01.12.2020

„Der digitale Euro kommt, aber nicht vor 2030“

Pressemitteilung

Während sich Facebooks Kryptowährung Libra bereits für ihren Start im neuen Jahr warmläuft, werden die Verbraucher auf eine offizielle Digitalwährung noch zehn Jahre warten müssen. „Der digitale Euro kommt, aber nicht vor 2030“, urteilt LBBW Digitalisierungsexperte Guido Zimmermann.

In der Eurozone ist das Bezahlen oder Überweisen dank der Gemeinschaftswährung, ausgereiften Zahlungssystemen wie Swift und Sepa und nicht zuletzt durch Verbesserungen wie der Echtzeitüberweisung bereits äußerst komfortabel. Ein digitaler Euro, also Geld der Europäischen Zentralbank in digitaler Form, zum Beispiel in Form einer blockchainbasierten Kryptowährung, könnte weitere Verbesserungen bringen, urteilt Guido Zimmermann in einer aktuellen Studie.

Ein Digi-Euro, der Bürgern und Unternehmen gleichermaßen zur Verfügung steht, würde nicht nur die Digitalisierung von Produktion und Verwaltung der europäischen Wirtschaft unterstützen. Er ist für Zimmermann auch eine angemessene Reaktion auf einen rückläufigen Einsatz von Bargeld als Zahlungsmittel, also einer steigenden Nutzung von elektronischen Bezahl- und Überweisungsformen. „Corona hat gezeigt, wie schnell sich Zahlungsgewohnheiten ändern und die Verbraucher elektronische Lösungen wollen. Ein blockchainbasierter digitaler Euro macht eine Überweisung vermutlich nicht schneller, aber sicherer, besser dokumentiert und preiswerter.“ Mit einer eigenen Digitalwährung dämpfe die EU zugleich die Sorge um ihre digitale Souveränität, weil im Euroraum niemand auf ausländische Kryptowährungen oder private digitale Zahlungsmittel angewiesen wäre.

Hochspezialisierte Zwischenlösungen erwartet

Bis die EZB einen digitalen Euro anbieten wird, ist es für Zimmermann sehr gut vorstellbar, dass in Europa regulierte private Institutionen Blockchainwährungen ausgeben. Diese digitalen Abbilder der Gemeinschaftswährung könnten sogar bereits in wenigen Jahren eingeführt werden. Sie würden jedoch nur Teilaufgaben erfüllen: Für die Abrechnung innerhalb von Industrienetzen (Industrie 4.0) hat die LBBW zum Beispiel über ihre Tochter targens ein blockchainbasiertes Abrechnungssystem entwickelt. Eine privat ausgegebene Digitalwährung könnte zudem von Fintechs für neue nutzerfreundliche digitale Zahlungsmöglichkeiten genutzt werden.

„Die Zentralbanken haben zu lange die Attraktivität des Kriteriums ‚Bequemlichkeit‘ im Zahlungsverkehr unterschätzt“, kritisiert Zimmermann. Recht schnell könne ein privatwirtschaftlich angebotene Geldform hier in Konkurrenz zum offiziellen Euro treten. Für eine staatliche Lösung spreche zudem die geopolitische Notwendigkeit, die Fähigkeiten der Gemeinschaftswährung aufzurüsten. Im Kampf um eine Vormachtstellung könnte nämlich China mit einem weltweit angebotenen digitalen Yuan unter Umständen Industriestandards festlegen. „Die USA haben diesem Bestreben bislang lediglich Facebooks Libra entgegenzusetzen, die Europäer noch gar nichts“, sagt Zimmermann.

Ob staatlich oder privat, damit ein digitaler Euro seine Vorteile als sinnvolle Ergänzung zu Bargeld- und Zentralbankreserven ausspielen könne, seien in jedem Fall wichtige Voraussetzungen zu klären, erklärt der Analyst. „Entscheidend ist, dass die Finanzstabilität gewahrt bleibt. Das zum Beispiel Banken als vertrauenswürdige Schnittstellen in den Prozess eingebunden werden und sie von den Aufsichtsbehörden nicht gegenüber Technologieunternehmen wie zum Beispiel Facebook schlechter gestellt werden.“

Auch ein digitaler Euro muss offline seinen Wert behalten

Vor allem aber hat die EZB noch eine Menge Arbeit vor sich. Erst einmal muss sie 2021 formell beschließen, dass sie mit der Entwicklung eines Digi-Euros auf Blockchain-Basis beginnt. „Der digitale Euro kommt, aber nicht vor 2030. Dafür hat die Europäische Zentralbank noch zu viel auf ihrer To-do-Liste“, urteilt Zimmermann. Bislang sei zum Beispiel nicht einmal geklärt, ob der Digi-Euro in Form eines Kontos der Bürger bei der EZB eingeführt wird oder als blockchainbasierte Währung. „Die EZB muss zudem Vorkehrungen treffen, damit ein digitaler Euro auch in Krisenzeiten seinen Wert behält und Menschen ohne Internetanschluss auch offline zur Verfügung steht“, erklärt der Analyst.

Und bis zur Nachweisgrenze von 10.000 Euro sollte damit anonym bezahlt werden können, damit die Bevölkerung einen digitalen Euro mit denselben Eigenschaften wie Bargeld annimmt. Ohnehin sollte sich die EZB viel Zeit nehmen, die Menschen für den digitalen Euro zu erwärmen, rät er. Und für die Diskussionen und Abstimmungen mit allen Beteiligten. Denn selbst im autoritären China hat die Entwicklung des digitalen Yuan am Ende acht Jahre gedauert. Erstmals bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking sollen Teilnehmer und Besucher mit dem digitalen Yuan bezahlen können.

Guido Zimmermanns Studie finden sie hier:
www.lbbw.de/studie-2020-digitaler-euro

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