18.09.2026
DeutschlAAAnd: wie lange noch?
Wie gefährdet die Topbonität der Bundesrepublik tatsächlich ist.
Kraemers Klartext
„Der Verlust des Top-Ratings wäre zuvorderst ein politischer Prestigeverlust.“
Heute Abend wird die Rating-Agentur Moody’s eine Aktualisierung ihrer Einschätzung für Deutschland veröffentlichen. S&P Global (vormals Standard & Poor’s) folgt am 23. Oktober und Fitch am 13. November. Derzeit genießt Deutschland das beste mögliche Rating: AAA. Das ist so etwas wie eine 1+ mit Sternchen und entsprechend selten: Seit der Finanzkrise hat sich die Zahl der mit AAA bewerteten Staaten fast halbiert (siehe Abb. 1). Da Deutschlands Defizite und Schulden zunehmen und sich sein Wachstum nur schleppend entwickelt, verfolgt die Finanzwelt die Bewertungen der Agenturen mit Argusaugen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals so viele Fragen zu dem AAA-Rating für Bundesanleihen gab wie derzeit. Und meine Erinnerung reicht weit zurück, denn vor meiner Zeit bei der LBBW war ich fast zwanzig Jahre für die Staaten-Ratings bei S&P zuständig – zuletzt als globaler Chief Sovereign Ratings Officer.
Abb. 1: Anzahl der AAA-bewerteten Staaten
Die verbliebenen AAAs sind Australien, Dänemark, Deutschland, Kanada, Liechtenstein, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Singapur, Schweden und die Schweiz.
Was ist eigentlich ein Kredit-Rating?
Gestatten Sie mir zunächst, mit einem Vorurteil aufzuräumen: Kredit-Ratings gelten oft als Empfehlungen dafür, ob ein Wertpapier ein gutes Investment ist oder ob das Risikoertragsverhältnis positiv oder negativ ist. Dem ist nicht so. Ein Rating ist einzig und allein eine Meinung darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Schuldner ausfällt, seine Verbindlichkeiten also nicht komplett und pünktlich und in der vereinbarten Währung zurückzahlt. Dabei bildet das Rating nur eine Rangfolge ab: je niedriger, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls. Die Skala geht von AAA bis zu CCC (wo es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis zum Ausfall ist). Die Agenturen entscheiden darüber in einem Komitee mit üblicherweise fünf Analystinnen und Analysten und folgen einer veröffentlichten Methodologie.
Die Säulen des deutschen AAA-Ratings
Das AAA-Rating Deutschlands fußte seit jeher auf drei Stärken:
- die Tragfähigkeit seiner öffentlichen Finanzen,
- ein solides, exportgetriebenes Wachstum und
- die Fähigkeit, große wirtschaftspolitische Herausforderun-gen zu meistern (Stichwort: Wiedervereinigung)
Dass die ausufernden Budgetdefizite und die verhaltene Wirt-schaftsdynamik Fragen zum Rating aufkommen lassen, überrascht wenig. Ebenso hat augenscheinlich Deutschlands Reformfähigkeit angesichts der wachsenden Polarisierung der Gesellschaft nachgelassen. Auch wenn wir damit nicht alleine dastehen: Die Sorgen um das AAA sind also nicht unbegründet.
Was dem AAA den Garaus machen könnte
Die Agenturen sind recht transparent, wenn es darum geht, die Risiken für eine Herabstufung zu benennen. Als Grund für ein Downgrade gilt, dass ein fiskalischer Impuls nicht zu einer höheren wirtschaftlichen Dynamik führt. S&P schrieb Ende April, dass das Rating Deutschlands unter Druck geraten würde, unterschritte die Konjunkturentwicklung die Erwartungen „signifikant“. Wenn es durch Reformen und Investitionen also nicht gelingt, das Wachstum anzuschieben, steigt die Gefahr einer Herabstufung. Dazu muss man wissen, dass S&P für die beiden kommenden Jahre ein Wachstum von 1,4 % unterstellt. Moody’s erwartet für 2027 sogar 1,5 %. Das ist ambitioniert. Das LBBW-Research ist für 2027 mit weniger als 1 % deutlich zurückhaltender.
Ein Downgrade wäre wahrscheinlich der zweite Schritt
Nach meiner Erfahrung steht ein Downgrade erst einmal nicht an. Für gewöhnlich hängen die Agenturen dem Rating zunächst einen „negativen Ausblick“ um den Hals. Das ist so eine Art erhobener Zeigefinger. Er kann bis zu zwei Jahre bestehen bleiben. Historisch führte etwa bei S&P Global ein negativer Ausblick in fast 60 % der Fälle tatsächlich zu einer Herabstufung. Da die Konjunkturdaten für Deutschland jüngst positiv überraschten, erwarte ich nicht, dass die Agenturen 2026 einen negativen Ausblick, geschweige denn eine Herabstufung vergeben werden. Falls sich die Wirtschaftsperspektiven aber wieder abschwächen sollten, dürfte es den Agenturen immer schwerer fallen, das AAA zu verteidigen.
Abb. 2: Historische Ausfallraten Sovereigns
in %
Ausfallraten bis zu zehn Jahre nachdem ein entsprechendes Rating vergeben wurde.
Politische und finanzielle Folgen einer Herabstufung
Der Verlust des Top-Ratings wäre zuvorderst ein politischer Prestigeverlust. Ein gesenkter Daumen der Agenturen dürfte den politischen Extremen weiter in die Hände spielen, die ja behaupten, es besser zu können. Auf dem Kapitalmarkt aber gibt es ein Leben nach dem AAA. Investoren verstehen, dass die Ausfallwahrscheinlichkeiten für AAA und AA kaum unterscheidbar sind und historisch asymptotisch gegen Null tendieren (Abb. 2). Deshalb sollten die negativen Auswirkungen auf die Finanzierungskosten des Bundes überschaubar bleiben.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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