Cara  Schulze bei  der LBBW die konzernweite Verantwortung für das Thema Nachhaltigkeit

Die Zukunft gestalten, indem wir besser wirtschaften

Weit mehr als Klimaschutz: Nachhaltiges Wirtschaften stellt die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft. Interview mit Cara Schulze, Leiterin Nachhaltigkeit der LBBW.

Wir erleben laut Bundeskanzler Olaf Scholz gerade eine „Zeitenwende“. Passt Nachhaltigkeit überhaupt noch in diese Zeit?

Cara Schulze: Stärker denn je, das gilt insbesondere für Deutschland. Uns wird gerade bewusst, wie sehr wir uns in einem globalen Netzwerk von Abhängigkeiten bewegen. Das macht es schwierig, richtige und notwendige Entscheidungen schnell zu treffen und umzusetzen. Doch wenn uns diese „Zeitenwende“ dazu bringt, besser – also verantwortungsvoller und damit nachhaltiger – zu wirtschaften, dann können wir die Krise als Chance nutzen.

Der Fokus auf nachhaltiges Wirtschaften soll vor allem den Klimawandel aufhalten. So richtig viel passiert ist da ja bislang nicht …

Schulze: Das kann ich so nicht unterschreiben. Viele Unternehmen und noch mehr Privatpersonen haben ihr Verhalten verändert, um Ressourcen zu schonen, um Emissionen zu vermindern und um so den Klimawandel aufzuhalten. Bislang auf freiwilliger Basis. Druck durch Gesetze gab es bislang nicht – genau das ändert sich allerdings gerade.

Sie sprechen von der EU-Taxonomie. Sollen diese Vorgaben die Unternehmen zwingen, nachhaltiger zu wirtschaften?

Schulze: „Zwingen“ ist ein zu starkes Wort, eher passt „anregen“. Kein Unternehmen wird durch die Vorgaben der EU-Taxonomie zu irgendetwas gezwungen. Das Regelwerk spielt eher über Bande: Unternehmen müssen künftig verlässlich und vergleichbar offenlegen, wie nachhaltig – oder eben nicht – sie wirtschaften. Diese Informationen helfen Anlegern bei der Entscheidung, ob sie in dieses Unternehmen investieren wollen. Und sie zeigen Banken als Finanzierungspartnern, wie nachhaltig und damit zukunftsfähig das Geschäftsmodell dieses Unternehmens ausgelegt ist. Wenn Anleger beim Investieren und Banken beim Finanzieren zögern, dann bewirkt dieses Zögern etwas – davon geht zumindest die EU-Kommission aus.

Wie schnell können die Unternehmen diese „Anregungen“ aus Brüssel überhaupt umsetzen?

Schulze: Der Umsetzungsaufwand ist nicht zu unterschätzen, denn Unternehmen werden aufgrund der regulatorischen Vorgaben – aber auch der gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen – oft in neue Technologien und in die Anpassung ihrer Geschäftsmodelle investieren müssen. Einige Firmen beschäftigen sich bereits seit Jahren damit, andere haben noch Beratungsbedarf bei strategischen Überlegungen zum Geschäftsmodell oder bei der Wahl nachhaltiger Finanzierungsformen. Für uns steht dabei aber eines fest: Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen werden in Zukunft erfolgreicher sein als Firmen, die diesem Aspekt weniger Aufmerksamkeit widmen. Denn Nachhaltigkeit sorgt bei Unternehmen für eine größere Resilienz und macht sie so krisenfester. Wir als Bank können unseren Kundinnen und Kunden in vielen Bereichen dabei helfen, den scheinbaren Gegensatz zwischen ökologischen Notwendigkeiten und wirtschaftlichem Erfolg aufzulösen.

Wenn uns die „Zeitenwende“ dazu bringt, besser – also verantwortungsvoller und damit nachhaltiger – zu wirtschaften, dann können wir die Krise als Chance nutzen.

Cara Schulze, Leiterin Nachhaltigkeit der LBBW

Nimmt die EU-Taxonomie die Banken über die Rolle als Nachhaltigkeitsberater hinaus in die Pflicht?

Schulze: Banken müssen künftig ebenso wie große Unternehmen einen Nachhaltigkeitsreport laut Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) mit vorgegebenen Kennzahlen vorlegen. Diese Informationen sollen es unter anderem erlauben, die Nachhaltigkeitsrisiken und -strategien der einzelnen Banken zu vergleichen. Zudem signalisieren die Kennzahlen, wie schnell Finanzinstitute zu nachhaltigeren Geschäftsmodellen übergehen.

Außerdem will die europäische Bankenaufsicht EBA die sogenannte Green Asset Ratio (GAR) als zentrale Kennzahl für die Nachhaltigkeit von Banken einführen, also das Verhältnis von gemäß Taxonomie-Verordnung ökologisch nachhaltigen Assets zu allen Assets einer Bank. Um die GAR berechnen zu können, sind Banken auf Kundendaten angewiesen. Das ist relativ unkompliziert, wenn die Unternehmen ebenfalls gemäß NFRD berichtspflichtig sind und entsprechende Taxonomie-KPIs offenlegen müssen. Da aber viele Mittelständler nicht von der Berichtspflicht betroffen sind, können deren nachhaltige Investitionen formal nicht als „grün“ gewertet werden, da die entsprechenden Informationen nicht vorliegen. Dies betrifft aktuell auch Projektfinanzierungen im Bereich erneuerbare Energien, die typischerweise über Zweckgesellschaften (SPVs) realisiert werden. Diese SPVs liegen ebenfalls nicht im Anwendungsbereich der Taxonomie und damit fallen leider viele Projekte im Bereich regenerativer Energien aus der Green Asset Ratio raus.

Viel Bürokratie, aber wenig Klimaschutz?

Schulze: Was da aus Brüssel kommt – und noch kommen wird! –, ist schon eine Menge. Diese Kleinteiligkeit verfolgt den Zweck, mögliche Schlupflöcher zu schließen. Schließlich sollen alle Unternehmen daran mitwirken, den Klimawandel aufzuhalten. Und Banken haben dabei eine Schlüsselrolle.

Nimmt die LBBW diese Herausforderung an?

Schulze: Unser aktueller Nachhaltigkeitsbericht zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber es gibt noch viel zu tun. Wir werden daher Nachhaltigkeitsaspekte wie Klimarisiken und CO₂-Emissionen noch stärker in unser Risikomanagement implementieren und Unternehmen weiterhin bei der Anpassung ihrer Geschäftsmodelle unterstützen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, nachhaltige Projekte und Innovationen zu finanzieren, um die notwendige Transformation dadurch aktiv mitzugestalten. Laut EU-Kommission müssen jährlich mindestens 260 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, diese Investitionslücke zu schließen.

Kann „Green Finance“, können also nachhaltige Finanzierungen diese Lücke schließen?

Schulze: Green Finance boomt, vor allem die vielen verschiedenen Facetten von ESG-linked-Finanzierungen (ESG steht für Environment, Social, Governance). Hier werden klassische Finanzierungsformen mit der Nachhaltigkeitsentwicklung des Unternehmens verbunden. Deshalb bieten die ESG-verknüpften Finanzierungen eine größere Flexibilität. Ob Anleihen, Kredite oder Leasing: Die Nachfrage ist enorm. Sollte sich die Entwicklung in dieser Geschwindigkeit fortsetzen, könnten ESG-Finanzinstrumente in drei bis fünf Jahren tatsächlich der neue Standard sein. Bei der Vertragsgestaltung ist es dabei enorm wichtig, die richtigen Kennzahlen zu definieren, um den vereinbarten Fortschritt auch messen zu können. Hier stellt sich die Datenverfügbarkeit teilweise noch als Herausforderung dar. Unser Sustainability Advisory unterstützt Unternehmen bereits heute darin, eine Finanzierung nach ESG-Kriterien zu realisieren.

Green Bonds

E = Environment

Bewertet wird hierbei der Umgang eines Unternehmens oder einer Branche mit den natürlichen Ressourcen der Erde sowie die dabei durchgeführten Maßnahmen zum Schutz von Ökosystem und Klima – zum Beispiel durch reduzierte Emissionen.

Versicherer

S = Social

Bewertet wird hierbei, inwieweit unternehmerisches Handeln im Einklang mit den Menschenrechten verläuft und ob ein Unternehmen in seiner Lieferkette die gängigen Sicherheits- und Sozialstandards einhält – zum Beispiel indem Missstände bei Produktion- und Arbeitsbedingungen vermieden werden.

Parlament

G = Governance

Bewertet wird hier, ob die Unternehmensführung transparent und vollständig kommuniziert und ob zum Beispiel strukturelle Gerechtigkeitsfragen klar nach Verhaltens- und Vergütungsrichtlinien definiert werden.

Unternehmen müssen sich nicht nur mit ESG-Finanzierungen anfreunden, sondern auch mit der wachsenden Rolle des Emissionshandels. Werden Unternehmen damit nicht unnötig belastet?

Schulze: Wir unterstützen Unternehmen dabei, sich auf die Herausforderungen des Emissionshandels vorzubereiten. Wir haben derivative Finanzinstrumente entwickelt, mit denen sich unsere Kunden gegen schwankende CO₂-Preise absichern können. Dieses innovative Angebot entlastet diese Kunden bei der Finanzierung der Transformation und hilft bei der Steuerung der damit verbundenen Risiken. Dieses Beispiel zeigt, wie sich auch die LBBW mit ihren Angeboten weiterentwickelt, um Unternehmen bei ihrer Transformation zu unterstützen. Aus unserer Sicht sind all das essenzielle Schritte in eine klimaneutrale Zukunft.

Grundsätzlich sehen wir den Emissionshandel als einen der wichtigsten Hebel, um den Ausstoß an Kohlendioxid, also CO₂, und anderen Treibhausgasen entscheidend zu senken. Je mehr Branchen und Industrien in den Emissionshandel einbezogen werden, desto mehr Wirkung wird er zeigen.

Kritiker bemängeln, dass die Kosten, die eigentlich die Unternehmen tragen sollten, an die Verbraucher weitergegeben werden.

Schulze: Genau deshalb steuert die Politik ja auch dagegen, indem sie finanziell schwächere Haushalte unterstützt. Allerdings steckt die Politik in einem größeren Dilemma, was Finanzminister Christian Lindner neulich vorsichtig angedeutet hat. „Einen allgemeinen Verlust an Wohlstand“ könne der Staat kaum verhindern, sagte er. Ähnlich hat es der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz formuliert: Der Zenit des Wohlstands in Deutschland sei überschritten, „wir werden uns das eine oder andere nicht mehr leisten können“.

Das ist für mich die wahre Zeitenwende. Es geht künftig nicht mehr um Wachstum um jeden Preis. Jetzt geht es darum, eine sinnvolle Zukunft zu gestalten, indem wir besser wirtschaften. Und das heißt nun mal: nachhaltig.