane 6) und die schweizerische Beyond Gravity (Nutzlastverkleidungen, Strukturkomponenten). Beyond Gravity gehört zur RUAG International Holding, deren Aktien vollständig von der Schweizerischen Eidgenossenschaft gehalten werden. Der lange vorbereitete Verkauf wurde vom Parlament aus sicherheitspolitischen Erwägungen gestoppt. In den USA konkurriert Northrop Grumman bei Feststoff-Boostern für mehrere Programme direkt mit Rocketdyne.

Spezialgewerke runden die Wertschöpfungskette ab. Strahlungsresistente Mikroelektronik bildet einen weltweiten Engpass, etablierte Anbieter sind STMicroelectronics, Microchip Technology und Texas Instruments. Kohlefaserumwickelte Druckbehälter werden nur von wenigen spezialisierten Werken gefertigt. Wie kritisch diese Komponente ist, zeigte sich im April 2026, als Isar Aerospace einen Startversuch wegen eines vermuteten Lecks an einem solchen Behälter abbrechen musste. Bei der optischen Laserkommunikation, die für Satelliten in den großen Konstellationen zunehmend Standard wird, hat sich der Markt konsolidiert: Rocket Lab übernahm im November 2025 die Münchener Mynaric. Als eigenständiger europäischer Anbieter von Rang verbleibt damit im Wesentlichen Tesat-Spacecom, eine Tochter von Airbus. Im Bereich additive Fertigung, 3D-gedruckte Brennkammern, Düsen und komplexe Geometrien, etablieren sich Anbieter wie EOS und AMCM als Lieferanten für mehrere Trägerprogramme.

Die Folge ist eine in Breite und Tiefe deutlich diversifizierte Anlagemöglichkeit. Wer am strukturellen Wachstum des Trägerraketen-Marktes partizipieren möchte, ohne sich auf das Erstflugrisiko eines einzelnen Newcomers oder die hohe Bewertung des Marktführers einzulassen, findet entlang der Lieferkette eine breitere Auswahl. Die Hebelwirkung des Trägerraketen-Wachstums fällt allerdings sehr unterschiedlich aus.

Bei Spezialisten wie Avio oder MT Aerospace wirkt sie unmittelbar. Bei diversifizierten Konzernen wie Safran oder Howmet ist die Raumfahrt dagegen nur ein Geschäftsfeld neben dem zivilen Luftfahrt- und Industriegeschäft. Der Wachstumsbeitrag der Trägerraketen verwässert entsprechend.

8. Schlüsselfaktoren für Wachstum und Bewertung

Die vorangegangene Analyse des Weltraummarktes und der Trägerraketenindustrie ruht auf zwei zentralen Annahmen, die für die Branchenentwicklung und darauf aufbauend für eine Investmentlogik entscheidend sind.

Die erste Annahme betrifft Starship. Die vollständig wiederverwendbare Architektur ist technisch nicht bewiesen. Zwölf Testflüge seit April 2023 zeigen substantielle Fortschritte, aber auch wiederkehrende Probleme beim Hitzeschild, bei den Triebwerken und beim atmosphärischen Wiedereintritt. Seit Mai 2026 fliegt die dritte Hardware-Generation, die SpaceX als Block 3 bezeichnet: neu ausgelegte Ober- und Unterstufe, Raptor-3-Triebwerke, größere Treibstoffkapazität und die Vorrüstung für die Betankung im Orbit. Ihr Erstflug am 22. Mai 2026 verlief zweigeteilt. Die Oberstufe erreichte trotz eines Triebwerksausfalls die geplante Flugbahn, setzte ihre Nutzlastattrappen ab und überstand den Wiedereintritt. Die Unterstufe geriet nach der Stufentrennung außer Kontrolle, zündete beim Rückführungsmanöver nur einen Teil ihrer Triebwerke und schlug mit rund 1.450 km/h im Golf von Mexiko auf. Die FAA stufte den Flug als Störfall ein und setzte Starship bis zum Abschluss der Untersuchung aus.

Aufschlussreicher als der einzelne Flug ist die Kadenz. Nach zwei Flügen 2023, vier 2024 und fünf 2025 kam Starship im ersten Halbjahr 2026 auf einen einzigen, bei einer FAA-Genehmigung für bis zu 25 Starts pro Jahr allein in Texas. Zwei Nachweise stehen zudem vollständig aus: die kontrollierte Bergung beider Stufen im Serienbetrieb und die Übertragung von Treibstoff im Orbit. Ohne beides stellt sich die für Starship unterstellte Ökonomie nicht ein. Gelingt bis Mitte 2027 keiner dieser Nachweise, verschiebt sich die Kosteneffizienz um mehrere Jahre, und ein Teil der hier abgeleiteten Ökonomie wäre zu revidieren. Wichtig ist allerdings der Hinweis: Auch ohne Starship behält SpaceX mit der Falcon 9 einen deutlichen Vorsprung gegenüber Blue Origin, dem einzigen anderen Anbieter, der eine Schwerlast-Unterstufe je geborgen hat. Die New Glenn von Blue Origin fliegt jedoch seit der Explosion im Mai 2026 nicht mehr. Damit bleibt die grundsätzliche Aussage zur Wiederverwendbarkeit qualitativ bestehen, auch wenn der Zeitpunkt der Kosteneffizienz offen ist.

Die zweite Annahme betrifft die Marktstruktur. Die Wachstumsperspektive unterstellt einen Markt, in dem die zusätzliche Startkapazität durch Konstellationsaufbau, Verteidigungsprogramme und institutionelle Missionen weitgehend absorbiert wird. Weltweit arbeiten mehr als zwanzig Anbieter an wiederverwendungsfähigen Trägern. Sollte die Kombination aus stark fallenden Listenpreisen und niedrigeren Auslastungsgraden zu einem Kapazitätsüberhang führen, wäre ein Konsolidierungsszenario analog zur Satellitentelefonie um 1999 denkbar. Bewertungsabschläge im gesamten Sektor, Übernahmen und Marktaustritte finanzschwächerer Anbieter wären die Folgen.

Kurzfristig weist die Evidenz jedoch in die Gegenrichtung. Ein Überhang setzt voraus, dass die angekündigte Kapazität auch entsteht. 2026 entsteht sie nicht: Vulcan fliegt seit Februar nicht, New Glenn seit Mai nicht, der Neutron-Erstflug rutschte in das vierte Quartal, Spectrum hat den Orbit noch nicht erreicht. Der Kapazitätsüberhang ist damit kein Nah-, sondern ein Fernrisiko. Die nähere Gefahr für unabhängige Anbieter liegt darin, den Nachweis der eigenen Startfähigkeit zu spät zu erbringen. Die Nachfrage nach Starts bliebe in beiden Fällen unberührt. Sie speist sich, wie gezeigt, aus bereits hinterlegten Programmen. Zur Disposition stünde primär die Verteilung der Gewinne über das Anbieterfeld. In diesem Szenario wäre eine breite Streuung über den gesamten Sektor anfälliger als eine gezielte Auswahl finanziell solider Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette.

9. Der Kapitalmarkt-Blick

Mit dem Börsengang von SpaceX (kurz für Space Exploration Technologies Corp. – Ticker SPCX) hat die bislang weitgehend private Trägerraketenindustrie erstmals ein bedeutendes börsennotiertes Unternehmen mit globaler Sichtbarkeit. Ein sauberer Zugang zum Trägergeschäft ist damit allerdings nicht entstanden. SPCX bündelt Startdienstleistungen, Starlink und die eingebrachten KI-Aktivitäten in einem Konzern. Wohin das frische Kapital fließt, zeigte sich vier Tage nach der Erstnotiz, als SpaceX die Übernahme des KI-Entwicklungswerkzeugs Cursor für 60 Mrd. USD vereinbarte, vollständig bezahlt in eigenen Aktien und mit einer Verwässerung von rund 3,4% auf die IPO-Bewertung. Wer gezielt am Trägerraketen-Markt partizipieren will, findet die Anknüpfungspunkte deshalb weiterhin entlang der Wertschöpfungskette. Das dort entstandene Anlageuniversum lässt sich im Wesentlichen in drei Gruppen einteilen.

Erstens: Spezialisierte Trägerhersteller. Hierzu zählen börsennotierte Anbieter wie Rocket Lab oder Avio, die direkt und deutlich von steigenden Startvolumina und von Fortschritten bei der Wiederverwendbarkeit profitieren, zugleich aber stark von einzelnen Programmen und technischen Meilensteinen abhängig sind. Wie ausgeprägt diese Abhängigkeit ist, zeigt die Verschiebung des Neutron-Erstflugs von Rocket Lab in das vierte Quartal 2026, nachdem im Januar ein Erststufentank im Test barst. Kursverläufe der vergangenen Quartale bestätigen das Muster: Nachrichten zu Testflügen, Auftragsbestand und Verteidigungsprojekten führen zu überproportionalen Bewegungen, in beide Richtungen.

Zweitens: Diversifizierte Raumfahrt- und Verteidigungskonzerne. Unternehmen wie Safran, Airbus, Thales, Leonardo oder Northrop Grumman verbinden ihre Raumfahrtaktivitäten mit einem breiten Portfolio an Luftfahrt- und Verteidigungsgeschäften. Die Exposition zur Space Economy ist strategisch bedeutsam, macht im Umsatzmix aber meist nur einen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Prozentanteil aus. Für Investoren bieten diese Titel einen stabileren Cashflow-Anker. Der Hebel auf das spezifische Trägerraketen- und Konstellationswachstum fällt jedoch aus den genannten Gründen geringer aus als bei den Pure-Plays. Eine besondere Rolle nimmt hier OHB ein: Der deutsche Raumfahrtkonzern ist zwar kein reiner Trägerhersteller, vereint aber Satellitenfertigung, Missionsdienstleistungen und Beteiligungen an Launcher-Programmen in einem mittelständisch geprägten Vehikel. Der stark gewachsene Auftragsbestand und die enge Verzahnung mit nationalen und europäischen Weltraumprogrammen machen OHB zu einem der wenigen europäischen Titel, die einen fokussierten Zugang zur institutionell geprägten Space-Wertschöpfung bieten, bei allerdings deutlich höherer Volatilität als bei den großen Luft- und Raumfahrtkonzernen.

Drittens: Zulieferer und Spezialisten entlang der Lieferkette. Diese Werte profitieren mittelbar von steigenden Startvolumina und Verteidigungsbudgets, weisen in der Regel aber ein diversifiziertes Endkundenportfolio und etablierte Cashflow-Profile auf. Börsennotiert und damit unmittelbar zugänglich sind hier vor allem Howmet Aerospace (Triebwerksteile, Titanstrukturen), L3Harris (Raumfahrtantriebe, künftig als Minderheitseigner von Rocketdyne) und Northrop Grumman (Feststoffantriebe). Bemerkenswert ist, was in dieser Gruppe fehlt: Zwei der industriell wichtigsten europäischen Zulieferer sind für Investoren gar nicht erreichbar. MT Aerospace (Tanks und Strukturen für Ariane 6) ist eine Tochter von OHB und nur mittelbar über die Mutter abgebildet. Beyond Gravity (Nutzlastverkleidungen, Strukturkomponenten) gehört über die RUAG International Holding vollständig der Schweizerischen Eidgenossenschaft, ein Verkauf wurde politisch gestoppt. Die europäische Zulieferkette ist industriell stark, kapitalmarktseitig aber nur ausschnittsweise investierbar.

Gemeinsam ist allen Zugängen, dass die strukturellen Treiber, Wiederverwendung, Konstellationsaufbau, Verteidigungsbudgets, im Kursniveau bereits teilweise eingepreist sind. Die Differenzierung erfolgt weniger über die Frage, ob man den Sektor abbildet, sondern über das Wie: mit welchem Hebel, in welcher Position in der Wertschöpfungskette und mit welchem Risikobudget.

Fazit

Der Trägerraketen- und Weltraumsektor hat 2026 einen Punkt erreicht, an dem struktureller Wandel und hohe Bewertungserwartungen aufeinandertreffen. Wiederverwendbare Systeme haben die Kostenbasis der Branche dauerhaft verschoben. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird Wiederverwendung im Schwerlastsegment eher Voraussetzung als Differenzierungsmerkmal sein. Gleichzeitig stützt sich die Nachfrage auf vertraglich hinterlegte Programme aus Konstellationsaufbau, Verteidigung und institutioneller Wissenschaft, das Mengengerüst der Branche ruht nicht auf bloßer Wachstumsspekulation. Der Engpass liegt derzeit ohnehin nicht bei der Nachfrage, sondern beim Angebot: Vulcan und New Glenn sind am Boden, der Neutron-Erstflug steht aus, und Starship hat die Bergung beider Stufen im Serienbetrieb noch nicht nachgewiesen.

Die Marktstruktur bleibt asymmetrisch. In den USA steht ein dominanter Anbieter einem schmalen Wettbewerbsrand gegenüber, den die staatliche Beschaffung erhält – und der gegenwärtig nicht fliegt. In China treibt der Staat einen geschlossenen Aufholprozess, Europa ringt mit Fragmentierung und unterschiedlichen politischen Zielsystemen. Entlang dieser Achsen wird sich die weitere Konsolidierung vollziehen, mit klaren Gewinnern dort, wo Technologiekompetenz, vertikale Integration und staatliche Ankeraufträge zusammenfallen.

Für Investoren eröffnet die Space Economy weiterhin ein breites Spektrum an Zugängen, von wachstumsstarken Pure-Plays über diversifizierte Luft- und Raumfahrtkonzerne bis zu Zulieferern mit stabilen Cashflows. Zugänglicher heißt allerdings nicht einfacher. Der Börsengang von SpaceX hat einen börsennotierten Branchenführer hervorgebracht, aber keinen sauberen Zugang zum Trägergeschäft, und zwei der industriell wichtigsten europäischen Zulieferer sind für Anleger überhaupt nicht erreichbar. Über alle Gruppen hinweg gilt zudem: Je reiner das Raumfahrtgeschäft, desto dünner die Marge. Eine „einzig richtige" Eintrittsstelle gibt es nicht. Entscheidend bleibt, die strukturellen Treiber des Marktes, Kostenentwicklung, Konstellationen, Verteidigungsbudgets, zu identifizieren und die Positionierung der Anbieter in diesen Feldern zu bewerten.

Diese Publikation richtet sich ausschließlich an Empfänger in der EU, Schweiz und Liechtenstein.

Diese Publikation wird von der LBBW nicht an Personen in den USA vertrieben und die LBBW beabsichtigt nicht, Personen in den USA anzusprechen.

Aufsichtsbehörden der LBBW: Europäische Zentralbank (EZB), Sonnemannstraße 22, 60314 Frankfurt am Main und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Graurheindorfer Str. 108, 53117 Bonn / Marie-Curie-Str. 24-28, 60439 Frankfurt.

Diese Publikation beruht auf von uns nicht überprüfbaren, allgemein zugänglichen Quellen,die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit und Vollständigkeit wir jedoch keine Gewähr übernehmen können. Sie gibt unsere unverbindliche Auffassung über den Markt und die Produkte zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses wieder, ungeachtet etwaiger Eigenbestände in diesen Produkten. Diese Publikation ersetzt nicht die persönliche Beratung. Sie dient nur zu Informationszwecken und gilt nicht als Angebot oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf. Für weitere zeitnähere Informationen über konkrete Anlagemöglichkeiten und zum Zwecke einer individuellen Anlageberatung wenden Sie sich bitte an Ihren Anlageberater.

Wir behalten uns vor, unsere hier geäußerte Meinung jederzeit und ohne Vorankündigung zu ändern. Wir behalten uns des Weiteren vor, ohne weitere Vorankündigung Aktualisierungen dieser Information nicht vorzunehmen oder völlig einzustellen. Die in dieser Ausarbeitung abgebildeten oder beschriebenen früheren Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen stellen keinen verlässlichen Indikator für die künftige Wertentwicklung dar.

Die Entgegennahme von Research Dienstleistungen durch ein Wertpapierdienstleistungsunternehmen kann aufsichtsrechtlich als Zuwendung qualifiziert werden. In diesen Fällen geht die LBBW davon aus, dass die Zuwendung dazu bestimmt ist, die Qualität der jeweiligen Dienstleistung für den Kunden des Zuwendungsempfängers zu verbessern.

Corporate Blickpunkt als PDF Download

Eine Frau hält ein Smartphone in der Hand
Eine Frau hält ein Smartphone in der Hand

Newsletter abonnierenExklusive Studie sichern

Jetzt anmelden!

Weltweit

LBBW weltweit

Benachrichtigungen

Bleiben Sie mit unseren Benachrichtigungen auf dem neusten Stand.

Es ist ein Fehler aufgetreten

Benachrichtigungen konnten nicht aktiviert werden

Um Benachrichtigungen zu erhalten, ist es erforderlich, dass Sie Benachrichtigungen in Ihren Browsereinstellungen aktivieren bzw. zulassen. Eventuell stehen Benachrichtigungen auf Ihrem Endgerät nicht zur Verfügung.

Wählen Sie die Rubriken für Ihre Benachrichtigungen aus. Sie können diese Einstellung jederzeit ändern.

Es ist ein Fehler aufgetreten