31.07.2026
Die Folgen von KI für öffentliche Finanzen
KI wird den Arbeitsmarkt fundamental umkrempeln - und zu niedrigeren Steuereinnahmen führen.
Kraemers Klartext
Die Folgen für die öffentlichen Finanzen sind eine bisher eine völlig vernachlässigte Konsequenz.
Künstliche Intelligenz (KI) ist derzeit in vielerlei Hinsicht in aller Munde. Nicht nur an der Börse. Zuletzt sorgte eine Anwendung von OpenAI für Wirbel, die sich eigenmächtig in das System eines anderen Unternehmens gehackt hat. Die mangelnde Kontrolle wirft Fragen auf. Und sie weckt Erinnerungen an den Computer HAL 9000 in Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“. Darin wurde der Kontrollverlust über die Künstliche Intelligenz zur Frage von Leben und Tod.
Darum soll es hier und heute aber nicht gehen. Sondern um eine oft vernachlässigte makroökonomische Konsequenz von KI. Schon lange herrscht Einigkeit, dass KI den Arbeitsmarkt fundamental umkrempeln wird. Auch wenn in der Dienstleistungsbranche bisher noch keine massenhafte Freisetzung von Arbeitnehmern zu beobachten ist: Es ist klar, dass die Beschäftigung irgendwann leiden wird. KI wird für Büroangestellte ähnliche Folgen haben wie Jahre zuvor die Automatisierung für die Kollegen im Blaumann. Maschinen ersetzen Jobs.
Das bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Zum einen wird die Vermögens- und Einkommenskonzentration weiter zunehmen. Schon jetzt erleben wir Rekordstände bei der Ungleichverteilung in vielen reichen Gesellschaften. In den USA etwa liegt der Anteil der Wertschöpfung, der auf Arbeitseinkommen basiert, auf dem niedrigsten Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg (siehe Abb. 1). Tendenz stark fallend. Dazu passend befindet sich das Konsumentenvertrauen in den USA nahe seinem Allzeittief. Niedriger sogar noch als während der Pandemie!
Abb. 1: Anteil des Faktors Arbeit an der US-Wertschöpfung
1950-2026/Q1 | Werte für 2024 und 2025 intrapoliert
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Nimmt die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen weiter zu, verändert das die Gesellschaft. Weniger Zusammenhalt und mehr populistische Bewegungen könnten die Folge sein. Das Phänomen Donald Trump fußt nicht zuletzt auf einer ähnlichen Entwicklung. Die amerikanischen Industriearbeiter haben durch Globalisierung und Automatisierung einen wirtschaftlichen Niedergang erlebt. Trump versprach, dass es mit der US-Industrie wieder bergauf gehen wird, sobald er Präsident ist. Bisher ist davon nichts zu sehen. Die Investitionen wie auch die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe sind rückläufig. Aber über leere Versprechungen dieses Mannes wundert sich ja sicher niemand mehr wirklich.
KI wird zu niedrigeren Steuereinnahmen führen
Die Verschiebung bei Vermögen und Einkommen wird nicht das einzige Problem sein. Die öffentlichen Finanzen in Europa, den USA und Japan sind schon heute aus dem Ruder gelaufen. Schuldenorgien, wohin man blickt. Die Defizitquoten steigen und steigen. In den reichen, sogenannten entwickelten Volkswirtschaften ist der öffentliche Schuldenstand bei fast 110 % angelangt, gegenüber weniger als 70 % zu Beginn des Jahrhunderts.
Die zunehmende Durchdringung der Wirtschaft mit KI wird die Bredouille der Staatsfinanzen noch verschärfen. Denn die meisten Steuersysteme basieren auf der Besteuerung von Arbeitseinkommen, inklusive Sozialversicherungsabgaben. Abbildung 2 zeigt, dass fast alle Staaten mehr als die Hälfte der Steuereinnahmen aus Einkommensteuer und Sozialabgaben erheben, mithin auf Basis von Beschäftigung. Wenn der Anteil von Arbeitseinkommen an der Wertschöpfung fällt, werden auch die Steuereinnahmen weniger sprudeln. Die finanziellen Ungleichgewichte steigen.
Abb. 2: Struktur der Steuereinnahmen
2024
Dem könnte man begegnen, indem man staatliche Leistungen kürzt, was aber wiederum die Rechts- und Linkspopulisten stärken dürfte. Ohnehin lassen sich damit keine Unsummen sparen. Denn alternde Gesellschaften bringen nun einmal mehr Auslagen für Rente, Gesundheit und Pflege mit sich. Und Elon Musk und seine DOGE-Truppen haben gezeigt, dass nachhaltige Einsparungen leichter gesagt als getan sind. Dass die Bundesregierung bei uns eine Rentenreform mit anteiliger Kapitaldeckung auf den Weg bringen möchte, ist in diesem Zusammenhang löblich. Kommt aber ungefähr eine Generation zu spät.
Eine Reform der Steuersysteme ist nötig
Alternativ müssten die Regierungen ihre jeweiligen Steuersysteme umbauen und die Einkommensquellen stärker besteuern, deren Aufkommen durch KI steigen wird. Also Vermögen, Dividenden und Kapitaleinkommen. Auch das dürfte sich als schwierig erweisen. Denn einflussreiche Interessengruppen werden alle Hebel in Bewegung setzen, um das zu verhindern.
Aber wenn KI bei Effizienz und Produktivität auch nur einen Teil der in sie gesteckten Erwartungen erfüllt, wird bei den öffentlichen Finanzen ein Weiterso nicht möglich sein. Ein baldiges Umsteuern wäre hilfreich. Mit Problemen, die lange absehbar sind und durch Ignorieren nicht verschwinden, haben wir schon genug Erfahrung. Siehe Rente.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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