Mann mit Brille und Krawatte steht im Feld vor Windrädern

Mogeln unmöglich: Ressourcen schonen mit der Blockchain

Neue Studie von LBBW Research: Wie die Blockchain-Technologie dabei hilft, nachhaltiger und verantwortungsbewusster zu wirtschaften.

Welche Innovation wird die Welt in den kommenden 20 Jahren am stärksten verändern: Virtual Reality? E-Flugtaxis? Oder die Blockchain? Falsch getippt, es ist tatsächlich die Blockchain. Diese Technologie kann Abläufe im Geschäftsleben vor Manipulationen bewahren. Mogeln unmöglich? Diese Aussicht ist so attraktiv, dass die Blockchain wohl schon bald zum unsichtbaren Rückgrat vieler geschäftlicher Transaktionen avancieren wird.

Rosarote Aussichten für eine Technologie mit derzeit eher schlechtem Leumund. Für die Skepsis gibt es zwei Gründe. Der erste: Die Blockchain wirkt mysteriös, da sie schwer zu erklären ist. Der zweite Grund: Bitcoins und andere Kryptowährungen. Sie basieren auf der Blockchain-Technologie, sind in ihrer Funktionsweise ähnlich schwierig zu vermitteln – und werden mit immensem Energieaufwand hergestellt. Allein zum Herstellen von Bitcoins werden jährlich rund 120 Terawattstunden benötigt – das entspricht dem Stromverbrauch der gesamten Niederlande. Der Bitcoin ist eine Umweltsau.

Mogeln unmöglich: Das bringt die Blockchain

Kryptowährungen sind allerdings mittlerweile nur noch eines von vielen Anwendungsgebieten der Blockchain. Außerdem: „Blockchain bedeutet nicht automatisch hoher Energieverbrauch“, sagt Guido Zimmermann, Senior Economist bei LBBW Research. Mittlerweile gibt es ressourcenschonende Verfahren, um die Technologie zu nutzen. Er sieht vielmehr inzwischen sogar große Chancen für die Umwelt und hat sich deshalb mit der Frage beschäftigt: „Wie kann Blockchain zu Nachhaltigkeit beitragen?“ Zentrale Erkenntnis seiner Studie: vor allem durch die „automatisierte manipulationsfreie Kontrolle in den globalen Wertschöpfungsketten der Unternehmen“. Die Blockchain garantiert, dass vereinbarte Qualitäts-, Güte- und Herkunftskriterien eingehalten und von keinem Partner nachträglich verändert werden können. Um solche Manipulationen zu verhindern, wird der grenzüberschreitende Handel derzeit noch begleitet von einem Wust an Bürokratie. Das bindet Manpower und kostet Zeit.

Wirkungsbereiche derr Blockchain im Supply Chain Managament

Wie es besser und schneller geht, beweist die LBBW als Gründungsmitglied des Trade-Finance-Netzwerks Marco Polo : Sie hat Zahlungen von Handelsgeschäften der Unternehmen Voith und KSB abgesichert – per Blockchain. Dabei werden Datenblöcke („blocks“) hintereinander abgespeichert und verkettet („chain“). Diese Daten liegen nicht zentral auf einem Server, sondern als identische Kopien auf den vernetzten Rechnern aller Beteiligten („distributed ledger“). Alle Vertragspartner können jederzeit auf der eigenen Datenbank den aktuellen Stand der Dinge einsehen. Jeder neue Datenblock wird mit dem vorherigen verbunden und kann nicht mehr geändert werden, ohne dass die anderen Beteiligten dies merken würden. Das macht die Blockchain fälschungssicher.

Smart Contracts: So geht Kooperation heute

Als wesentlicher Bestandteil der Blockchain vermeiden Smart Contracts aufwändige Sicherheitsprozeduren. Smart Contracts sind Verträge, die als Computerprogramme festgelegt werden. Die Vertragspartner legen gemeinsam fest, was das Computerprogramm ausführen soll – etwa automatische Warenbestellungen, -lieferungen und Zahlungen. Menschliche Kontrolle ist überflüssig.

Geschäftspartner müssen nicht länger einander, sondern können stattdessen einer Technologie trauen – der fälschungssicheren Blockchain.

Dr. Guido Zimmermann, Senior Economist bei LBBW Research

Smart Contracts können auch mit Sensoren verbunden werden. Die sorgen zum Beispiel dafür, dass Zahlungen erst ausgelöst werden, wenn Container übergeben worden sind oder den Zoll durchlaufen haben. Sensoren können nachweisen, dass die Ware im Container in einwandfreiem Zustand ist und es keinen Bruch in der Kühlkette gab. „Nachgelagerte Verarbeiter und Händler wünschen sich eine Sichtbarkeit in Zulieferprozessen“, heißt es in der LBBW-Studie, „und Hersteller wie Handelsunternehmen möchten ihren Kunden Vertrauen in Produkte und Produktdaten bieten.“ Geschäftspartner müssen nicht länger einander, sondern können stattdessen einer Technologie trauen – der fälschungssicheren Blockchain. „Damit eröffnet sich ein enormes Automatisierungspotenzial bei den Abläufen.“

Blockchain als Nachhaltigkeitsbuchhaltung

Damit ergibt sich eine Vielzahl von Optionen für den Einsatz der Blockchain. LBBW-Analyst Zimmermann denkt an manipulations-befreite Wahlen oder das Nachverfolgen von Spendengeldern. Auch private Transaktionen wie der Kauf eines Hauses, das Leasing eines Autos oder das Buchen einer Urlaubsreise werden einfacher. Was einvernehmlich und fälschungssicher festgelegt wird, muss weder von Notaren beurkundet noch durch Versicherungen geschützt werden.

Auch der Finanzsektor kann von der Blockchain profitieren. Unmöglich wird beispielsweise Greenwashing: Dabei geben sich Unternehmen umweltbewusster, als sie in Wirklichkeit sind. Als Standard für Nachhaltigkeit haben sich die ESG-Kriterien etabliert. Die drei Buchstaben stehen für Environment (Umwelt), Social (Gesellschaft) und Governance (Unternehmensführung). Die ESG-Kriterien müssen in Zukunft alle Unternehmen bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen erfüllen, um die Welt nachhaltiger zu machen. Die Blockchain kann zu überprüfen helfen, ob die ESG-Kriterien eingehalten werden. „Damit wird die Blockchain zu einer Art Nachhaltigkeitsbuchhaltung“, sagt Zimmermann.

Der LBBW-Analyst veranschaulicht das an einem Beispiel: Sensoren messen automatisch die Energieeffizienz eines neuen Hotels. Diese Daten werden in eine Blockchain geladen und können dann nicht mehr manipuliert werden. Zimmermann: „Wer in ein Hotel investiert, kann sich daher sicher sein, dass sein Investment auf jeden Fall ESG-kompatibel und nachhaltig ist.“

Green-Bond-Markt auf Wachstumskurs

Emissionsvolumen in Mrd. Euro

Quelle: Climate Bond Initiative, LBBW Research

Schwung durch das Lieferkettengesetz

Wie stark die Blockchain letztlich Ressourcen schonen kann, vermag derzeit niemand zu beziffern. Dazu ist es noch zu früh. Welche Effekte digitale und damit effizientere Prozesse allein auf das Einsparen von Emissionen haben, das allerdings hat der Digitalverband Bitkom bereits berechnet: Etwa die Hälfte der Treibhausgase könnte eingespart werden – sogar ohne Blockchain.

Deren Zeit kommt erst noch. Schwung in die Sache bringt das Lieferkettengesetz, das ab 2023 greifen soll. Das Gesetz verpflichtet Unternehmen, Menschenrechte und Umweltstandards bei ihren Zulieferern im Ausland durchzusetzen. Damit sollen Missstände wie Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Umweltverschmutzungen oder die Zahlung von Hungerlöhnen reduziert werden. „Blockchain-Lösungen können helfen, die Pflichten zu erfüllen, die aus dem Sorgfaltspflichtengesetz resultieren“, sagt LBBW Senior Economist Guido Zimmermann: Relevante Datenkriterien können in Smart Contracts eingespeist und automatisiert überprüft werden. Mogeln?

Unmöglich.

1760

Mrd. Dollar beträgt das Potenzial Blockchain-Technologien bis 2030

41 %

aller Investments in Europa werden 2025 ESG-Kriterien folgen, prognostizieren PwC-Experten

3600

Mrd. Euro werden Ende 2025 in ESG-Aktienfonds verwaltet, schätzen die Experten bei PwC. Dazu kommen in Anleihefonds bis zu 1600 Mrd. Euro