Fliegen 3.0

Mit „Fit for 55“ den Kohlendioxid-Ausstoß in der Luftfahrt drosseln: EU-Kommission will Emissionshandel für Fluggesellschaften verschärfen

Flugzeug frontal im Flughafen mit weiteren Fahrzeugen im Hintergrund vor blauem Himmel

"Klimaneutrales Fliegen ist keine Frage mehr des Ob, sondern des Wie und Wann. Dies hat die Branche mittlerweile erkannt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen diverse Pfade gleichzeitig und international koordiniert beschritten werden", so Alexandra Schadow, Leiterin Cross Asset Research der Landesbank Baden-Württemberg.

Die internationale Luftfahrt trägt zwar aktuell nur rund 3,5 Prozent zum gesamten Treibhausgasausstoß der EU bei. Sie zählt jedoch zu den Sektoren, deren Emissionen Prognosen zufolge langfristig am stärksten steigen werden, wenn die Politik nicht gegensteuert. Denn obgleich der Flugverkehr wegen Corona zeitweilig eingebrochen ist und die Airlines zudem versuchen, Treibstoff einzusparen, werden die Emissionen von Flugzeugen bis 2050 ohne Gegenmaßnahmen voraussichtlich bis zu zehnmal höher ausfallen als noch 1990.

3.5 Prozent

trägt die internationale Luftfahrt aktuell zum gesamten Treibhausgasausstoß der EU bei

CORSIA und der EU-Emissionshandel

Eine wichtige Rolle bei der Minderung des Treibhausgas-Ausstoßes im Flugverkehr kommt dem so genannten CORSIA-System bei, das die International Civil Aviation Organization ICAO – eine Einrichtung der UNO – 2016 geschaffen hat.

CORSIA verlangt von Fluggesellschaften, für die Emissionsmengen, die über ihrem jeweiligen Jahresausstoß von 2019 liegen, CO2-Zertifikate zu erwerben und diese dann anschließend zu löschen. Die von CORSIA akzeptierten Emissionsrechte stammen aus Projekten zur Minderung von Treibhausgasemissionen, die vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern durchgeführt wurden. An dem System nehmen derzeit 88 Länder weltweit teil. Es gilt für alle Flüge, die in den CORSIA-Mitgliedsstaaten starten oder landen.

Ausgenommen von CORSIA sind sämtliche Flüge innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums (EU plus Island und Norwegen), da für sie eigene Regeln gelten. Diese Flüge unterliegen dem europäischen Emissionshandel (EU ETS). Die Fluggesellschaften müssen also für ihre Emissionen aus innereuropäischen Flügen entsprechende CO2-Zertifikate der EU vorweisen. Das Instrument entfaltet jedoch bislang kaum Wirkung, da die EU den Airlines die benötigten Emissionsrechte derzeit noch weitgehend kostenlos zuteilt.

Fit for 55: Ende der kostenlosen Zuteilung

Im Rahmen des „Fit for 55“-Pakets schlägt die EU-Kommission nun vor, die Gratis-Vergabe der CO2-Zertifikate für die innereuropäischen Flüge schrittweise bis Ende 2026 abzuschaffen. Zudem will sie die zur Verfügung stehende Gesamtmenge an Zertifikaten jährlich statt wie bislang um 2,2 Prozent künftig um 4,2 Prozent kürzen. Damit will die Kommission den Airlines einen Anreiz geben, sparsamere Flugzeuge anzuschaffen und klimafreundliche Treibstoffe einzusetzen.

Martin Menner, Experte im Centrum für Europäische Politik (CEP), sieht das vorgesehene Aus für kostenlos zugeteilte Zertifikate im Flugverkehr allerdings kritisch: „Das erhöht die Anreizwirkungen im EU-EHS nicht, führt jedoch zu Wettbewerbsnachteilen von Fluggesellschaften mit Drehkreuzen im EWR.“

Die „ReFuelEU Aviation“-Initiative

Darüber hinaus enthält das Fit for 55-Paket der EU-Kommission einen Vorschlag zur Gewährleistung gleicher Wettbewerbsbedingungen für den nachhaltigen Luftverkehr, auch bekannt als „ReFuelEU Aviation“-Initiative. In dem Verordnungsentwurf schlägt die Kommission vor, die Treibstofflieferanten zu verpflichten, nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF) zu vertreiben. Dabei soll der Anteil an SAF (einschließlich synthetischer Flugkraftstoffe, sogenannte E-Treibstoffe) im Laufe der Zeit steigen. So erhofft man sich eine größere Akzeptanz von SAF bei den Fluggesellschaften und damit verringerte Emissionen aus dem Luftverkehr. Der Vorschlag sieht auch vor, dass die Fluggesellschaften verpflichtet werden, vor dem Abflug von EU-Flughäfen nur so viel Kerosin zu tanken, wie für einen sicheren Flugbetrieb erforderlich ist. Damit sollen gleiche Wettbewerbsbedingungen für Fluggesellschaften und Flughäfen gewährleistet und zusätzliche Emissionen vermieden werden. Diese entstehen, wenn Flugzeuge übermäßig viel Treibstoff mitführen und so mehr Gewicht in die Luft bringen müssen.

Die Emissionskompensation und die zunehmende Verwendung nachhaltiger Flugtreibstoffe (SAF) dürften in den kommenden Jahren die wesentlichen Reduktionshebel beim CO₂-Ausstoß in der Luftfahrt sein.

Alexandra Schadow, Leiterin Cross Asset Research der Landesbank Baden-Württemberg

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