Norwin Graf Leutrum von Ertingen, Vorstandssprecher der BW-Bank

Starke Unternehmer, starke Unternehmen

Die Covid-Krise hat der Mittelstand gut gemanagt. Aber die nächsten Megaherausforderungen stehen vor der Tür, sagt Norwin Graf Leutrum, Vorstandssprecher BW-Bank.

Sorge tragen, Risiken managen und Krisen überwinden. Flexibilität, konsequentes Handeln und hohes Umsetzungstempo gehörten schon immer zu den drei wichtigsten Wesensmerkmalen des hiesigen Mittelstandes. Dies hat sich einmal mehr in den nun schon bald 20 vergangenen Monaten der Corona-Pandemie mit den Lockdowns, der erzwungenen Askese durch Konsumverzicht und – in der Folge – der großen allgemeinen Verunsicherung bewiesen.

Ohne Zweifel, der Mittelstand hat auch in dieser sicher schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg Rückgrat bewiesen und die Herausforderung gestemmt. Fast 80 Prozent der rund drei Millionen mittelständischen Unternehmen kämpften mit den Auswirkungen der Krise, so das KfW-Mittelstandspanel. Ganz oben auf der Liste: Umsatzeinbußen und Liquiditätsengpässe, zudem internationale Lieferengpässe und zuweilen dramatisch höhere Preise für Rohstoffe und Vorprodukte. Die starke Exportorientierung des baden-württembergischen Mittelstandes hat die Lage zusätzlich verschärft – die Kehrseite des starken Fußabdrucks auf den internationalen Märkten.

Trotzdem ist die Stimmung gut – nicht nur für das Jetzt, sondern auch für die Zukunft. Die Geschäftslage wird als robust bezeichnet, die Geschäftsaussicht als gut. Laut dem jüngsten Mittelstandsradar der LBBW stufen mit 56 Prozent der befragten Unternehmen deutlich mehr als die Hälfte ihre Geschäftslage mit „gut“ oder „sehr gut“ ein. Industrieunternehmen sind mit 58 Prozent dabei noch eine Spur optimistischer als die Dienstleister (54 Prozent).

56 %

der befragten Unternehmen stufen ihre Geschäftslage mit „gut“ oder „sehr gut“ ein

Chancen suchen, Chancen nutzen

Die Zuversicht fällt nicht vom Himmel. Ohne Zweifel stellt die Digitalisierung von Wertschöpfungsketten und Prozessen auch den Mittelstand vor erhebliche Herausforderungen, die zuweilen tief in die Geschäftsmodelle eingreifen. Nach dem Prinzip „Chancen suchen, Chancen nutzen“ haben knapp die Hälfte der befragten Unternehmen das vermeintlich ruhigere Geschäft während der Pandemie genutzt, um die unausweichliche Veränderung zu beschleunigen, und analoge Prozesse digitalisiert.

Sieben von zehn Unternehmen wollen und werden den jetzt eingeschlagenen Digitalisierungspfad weiterverfolgen. Dabei geht es vor allem um die IT-Infrastruktur, aber eben auch um Forschung und Entwicklung – einen der wichtigsten Erfolgstreiber des baden-württembergischen Mittelstandes.

Es geht um komplexe und kreative Ideen, wie die digitale Welt für die komplette Wertschöpfungskette nutzbar gemacht werden kann.

Damit steht der Mittelstand im Ländle deutlich besser da als der gesamtdeutsche. Nach der aktuellen DIHK-Umfrage bei ihren Mitgliedern beurteilen die Mittelständler den Digitalisierungsgrad ihrer Unternehmen im Selbstzeugnis mit der Schulnote 2,9. Das ist im Vergleich zur vorvergangenen Umfrage aus dem Jahr 2017 – also einem Zeitraum von immerhin vier Jahren – nur eine leichte Verbesserung. Damals gaben sich die Unternehmen die 3,1.

Ist nach der Krise vor der Krise? Ohne Zweifel stellt die Digitalisierung die Unternehmen vor horrende Herausforderungen. Immerhin geht es nicht nur um eine PDF-isierung, sondern um komplexe und kreative Ideen, wie die digitale Welt für die komplette Wertschöpfungskette nutzbar gemacht werden kann. Aber es ist auch ohne jeden Zweifel, dass nur, und zwar nur darin die Zukunft liegt und sich die Wettbewerbsfähigkeit daran messen lassen wird. Die Weichen müssen jetzt gestellt werden – sonst droht hier die nächste Krise.

Green Deal und Digitalisierung als nächste horrende Herausforderungen

Der bereits 2020 in Brüssel auf den Weg gebrachte „Green Deal“ und die ab dem kommenden Jahr geltende „EU-Taxonomie“ greifen tief in die Geschäftsmodelle auch von mittelständischen Unternehmen ein. Jüngere Umfragen haben ergeben, dass das mit dem Jahreswechsel geltende neue EU-Regime noch nicht in allen Chefetagen der Unternehmen angekommen ist – oder zumindest deren Tragweite. Auch das 2020 in der LBBW etablierte Sustainability Advisory Board kommt zu dem Ergebnis, dass die Wucht von Green Deal und Taxonomie noch immer nicht ganz oben auf ihrer Management-Agenda steht.

Lieferketten, Produktionsprozesse gehören dabei genauso auf den Prüfstand wie Geschäftszweige und Business-Units jenseits der Landesgrenzen. Künftig werden die Banken in ihren Kreditvergaben sehr genau zu prüfen haben, ob dahinterstehende Investments ein braunes oder grünes Label tragen. Bankenaufsicht und Bundesbank werden dies kontinuierlich monitoren.

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Die Innovationskraft und die starke unternehmerische Verantwortung – die DNA des Mittelstandes – werden in der kommenden Dekade Treiber der Entwicklung sein.

Den Banken wurde von der Politik also die Rolle des Treibers bei der Transformation zugewiesen – der Hebel für die Veränderung ist die Finanzierung der Unternehmen. Zwar weisen viele mittelständische Unternehmen gerade in Baden-Württemberg eine solide Finanzsituation auf, ob die zuweilen erheblichen Investitionen aber immer mit eigenen Mitteln gestemmt werden können, ist fraglich. Immerhin dürften die Transformation und die Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle – zumindest teilweise durch Zukäufe innovativer Produkte und Angebote – zu stemmen sein.

Dabei gilt auch hier: Chancen suchen, Chancen nutzen. Es ist davon auszugehen, dass im Zuge des politisch gewollten Umbaus hin zu einer dekarbonisierten Wertschöpfungskette in ganz Europa der baden-württembergische Mittelstand erhebliche technische Fortschritte beitragen wird. Am Ende wird es auch um die Frage gehen, inwieweit digitale Prozesse und Strukturen, digitale Produktionen und Produkte auch auf das nachhaltige Wirtschaften einzahlen.

Die Innovationskraft und die starke unternehmerische Verantwortung – die DNA des Mittelstandes – werden auch bei diesem Megatrend der kommenden Dekaden Treiber der Entwicklung sein. Nach dem Motto: das Beste aus beiden Welten intelligent verbunden. Neue Produkte und neue Verfahren werden das Label „Made in Baden-Württemberg“ tragen.