07.07.2026
Irankrieg belastet Weltwirtschaft
Halbjahresausblick 2026 | Der Golfkonflikt zeigt: In einer globalisierten Wirtschaft bleiben Konflikte solchen Ausmaßes nie regional begrenzt.
Halbjahresausblick 2026 - Geopolitik
- Von: Matthias Krieger, Senior Economist
- Von: Sandro Pannagl, Senior Economist
Blockade der Straße von Hormus bedroht globale Konjunktur
Die Möglichkeit einer anhaltenden Sperrung der Straße von Hormus oder künftig hoher Durchfahrtsgebühren für den Transport von Öl, Flüssiggas und Düngemitteln sowie chemischen Grundstoffen zu deren Herstellung stellt weiterhin eine Gefahr für die gesamte Weltwirtschaft dar. Noch immer ist unklar, ob sich die USA, Israel und Iran letztlich auf einen Friedensvertrag für die Gesamtregion werden einigen können. Und selbst wenn, bleiben dessen Inhalt und Dauerhaftigkeit noch ziemlich vage. Sollte etwa Israel seine langfristigen Sicherheitsinteressen bei den Verhandlungen zu wenig berücksichtigt finden, besteht die Gefahr neuer militärischer Eskalationen gegen von Iran unterstützte Gruppierungen in der Region. Das könnte Iran dann wiederum zu Reaktionen wie einer erneuten Blockade der Meerenge verleiten. Darüber hinaus lässt sich nicht ausschließen, dass Iran künftig trotz eines Vertrages temporär oder dauerhaft Durchfahrtsgebühren für Tanker und Frachtschiffe verlangt, auch um die hohen Kosten des Wiederaufbaus zu finanzieren. Das könnte zu einer stärkeren Volatilität der Ölpreise führen und damit zu erhöhten Risikoprämien. Immerhin scheint die Bereitschaft, den gewaltsamen Konflikt zu beenden, sowohl seitens der USA als auch Irans recht ausgeprägt zu sein, was zuletzt zu einem deutlichen Rückgang bei den Ölpreisen führte (siehe Abb. 2).
Abb. 2: Ölpreis
WTI, USD pro Fass
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Der Konflikt am Golf hat wieder einmal gezeigt, dass sich eine Auseinandersetzung solchen Ausmaßes in einer globalisierten und stark arbeitsteiligen Weltwirtschaft nicht regional begrenzen lässt. Ihre Folgen für die Rohstoffmärkte, die Inflation, die globalen Lieferketten, die Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte und sogar für die Welternährungssituation verursachen Schäden rund um den Globus.
Der jüngste World Economic Outlook (WEO) vom April 2026 des Internationalen Währungsfonds (IWF) ging noch davon aus, dass der Konflikt die weltwirtschaftliche Aktivität nur moderat abschwächen würde. Der Fonds unterstellte dabei in seinem Hauptszenario aber, dass die kriegsbedingten Störungen bis Mitte des Jahres abgeklungen sein würden. In diesem Fall würde der Zuwachs der Weltproduktion von 3,4 % im Jahr 2025 auf 3,1 % im laufenden Jahr und auf 3,2 % im Jahr 2027 sinken.
Nun scheint ein Frieden zwar greifbar. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts dürften aber noch einige Zeit zu spüren sein. Damit lässt sich konstatieren, dass die Prämisse des IWF für sein Hauptszenario nicht erfüllt ist, zumal die vollständige Minenräumung in der Straße von Hormus wohl Monate dauern wird. Entsprechend erhält ein negativeres Szenario eine deutlich erhöhte Eintrittswahrscheinlichkeit. Im vom IWF als „Adverse Scenario“ bezeichneten Negativszenario, in dessen Richtung sich die aktuelle Entwicklung inzwischen bewegt, würde sich das globale Wachstum 2026 auf 2,5 % verlangsamen. Unsere eigenen Prognosen für die Weltwirtschaft reflektieren die aktuelle negativere Entwicklung schon länger. Wir rechnen für das Welt-BIP 2026 mit einem Zuwachs von 2,7 %, 2027 dann von 2,8 %.
Asien am stärksten von der Blockade betroffen
Für die asiatischen Staaten stellt sich die Situation dabei am herausforderndsten dar. Nach der Sperrung der Straße von Hormus mussten sie rasch Ersatz für die ausfallenden Öl- und Gaslieferungen aus dem Nahen Osten finden. Während die großen und finanzstärkeren Länder der Region (wie China, Japan, Korea) in den meisten Fällen auf heimische Reserven zurückgreifen oder sich trotz hoher Preise entsprechend anderweitig am Weltmarkt versorgen konnten (so dienten gesteigerte US-Ölexporte als Puffer), blieb für die ärmeren Staaten (vor allem in Südasien) oftmals nur die deutliche Einschränkung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivität als Anpassungsmöglichkeit an die Krise.
Trotz der höheren Abhängigkeit von Energieimporten dürfte jedoch die Gefahr eines Inflationsschocks wie im Jahr 2022 gering sein. In der zweitgrößten Volkswirtschaft China verhindert die anhaltend schwache Binnennachfrage, dass sich die Vorleistungskosten allzu stark auf die Verbraucherpreise überwälzen lassen. Auch in Thailand dämpfen Konjunkturabkühlung sowie strukturelle Probleme (beispielsweise die hohe Haushaltsverschuldung) den Preisauftrieb. Hinzu kommen umfangreiche staatliche Treibstoffsubventionen, die vor allem in Malaysia (als Nettoenergieexporteur zudem besser vor den jüngsten Verwerfungen geschützt) und Indonesien die Haushalte vor zu starken Kostensteigerungen bewahren. Dort, wo der Preisdruck deutlicher ausfällt, steuern Zentralbanken bereits mit ersten Zinserhöhungen gegen (etwa auf den Philippinen) oder dürften dies in Kürze tun (etwa Korea).
Dass die Wirtschaft in den meisten Fällen mit einem blauen Auge davonkommen dürfte, hängt im Wesentlichen mit einer weiterhin robusten Industriedynamik zusammen. Die massiven Investitionsausgaben der US-Tech-Branche bescheren der asiatischen Elektronikindustrie dabei einen regelrechten Export-Boom und sorgen für deutlich steigende Unternehmensgewinne. Auch die seit Ende Februar niedrigeren US-Zölle wirken positiv auf die Produktion. Die teils sogar nach oben revidierten Wachstumsprognosen der globalen Chip-Schwergewichte Taiwan und Korea verdeutlichen zugleich ein grundlegendes Problem. Denn in vielen asiatischen Volkswirtschaften verstärkt sich das Muster einer sogenannten „K-shaped economy“, bei der einzelne boomende Branchen einem zunehmend größeren, nur schwach wachsenden Teil der Wirtschaft gegenüberstehen. Die starke Abhängigkeit von wenigen Wachstumstreibern schafft dabei erhebliche Konzentrationsrisiken für die Weltwirtschaft. Und der jüngste Energiepreisschock hat diese Ungleichgewichte weiter verstärkt. Neue geopolitische Schocks könnten damit im schlimmsten Fall genau jene Trigger darstellen, die die KI-getriebene Wachstumsdynamik zum Erliegen bringen. Dem kann nur eine stärkere Diversifizierung der Wachstumskräfte entgegenwirken.
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