Cara  Schulze bei  der LBBW die konzernweite Verantwortung für das Thema Nachhaltigkeit

Banken haben beim Klimaschutz eine Schlüsselrolle

Nachhaltigkeit gilt als Grundpfeiler für einen besseren Klimaschutz – aber geht weit darüber hinaus: Interview mit Cara Schulze, Leiterin Nachhaltigkeit der LBBW.

LBBW: Ob gesellschaftlich oder politisch – Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Wo stehen wir als Bank aktuell?

Cara Schulze: Das Thema Nachhaltigkeit hat im letzten Jahr auf verschiedenen Ebenen stark an Fahrt aufgenommen. Da ist zunächst die regulatorische Seite, die sich sehr dynamisch entwickelt hat. Grund hierfür ist vor allem der ambitionierte EU-Aktionsplan mit seinen strengen Zeitvorgaben: Bis zum Jahr 2030 werden die Klimaziele demnach noch einmal deutlich verschärft, und bis 2050 soll Europa der erste klimaneutrale Kontinent der Welt sein. Neben diesen Regularien war die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im vergangenen April ein weiterer Meilenstein. Kurz gesagt, hat das Gericht entschieden, dass das Klimaschutzgesetz von 2019 in Teilen verfassungswidrig ist, da es beim Klimaschutz nicht weit genug geht.

So soll Europa bis 2050 klimaneutral werden

CO2-Emissionen der EU in Milliarden Tonnen – und die Ziele bis 2050

Quelle: Statista

LBBW: Welche Anforderungen kommen durch all diese Entwicklungen konkret auf Unternehmen zu?

Schulze: Der Umsetzungsaufwand ist nicht zu unterschätzen. Denn Unternehmen werden wegen der Vorgaben oft in neue Technologien, Services und Geschäftsmodelle investieren müssen. Vor allem größere Unternehmen werden künftig beim Thema Nachhaltigkeit deutlich stärker in die Pflicht genommen, zum Beispiel durch strengere Reporting-Pflichten. So hat die EU-Kommission im April ihre Vorschläge zur Änderung der CSR-Richtlinie veröffentlicht – diese können dazu führen, dass Unternehmen bereits 2023 umfangreiche Nachhaltigkeitsberichte vorlegen müssen. Das Ziel ist dabei klar: mehr Transparenz bei Nachhaltigkeit.

LBBW: Betreffen diese Änderungen nur große Unternehmen?

Schulze: Nein, betroffen sind auch die Zulieferer – also oft kleine und mittelgroße Unternehmen. Das liegt ganz einfach daran, dass immer mehr große Unternehmen für ihre CSR-Berichte auch ihre Zulieferer zu deren Lieferstandorten befragen. Bestehen dort Defizite bei der Nachhaltigkeit, müssen die Zulieferer diese korrigieren – oder verlieren im Extremfall den Auftrag. Wer auf dem Markt bestehen will, kommt also nicht um das Thema Nachhaltigkeit herum. Ein weiteres wichtiges Beispiel, das Auswirkungen auf viele Unternehmen hat, ist die EU-Taxonomie-Verordnung . Diese wird ein System etablieren, mit dem ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten klassifiziert werden können. Das soll in der EU zu einem einheitlichen Verständnis des Begriffs Nachhaltigkeit führen. Für Unternehmen bedeutet das: Bei der nicht finanziellen Berichterstattung müssen sie künftig deutlich machen, wie und in welchem Umfang ihre Tätigkeiten ökologisch nachhaltig sind.

Die 6 Ziele der EU-Taxonomie

Welt in der Hand

Klimaschutz

Sommer

Anpassung an den Klimawandel

Regenkreislauf

Nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen

Kreislauf

Wandel zur Kreislaufwirtschaft

Quelle: BMI
Recycling

Verschmutzung vermeiden

Bäume

Ökosysteme und Biodiversität schützen

LBBW: Die EU-Taxonomie hat ja auch Auswirkungen auf die Bankenbranche.

Schulze: Richtig, im erweiterten Sinne sind auch Banken wie die LBBW von der EU-Taxonomie betroffen. So will die europäische Bankenaufsicht EBA die sogenannte Green Asset Ratio als zentrale Kennzahl für die Nachhaltigkeit von Banken einführen, also das Verhältnis von nachhaltigen zu nicht nachhaltigen Assets. Um die Green Asset Ratio berechnen zu können, sind wir auf Kundendaten angewiesen. Die Abfrage dieser Daten und die Integration in unseren Datenhaushalt sind dabei eine Herausforderung.

Man verbindet Klimaschutz oftmals eher mit der Automobilindustrie oder dem Energiesektor, also mit denjenigen Branchen, die ersichtliche Emissionsquellen darstellen. Tatsächlich haben aber die Banken eine Schlüsselposition inne, denn sie verteilen das Geld.

Cara Schulze, Leiterin Nachhaltigkeit der LBBW und COO Capital Markets

LBBW: Die Finanzindustrie spielt also eine wichtige Rolle beim Thema Nachhaltigkeit.

Schulze: Der EU-Aktionsplan zeigt: Die Finanzindustrie nimmt sogar eine Schlüsselrolle in den Bereichen nachhaltiges Wachstum und Klimaneutralität ein. Im Fokus stehen dabei drei Kernziele: Kapitalflüsse in nachhaltige Investitionen umzulenken, Nachhaltigkeit in das Risikomanagement einzubeziehen sowie Transparenz und Langfristigkeit bei Finanz- und Wirtschaftstätigkeiten zu fördern. Nachhaltigkeit ist außerdem schon längst Teil der Risikobewertung, wie Veröffentlichungen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), der EZB sowie der EBA aus den letzten zwei Jahren zeigen. Banken müssen gemeinsam mit der Industrie diese Herausforderung angehen. Denn nur so können wir die Wirtschaft langfristig in eine nachhaltigere Zukunft führen.

LBBW: Wo steht die LBBW beim Thema Nachhaltigkeit?

Schulze: Unser aktueller Nachhaltigkeitsbericht zeigt, dass wir mit unserer Strategie auf dem richtigen Weg sind. Aber es gibt noch viel zu tun. In Zukunft möchten wir deshalb Nachhaltigkeitsaspekte wie Klimarisiken und CO2-Emissionen in unser Risikomanagement implementieren und Unternehmen noch stärker dabei unterstützen, die regulatorischen Vorgaben umzusetzen und zu erfüllen.

260 Milliarden Euro

mindestens müssen jährlich zusätzlich investiert werden, um die Klimaziele zu erreichen, laut EU-Kommission.

LBBW: Wie sieht das konkret aus?

Schulze: Wenn unsere Kunden investieren wollen, steht am Anfang die Finanzierung der Investition. Unsere Aufgabe ist es demnach, Impulse für nachhaltige Projekte zu geben. Laut EU-Kommission müssen jährlich mindestens 260 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden, um die Klimaziele zu erreichen. Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, diese Investitionslücke zu schließen. Mit unserem Angebot an nachhaltigen Finanzierungen decken wir bereits jetzt ein breites Spektrum ab – aber wir wollen uns natürlich stetig weiterentwickeln. Ein Beispiel dafür ist das klimaneutrale Leasing unserer LBBW-Tochter SüdLeasing, mit dem unsere Kunden den CO2-Ausstoß von Leasingobjekten kompensieren können. Und gemeinsam mit 15 anderen Banken in Deutschland hat sich die LBBW dazu verpflichtet, den Umfang der von uns mitfinanzierten Treibhausgase in Zukunft zu messen und zu veröffentlichen. Das Ziel lautet dabei natürlich, diese Emissionen schrittweise zu reduzieren. Aus unserer Sicht sind all das essenzielle Schritte in eine klimaneutrale Zukunft.

60 Prozent mehr ESG-Bonds

LBBW: Stichwort Zukunft: In welche Richtung entwickelt sich Ihrer Ansicht nach der Sustainable-Finance-Markt, also der Markt für nachhaltige Finanzierungen?

Schulze: Da verweise ich gerne auf eine Studie unserer Analysten von LBBW Research: Diese haben im vergangenen März ihre Prognose für den Markt nachhaltiger Unternehmensanleihen – sogenannter ESG-Anleihen (ESG = Environment, Social, Governance) – für 2021 deutlich angehoben. Im laufenden Jahr rechnet LBBW Research mit Neuemissionen im Umfang von 150 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein derart schnelles Wachstum bei nachhaltigen Anleihen gab es noch nie. Dabei ist wichtig zu beachten, dass Nachhaltigkeit immer ökologische, soziale und ökonomische Aspekte berücksichtigt. Gerade die soziale Komponente ist durch die Corona-Pandemie noch einmal stärker in den Fokus gerückt. Und das zeigt sich auch am Kapitalmarkt: Bei den nachhaltigen Unternehmensanleihen dominieren noch immer die ökologisch geprägten Green Bonds mit 80 Prozent. Allerdings gewinnen die Social Bonds an Bedeutung: In den vergangenen zwei Jahren haben sie ihren Marktanteil versiebenfacht. Sehr aktiv auf dem Sustainable-Finance-Markt ist dabei die LBBW: Wir haben 2020 für unsere Kunden elf Green Bonds und im Rahmen des SURE-Programms insgesamt drei Social Bonds aufgelegt mit einer Gesamtsumme von 22,5 Milliarden Euro.

Green Bonds

E = Environment

Bewertet wird hierbei der Umgang eines Unternehmens oder einer Branche mit den natürlichen Ressourcen der Erde sowie die dabei durchgeführten Maßnahmen zum Schutz von Ökosystem und Klima – zum Beispiel durch reduzierte Emissionen.

Versicherer

S = Social

Bewertet wird hierbei, inwieweit unternehmerisches Handeln im Einklang mit den Menschenrechten verläuft und ob ein Unternehmen in seiner Lieferkette die gängigen Sicherheits- und Sozialstandards einhält – zum Beispiel indem Missstände bei Produktion- und Arbeitsbedingungen vermieden werden.

Parlament

G = Governance

Bewertet wird hier, ob die Unternehmensführung transparent und vollständig kommuniziert und ob zum Beispiel strukturelle Gerechtigkeitsfragen klar nach Verhaltens- und Vergütungsrichtlinien definiert werden.

LBBW: Und wie sieht es mit ESG-verknüpften Finanzierungen aus?

Schulze: Für den deutschen, mittelständisch geprägten Markt sehe ich in diesem Bereich tatsächlich ein weiteres großes Wachstumspotenzial. Hier werden klassische Finanzierungsformen mit der Nachhaltigkeitsentwicklung des Unternehmens verbunden. Deshalb bieten die ESG-verknüpften Finanzierungen eine größere Flexibilität und lassen sich außerdem auch auf die spezifischen Werttreiber anpassen.

LBBW: Werden nachhaltige Finanzierungsinstrumente zum Standard werden?

Schulze: Sollte sich die Entwicklung in dieser Geschwindigkeit fortsetzen, könnten ESG-Finanzinstrumente in drei bis fünf Jahren tatsächlich der neue Standard sein.

Rainer Neske, Vorsitzender des Vorstands der LBBW

Eine konsequente Nachhaltigkeitsstrategie ist eine Grundvoraussetzung für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg.

Rainer Neske, Vorsitzender des Vorstands der LBBW

LBBW: Noch einmal zusammengefasst: Was macht das Thema Nachhaltigkeit für die LBBW aus?

Schulze: Nachhaltigkeit gehört seit 2017 zu unseren vier zentralen Stoßrichtungen und damit zu unserer DNA – und das mit Erfolg, wie die große FINANCE-Studie 2021 gezeigt hat: Hier haben Unternehmenskunden die LBBW als beste Bank im Bereich Nachhaltigkeit/ESG in Deutschland bewertet. Wir sprechen jeden Tag viel mit unseren Kunden und Partnern und merken dabei immer wieder, wie unterschiedlich der Wissensstand beim Thema Nachhaltigkeit ist.

Einige Firmen beschäftigen sich bereits seit Jahren damit, andere haben noch einen großen Beratungsbedarf bei strategischen Überlegungen zum Geschäftsmodell oder bei der Wahl bestimmter nachhaltiger Finanzierungsformen. Für uns steht dabei aber eines fest: Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen werden in Zukunft erfolgreicher sein als Firmen, die diesem Aspekt nicht die nötige Aufmerksamkeit widmen. Denn Nachhaltigkeit sorgt bei Unternehmen für eine größere Resilienz und macht sie so krisenfester. Wir als Bank können unseren Kunden in vielen Bereichen dabei helfen, den scheinbaren Gegensatz zwischen ökologischen Notwendigkeiten und wirtschaftlichem Erfolg aufzulösen. Denn der Wandel hat bereits begonnen. Deshalb müssen wir das Thema jetzt zusammen anpacken, um die gesetzten Klimaziele gemeinsam zu erreichen und unsere Lebensgrundlagen langfristig zu sichern.