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Facebank – ein Alptraum für die Zentralbanken?

Die Facebook-Idee einer Libra-Währung scheint nur auf den ersten Blick genial. Bei näherer Betrachtung kommen Zweifel.

Mark Zuckerberg verändert mit seinem Social-Network-Imperium Facebook zweifellos die Welt. Der jüngste Coup aus der Ideenschmiede im kalifornischen Menlo Park ist eine eigene Währung – genannt Libra. Sie soll im ersten Halbjahr 2020 emittiert werden. Und, wie die Facebook-Manager selbstbewusst betonen, das Weltbankensystem liberalisieren.

Milliarden von Menschen, insbesondere in Staaten der Dritten Welt und Schwellenländern, so die mutige Formel bei der Präsentation, würden nach wie vor nicht über einen eigenen Bankzugang verfügen. Dies würde sich mit Libra ändern. Zusammen mit dem Messengerdienst WhatsApp, der von Facebook 2014 übernommen wurde, zählt Facebook knapp 3,5 Milliarden User weltweit. Das sind weit mehr Kunden, als alle weltweit tätigen Banken zusammen zählen.

  • Wer hat ein Bankkonto?

Ist Libra also eine ernst zu nehmende Konkurrenz am Weltwährungsmarkt? Untergräbt Facebook mit dem Emittieren einer eigenen Währung die geld- und währungspolitische Hoheit der Notenbanken? Müssen sich Geschäftsbanken rund um den Globus auf ein Geldsystem einstellen, das neben dem traditionellen Cash existiert und sie auch als Transmitter nicht mehr benötigt? Oder ist Libra nach Bitcoin nur eine weitere virtuelle Währung, die schnell zu einer reinen Spekulationswährung wird?

Die Fakten:

Libra ist eine digitale Währung, die auf der Distributed-Ledger-Technologie basiert. Kontrolliert wird die künstliche Währung von einem eigens etablierten Konsortium – mit Sitz in der Schweiz – quasi wie eine Zentralbank. Der „Libra Association“ gehören heute bereits 28 Unternehmen aus der Tech- und Finanzbranche an (unter anderem Uber, Lyft, PayPal, Visa, Vodafone, Mastercard, Spotify). Bis Ende 2019 sollen diesem Konsortium weitere 80 Unternehmen beitreten.

Facebook will Libra langfristig als „öffentliches Gut“ anbieten, um Friktionen des bisherigen Weltfinanzsystems zu beseitigen. Ziel ist es, die Libra-Blockchain zu einer öffentlichen Blockchain zu erweitern. Die Mitglieder des Konsortiums stellen bis dahin – und das ist noch ein weiter Weg – die Knoten des Netzwerks dar, die für die Validierung der Transaktionen und die Organisation des Netzwerks verantwortlich zeichnen.

Durch die mit Libra verbundene neue Computersprache Move ermöglicht es Facebook den Nutzern, eigene Smart Contracts auf dieser Libra-Blockchain zu bauen. Implizit erhofft sich Facebook, dass hierdurch zukünftig ein paralleles Finanzsystem entsteht.

Was ist der Unterschied zu Bitcoin?

Bitcoin war der erste Versuch, mithilfe einer öffentlichen Blockchain traditionelle Intermediäre wie Zentralbanken und Banken auszuschalten und eine alternative Währung zu etablieren. Im Gegensatz zu Libra ist Bitcoin aber keine „stable coin“, es liegen keine realen Werte dahinter. Der Wert von Bitcoin wird daher allein durch das Vertrauen des Marktes in diese Währungen bestimmt. Daher sind sie sehr volatil – zuletzt war der Bitcoin zum wiederholten Mal nahezu zusammengebrochen und hatte Kursverluste im hohen zweistelligen Prozentbereich zu verzeichnen.

Mit dem Konzept einer Stable Coin wird bei Libra dagegen versucht, den Preis durch eine Bindung an einen Korb von Fiatwährungen mithilfe verschiedener Mechanismen konstant zu halten. Libra ist durch einen Reservepool an Aktiva (Bankeneinlagen, kurzfristige Staatsanleihen) zu beinahe 100 Prozent gedeckt. Inflation und Volatilität sind damit nahezu ausgeschlossen. „Es wäre quasi die Rückkehr zu einem System der Currency Boards, bei dem eine Währung 1 : 1 an eine starke andere Währung wie zum Beispiel US-Dollar oder Euro gebunden ist“, schreibt Dr. Guido Zimmermann, Senior Economist der LBBW, in einer aktuellen Analyse. Das spricht erst einmal für die Libra-Idee.

Die Zweifel

Dagegen steht die Störanfälligkeit. „Da es auch in Zukunft mit Sicherheit kein Computerprogramm geben dürfte, das ohne Fehler operiert, ist auch in der Libra-Blockchain neben einer höheren Komplexität mit wiederholten Problemen in den computergesteuerten Abläufen zu rechnen“, kommentiert Zimmermann. Von Hackerangriffen auf die Social Networks ganz zu schweigen.

Facebook macht mit Libra den Versuch, sich als privates, verschlüsseltes Netzwerk neu zu erfinden und via Libra den Link zwischen seinem Werbegeschäft und dem E-Commerce herzustellen. „Am Ende ist die Zuckerberg-Company ja kein wohltätiger Verein, sondern erschließt sich damit einen neuen Markt“, prophezeit Zimmermann. Facebook fokussiere sich dabei vor allem auf die Nutzer in den Schwellenländern, in denen Facebook nicht nur die einzige digitale Plattform für kleine und mittelständische Unternehmen darstellt – eine Monopolstellung –, sondern auch vor dem Hintergrund hochgradig instabiler Währungen eine echte Alternative sein könnte. „Ob Facebook aber wirklich den rund 1,7 Milliarden Menschen ohne Bankkonto dieser Welt hilft und die finanzielle Inklusion fördert, bleibt abzuwarten“, mutmaßt Guido Zimmermann von LBBW-Research.

Nationale Währungen verlieren Bedeutung

Im strengen Sinne ist die Libra-Coin keine Währung, sondern eine Recheneinheit, der ein gewichteter Korb, wahrscheinlich bestehend aus Euro, US-Dollar, Yen, Schweizer Franken und britischen Pfund, zugrunde liegt. Facebook stellt damit den Nutzern eine Technologie bereit, Zahlungen in Einheiten dieses Korbes zu leisten. Für die sehr effizienten Zahlungsverkehrssysteme der Industrieländer dürfte Facebook keinen wirklichen Mehrwert schaffen, so LBBW-Experte Zimmermann. Anders sieht dies in den Schwellenländern aus, die traditionell an starken Wechselkursschwankungen leiden. „Libra kann zur Folge haben, dass die nationale Währung gegenüber Libra an Bedeutung verliert, was die Geldpolitik dieser Länder erschwert und die heimische Währung in die Bedeutungslosigkeit schickt.“

Konkret zeichnet Zimmermann folgendes Szenario: „Man stelle sich die Situation in Griechenland 2011 bei Existenz von Libra vor. Nicht ausgeschlossen, dass viele Griechen seinerzeit aus Angst vor der Rückkehr der ungeliebten Drachme aus dem Euro in die Libra geflohen wären.“

In Summe überwiegt die Skepsis

Für die Ökonomen des LBBW-Research stellt sich die Frage des „Level Playing Field“ – also der fairen und allgemeingültigen Regeln auf dem Weltfinanzmarkt. Libra könnte aufgrund der hohen Nutzerzahl – und damit dem Ausnutzen einer Monopolstellung in vielen Ländern der Welt – letztlich zu einer „fast“ realen Währung reifen. „Wenn aber nun Vertragsparteien Kredite, denominiert in Libra, vergeben, müssten solche Geschäfte nicht auch reguliert werden? Wie bei allen Banken der Welt auch?“, fragt Guido Zimmermann. Und müsste nicht von Facebank statt von Facebook gesprochen werden, wenn das Konsortium Geld einsammelt, dieses investiert und somit Zinsen verdient?

„Klar ist, dass dies der Beginn einer Kette von zunehmend intelligenter werdenden Versuchen in den nächsten Jahren sein wird, entsprechende Kryptowährungen zu etablieren“, prognostiziert der LBBW-Ökonom in seiner Einschätzung zur neuen Facebook-Coin Libra. Die Einführung von Libra sei in jedem Fall ein weiterer disruptiver Moment für das traditionelle Bankensystem und dürfte den Regulierungs- und Datenschutzbehörden sowie den Zentralbanken weitere Alpträume bereiten.

Zur ausführlichen Einschätzung der angekündigten Kryptowährung Libra:

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