Es beginnt eine neue Geschichte

Langfristige Folgen des Ukraine-Kriegs: Die wirtschaftliche Abhängigkeit von Diktatoren wird ein Ende haben müssen, sagt LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer.

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

Charkiw, Mariupol, Wolnowacha – seit Wochen haben unsere Nachrichten neue Schreckensnamen. „Über Nacht sind aus den Fernsehstudios die Ärzte verschwunden. An ihre Stelle sind Osteuropa-Kenner und Generäle getreten. Das Wort vom Atomkrieg macht die Runde“, schreibt LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer im aktuellen Kapitalmarktkompass der LBBW. Der russische Präsident Wladimir Putin rückt mit brachialen Methoden und Waffen vor. Der Westen reagiert mit Sanktionen: Wirtschafts- gegen Militärkrieg. Wer zwingt den anderen zuerst zum Aufgeben?

In Russland leeren sich angesichts der Sanktionen die Regale. Ikea, Adidas und Co. haben ihre Läden bis auf Weiteres geschlossen. Auslandskonten der Oligarchen werden gesperrt. MasterCard, Visa und American Express haben ihre Kartensysteme für Russland blockiert. Die Sberbank Europe musste den Betrieb einstellen, die Inbetriebnahme von Nordstream 2 wurde gestoppt. Doch jede Gucci-Tasche, die in einer Shoppingmall – ob Gum oder Tsum – nicht den Weg an den Arm einer Moskowiterin findet, sorgt natürlich auch für ein Umsatzminus im Westen. Das Rezessionswort macht bereits die Runde. Angesichts der Energieabhängigkeit des Westens – namentlich Deutschlands – werden Notfallpläne diskutiert. Die Grünen – mit ihren Grundfesten „Atomkraft, Nein Danke“ und „Schwerter zu Pflugscharen“ – stehen bis zu den Knien in einem Schlamassel vor Entscheidungen, die sie nie treffen wollten. Die FDP – namentlich Finanzminister Christian Lindner – spricht plötzlich von Wind- und Wasserkraft als „Freiheitsenergien“. Und die SPD – zumindest ihr Kanzler Olaf Scholz – stellt der maladen Bundeswehr und der früheren Igitt-Branche Rüstung über Nacht 100 Milliarden Euro in Aussicht.

Keine Rezession in Sicht

LBBW-Chefökonom Moritz Kraemer teilt explizit nicht die Sorge einer drohenden Rezession. Zwar haben auch die Stuttgarter Volkswirte ihre Prognose von einst 4 Prozent Wachstum auf jetzt 3 Prozent nach unten revidiert, „eine Rezession ist aber nicht in Sicht“. Allerdings schickt Kraemer hinterher, dass beim Eintreten eines Nato-Falls neu gerechnet werden müsse. „Aber dann haben wir andere Sorgen.“

Mit der Abhängigkeit von Diktatoren und diktatorischen Regimes muss es jetzt ein Ende haben.

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW
Laechelnder Geschaeftsmann mit Tablet am Fenster

Analytisch, kompetent und auf den Punkt

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Wenn ja, mit LBBW Standpunkt, dem übersichtlich aufbereiteten Newsletter für alle Unternehmer und Finanzentscheider, liefern wir Ihnen regelmäßig weitere wertvolle Analysen und Informationen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen – direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Abonnieren Sie den Newsletter jetzt kostenlos.

Standpunkt empfangen

Der Hegemonialkrieg des russischen Präsidenten führe zu einer neuen und vielleicht gar nicht mehr erwartbaren Einigkeit des Westens, sagt Kraemer. Die EU? Zumindest bei den Sanktionen einig. Die Nato? Geschlossen wie schon seit Jahren nicht mehr. Die Unternehmen? Ziehen sich aus dem Reich des Bösen zurück. Selbst das Hackerkollektiv Anonymous erhält weltweit Standing Ovations für die Ankündigung, sich in russische Medien und die Systeme von Gazprom zu fräsen. Und die Menschen? Die Proteste ziehen sich bis nach Lateinamerika.

Benzinpreis wird sich zur Jahreshälfte wieder beruhigen

Dieses Stand United hat für Kraemer eine Ursache. „Der Überfall auf die Ukraine hat eine neue Qualität erreicht.“ Vor allem: „Mit der Abhängigkeit von Diktatoren und diktatorischen Regimes muss es jetzt ein Ende haben. Wenn sich die Mehrheit der Deutschen mittlerweile für ein Öl-Import-Embargo gegen Russland ausspricht, „dann wissen sie auch, dass der Preis dafür hoch sein wird“. Trotzdem hält Kraemer einen Benzinpreis in Deutschland von jenseits der 3 Euro pro Liter für nicht realistisch. Hinter den Kulissen würden bereits intensive Gespräch mit Venezuela, dem Iran oder Algerien geführt, um den Öl- und Benzinbedarf Deutschlands zu decken. Seine klare Prognose: „Mit Beginn der zweiten Jahreshälfte wird der Preis pro Barrel wieder zweistellig sein.“

Wir müssen jetzt den Klimaschutz forcieren: Wind weht überall!

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW

Kraemer sieht die Invasion in die Ukraine als Zeitenwende. „Dieser Krieg zeigt uns mit aller Brutalität, dass die Gewissheiten der vergangenen Jahrzehnte ab sofort nicht mehr gelten.“ Der Stanford-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hatte nach dem Ende des Kalten Kriegs sein weltweit beachtetes Buch „The End of History“ geschrieben. Das war früher. Heute sei „the start of a new history – der Beginn einer neuen Geschichte“.

Vieles muss jetzt in Deutschland neu gedacht werden

Wenn wir am Beginn einer neuen Ära stehen, muss in Deutschland – als einem der wenigen noch in der Globalisierungsdoktrin verhafteten Staaten der Welt – und in deutschen Unternehmen vieles neu gedacht werden. Wir träumen noch immer von einer globalisierten Welt, so Kraemer, die es schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt. Im Gegenteil habe sich längst ein De-Globalisierungstrend durchgesetzt. Seit Jahren seien die Zahlen des Weltwirtschaftswachstums nicht mehr durch den internationalen Handel gedeckt. „Da hat längst eine Abkoppelung stattgefunden“, sagt Kraemer. „Und zwar unabhängig von Corona-Produktionsausfällen oder Lieferkettenproblemen.“

Dieser Trend werde sich jetzt verschärfen, prognostiziert der LBBW-Chefvolkswirt, das blinde Vertrauen auf einen Common Sense sei im Mark erschüttert. Das gelte eben auch und vor allem für die Energieversorgung. Dass der EU-Green-Deal und die EU-Taxonomie nun aufgeschnürt werden müssen, dafür sieht er überhaupt keinen Anlass. Im Gegenteil: Wind wehe überall. Ein Grund mehr, den Klimaschutz nun zu forcieren.