25.09.2026

Lesn unt rächnen is ser schwehr!

Deutschland hat nichts gelernt. Der PISA-Schock verschärft sich.

Schüler eilen in die Schule
Schüler eilen in die Schule

Kraemers Klartext

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

„Ein Land mit einer solch dramatischen Demografie wie unseres kann es sich schlicht nicht leisten, einen hohen Anteil seiner ohnehin nicht besonders zahlreichen jungen Menschen ohne Rüstzeug ins Arbeitsleben zu entlassen“

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

Alle drei Jahre wieder kommt für Deutschland eine Hiobsbotschaft aus Paris: Die PISA-Studie der OECD. Sie vergleicht weltweit die Kompetenzen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in den Kategorien Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Von den verheerenden Resultaten der aktuellen Erhebung für Deutschland haben Sie sicher gelesen oder gehört. Vor drei Jahren konnten die Verantwortlichen sich noch damit herausreden, dass die Testphase in die Coronazeit gefallen war, in der die Schulen teilweise geschlossen waren oder zumindest kein Präsenzunterricht stattfand. Das gilt nun nicht mehr: Die OECD hat die Ergebnisse im vergangenen Jahr erhoben, und da galt Business as usual.

Was die jüngste PISA-Studie zeigt

Dennoch geht es für Deutschland steil bergab. Und zwar in allen gemessenen Kategorien (siehe Abb. 1). Nicht nur das: Die Ergebnisse sind die schlechtesten seit 2001, als die OECD erstmals einen länderübergreifenden PISA-Vergleich veröffentlicht hat. Damals erlitt Deutschland den ersten PISA-Schock. Die für Bildung zuständigen Bundesländer reagierten und die Ergebnisse verbesserten sich in der darauffolgenden Dekade tatsächlich.

Abb. 1: Deutschlands PISA-Ergebnisse

Aber seither – und das sind mehr als zehn Jahre! – befinden sich die Fähigkeiten der deutschen Zöglinge im freien Fall. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die nicht einmal über Basiskompetenzen verfügen, steigt kontinuierlich (siehe Abb. 2). Es mag ein gewisser Trost sein, dass der EU-Durchschnitt noch schlechter ausfällt. Aber als Einäugiger unter Blinden sollte man nicht allzu sehr angeben. Was deutsche Schüler alles nicht wissen, reicht aus, um in Singapur drei Schüler durchfallen zu lassen. In Asien sind die Ergebnisse nämlich durch die Bank besser als bei uns und heben den OECD-Durchschnitt.

Abb. 2: Deutschland: Jugendliche ohne Basiskompetenz

in %

Ungleichheit der Ergebnisse in Deutschland extrem

Erst beim genaueren Hinsehen zeigt sich die deutsche Misere im Detail. Durchschnittliche Kompetenzen haben nämlich die Schwäche, dass sie die Streuung der Ergebnisse verdecken (siehe Abb. 3). Kaum irgendwo ist der sozioökonomische Hintergrund so entscheidend für die Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler wie hierzulande. Wenn die Eltern Akademiker sind und das Kind aufs Gymnasium gehen kann, sind die Ergebnisse durchaus respektabel. Aber benachteiligte Kinder, erst recht mit Migrationshintergrund, fallen im internationalen Vergleich massiv ab. Und während sich die Ergebnisse in den einzelnen Ländern international eher annähern, wächst die Heterogenität in Deutschland sogar noch. Eine ernüchternde Erkenntnis für alle, die glauben, dass wir in einer meritokratischen Gesellschaft leben, in der es jede/r durch harte Arbeit nach oben schaffen kann.

Abb. 3: Unterschied beste 10% minus schwächste 10%

in Bewertungspunkten

Das Problem beginnt schon im Kleinkindalter

Was zu tun ist

Spätestens nach diesen Resultaten muss nun ein Ruck durch unser Land gehen. Für eine ressourcenarme Wirtschaft wie Deutschland ist das größte Gut das, was bei den Menschen zwischen den Ohren passiert. Vor allem der hohe Anteil von Jugendlichen mit noch nicht einmal Basiskompetenzen muss unbedingt sinken. Ein Land mit einer solch dramatischen Demografie wie unseres kann es sich schlicht nicht leisten, einen hohen Anteil seiner ohnehin nicht besonders zahlreichen jungen Menschen ohne Rüstzeug ins Arbeitsleben zu entlassen. Das De-facto-Aufgeben dieser Kinder und Jugendlichen ist auch in Anbetracht des Fachkräftemangels unverantwortlich. Eine koordinierte Bildungsoffensive wäre nun das Mindeste. Dass eine Partei wie die AfD die Schulpflicht abschaffen will, macht angesichts der verheerenden Ergebnisse der PISA-Studie sprachlos. Ich höre oft Anekdoten von Schulklassen, in denen ein großer Teil der Schüler nur unzureichend oder gar nicht Deutsch spricht. Aber wo sollen sie es denn lernen, wenn nicht in der Schule? Und was bleibt solchen jungen Menschen anderes übrig, als sich in Parallelgesellschaften einzurichten, vor denen Teile der bürgerlichen Gesellschaft wiederum Furcht verspüren.

Schlüssel frühkindliche Bildung

Aber eigentlich beginnt der Bildungsprozess viel früher. Entscheidende Weichen klicken bereits in der frühkindlichen Erziehung. Und da hapert es besonders. Bundesweit fehlen mehr als 300.000 Kitaplätze , vor allem im Westen. Das schadet nicht nur den Kindern, sondern auch der Wirtschaft. Denn in kaum einem anderen Land steigt die Teilzeitquote von Frauen nach der Geburt eines Kindes so stark wie in Deutschland. Wir müssen dringend dazulernen. Sonst untergraben wir unsere wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektiven. Vorbilder gibt es genug.

Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

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Eine Frau hält ein Smartphone in der Hand
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