Hausgemachter Aufschwung in China

Ist der rote Drache abflugbereit oder zusehends flügellahm?

Die wirtschaftliche Erfolgsstory Chinas könnte in Kürze einen Dämpfer erhalten. Zur dominierenden Supermacht werde das Land so nicht, urteilt eine LBBW-Studie.

Gefühlte Wahrheit: China wird in Kürze die Weltherrschaft erringen. Kaum ein Stammtischgespräch über die seit Jahrzehnten anhaltende Erfolgsgeschichte der chinesischen Wirtschaft kommt an der unterstellten Allmachtsfantasie der chinesischen Kommunisten vorbei. In einer Studie hat das LBBW Research diesen Aufreger nun auf den Prüfstein gestellt – und nach nüchterner Analyse verworfen.

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höher als der europäische ist der chinesische Beitrag zur weltweiten Wertschöpfung.

In den vergangenen Jahren ist das „Reich der Mitte“ zum wichtigsten Motor der Weltwirtschaft aufgestiegen. Es ist damit Zentrum der am dynamischsten wachsenden Region der Welt: Asien. Chinas Beitrag zur weltweiten Wertschöpfung ist groß – auf die vergangenen fünf Jahre gerechnet ungefähr zehn Mal so hoch wie derjenige Europas oder fünf Mal so groß wie der der USA. Chinas Gewicht wird auch in Zukunft weiter zulegen. Insbesondere die ökonomische Bedeutung der USA wird kleiner, die wirtschaftliche Macht Chinas weiter zulegen.

China ist wichtiger als die USA

Anteile am globalen Bruttoinlandsprodukt in Prozent

Quelle: Refinitiv, LBBW Research

Wirtschaftswachstum ist kein Beleg für eine weltwirtschaftliche Dominanz.

Matthias Krieger

Einem „Durchmarsch zur dominierenden Supermacht“, so der Titel der Studie, erteilt Autor Matthias Krieger trotzdem eine Absage. In den vergangenen 70 Jahren sei China zwar von einem der ärmsten Länder der Welt zu deren größter Volkswirtschaft aufgestiegen. Aber es sei kein Beleg für eine „weltwirtschaftliche Dominanz“, wenn das bevölkerungsreichste Land der Erde seine 1,4 Milliarden Bewohner (rund 20 Prozent der Weltbevölkerung) zunehmend besser mit Gütern versorgt – bei einem im Weltmaßstab nur „mittleren“ Durchschnittseinkommen und einer in Teilen noch immer sehr armen Bevölkerung.

Die Politik könnte den bisherigen Erfolgspfad Chinas sogar untergraben, warnt der Analyst. Unter Staatspräsident Xi Jinping setze die Kommunistische Partei auf das „Lenken von der Spitze“, zeitlich unbegrenzte Alleinherrschaft und die unbeschränkte Kontrolle aller gesellschaftlichen Bereiche inklusive der (Privat-)Unternehmen. „Ein personeller Wechsel, der dies wieder korrigieren könnte, ist dauerhaft nicht in Sicht. Chinas System ähnelt inzwischen wieder mehr dem der untergegangenen Sowjetunion“, urteilt Krieger. „Die totale Kontrolle und die Forderung absoluten ‚Wohlverhaltens‘ im Sinne der Partei auch von Unternehmen werden eigene Innovationen eher bremsen.“

Chinas System ähnelt jetzt wieder mehr dem der untergegangenen Sowjetunion.

Matthias Krieger

Noch wichtiger als weltwirtschaftliche Dominanz ist der Regierung zudem der Machterhalt der Kommunistischen Partei. Und dieser lässt sich nur durch einen stetig steigenden Lebensstandard sichern, was einen Wechsel vom export- zum konsumgetriebenen Wachstum erfordert. Nach dem Vorbild der USA will China deshalb unabhängiger von den Weltmärkten werden und setzt stattdessen auf die Größe und Dynamik des eigenen Binnenmarktes.

China exportiert weniger

Exportquote in Prozent vom Bruttoinlandsprodukt

Quelle: Refinitiv, LBBW Research

Ebenso wenig wird China die Rolle der führenden politischen Weltmacht erringen, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg einnahmen. Zwar gerieten Schwellen- und Entwicklungsländer in Asien und Afrika mit Anschluss an die „Neue Seidenstraße“ wirtschaftlich und politisch unter chinesischen Einfluss. Für die politische Weltmachtführung müsste das Land jedoch auch an der Spitze der technologischen Entwicklung stehen und mit seinen Produkten und Prozessen die Standards setzen, erklärt der Analyst.

Während Länder wie die USA deshalb eifersüchtig darauf achten würden, dass ihre Produkte Spitzenstandard bleiben, erschwert Chinas bisherige Abkupferstrategie beim Technologieerwerb die Aufholjagd. Die Handelspartner seien inzwischen „sensibilisiert“ und bekämpften den erzwungenen Technologietransfer energischer als noch vor zehn Jahren. So lassen sich zunehmend weniger ausländische Unternehmen auf Joint Ventures mit China ein.

Die bisherige Erfolgsgeschichte war 1978 nicht abzusehen, als sich die Volksrepublik unter der Ägide Deng Xiaopings öffnete. Stück für Stück wurden die Spielräume für Eigeninitiative und Privatunternehmen erweitert. Unter der aktuellen Führung würden diese Spielräume indes eher wieder eingeengt. Die Attraktivität Chinas für Direktinvestitionen mit hoher Wertschöpfung und die eigene Innovationsfähigkeit ermöglichen es dem Land trotzdem, zu den einkommensstarken Industrienationen aufzuschließen, sagt Krieger voraus. Für übertriebene Ängste gebe es jedoch keinen Anlass, denn China dürfte sich durch seine immer restriktivere Innenpolitik und den immer forscher werdenden Auftritt nach außen selbst bremsen. Der rote Drache Lóng ist das mythische Symbol für die Volksrepublik. Der Schatten, den er wirft, erscheint manchem aber viel länger, als das Fabelwesen tatsächlich ist.

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