02.10.2026
Postkarte aus Neapel
Italien ist ein Hort der politischen Stabilität geworden. Kein Witz!
Kraemers Klartext
„Vorurteile reisen leicht. Die Wirklichkeit ist meist komplizierter – aber manchmal durchaus erfreulich.“
Der eine oder die andere wird vielleicht schon auf meine Postkarte aus dem Sommerurlaub gewartet haben. Hier kommt sie! Eine Woche Segeln auf dem Mittelmeer und dazu ein paar Tage Neapel. Inklusive des fantastischen Teatro San Carlo (siehe Foto), dem ältesten durchgehend aktiven Opernhaus der Welt. Dagegen fällt die Mailänder Scala erheblich ab – auch was die Begeisterungsfähigkeit des Publikums angeht.
Italien hat sich verändert, und zwar positiv
Italien also. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als die Ministerpräsidenten hier so häufig wechselten, dass es nicht lohnte, sich die Namen zu merken. Zwischen 1968 und 2022 hatte Italien sage und schreibe 32 Regierungschefs. Nur wenige waren länger am Ruder als zwei Jahre (Craxi, Andreotti, Prodi, Berlusconi, Renzi, Conte). Oft waren technische Ministerpräsidenten wie etwa der spätere EZB-Chef Mario Draghi im Amt, und viele stürzten über Parteiintrigen.
Das hat sich verändert: Die erste Ministerpräsidentin Italiens, Giorgia Meloni von der rechtsnationalen Partei Fratelli d’Italia, wird im Oktober vier Jahre im Amt sein. Keine Regierung seit Mussolini war länger ohne Unterbrechung am Ruder! Stattdessen wechseln nun in Frankreich und Großbritannien die Premierminister so häufig wie früher in „il Bel Paese“. Und nicht nur das Kommen und Gehen der Regierungschefs hat am Tiber vorerst aufgehört. Auch die Wirtschaftspolitik ist in Italien vergleichsweise vorhersehbar geworden (siehe Abb. 1). Da könnte sich Deutschland eine Scheibe von abschneiden. Paris und London aber auch. Das heißt natürlich nicht, dass die italienische Politik notwendigerweise immer gut oder auch nur erfolgreich ist. Aber sie ist weniger von Unsicherheit geprägt als bei uns.
Abb. 1: Index der wirtschaftspolitischen Unsicherheit
bis Juli 2026
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Volkssport Steuerhinterziehung?
Natürlich werden beim Wort „Neapel“ Assoziationen mit dem organisierten Verbrechen wach. Die Camorra, das mafiöse Syndikat Kampaniens, ist ja auch bei uns berühmt. Tatsächlich ist die gemessene Kriminalität höher als zum Beispiel in Berlin, auch wenn sie an der Spree zuletzt rascher zugenommen hat. Von alldem habe ich als Tourist aber nichts mitbekommen. Betriebe ich eine Pizzeria, wäre das womöglich anders gewesen.
Und viele von Ihnen werden vermuten, dass Steuerhinterziehung nach wie vor ein Volkssport in Italien ist. Aber Obacht! Während es definitionsgemäß schwierig ist, Steuerhinterziehung zu messen, gibt es doch verschiedene Studien, die Facetten davon international vergleichen. Abb. 2 zeigt, wie man sich täuschen kann. Tatsächlich haben Deutsche mehr Geld in Steueroasen verschoben als Italiener.
Abb. 2: Offshore-Vermögen
% des BIP
Öffentliche Finanzen stabiler als gewohnt
Und jetzt müssen Sie stark sein: Für dieses Jahr und auch für 2027 geht die EU-Kommission davon aus, dass das deutsche Budgetdefizit, gemessen als Anteil am BIP, größer sein wird als in Italien, dem ewigen Schuldensünder (siehe Abb. 4)! Ob das tatsächlich so kommt, bleibt abzuwarten. Und selbst wenn das deutsche Defizit höher sein sollte: Italien verdankt den Erfolg nicht nur dem eigenen Reformwillen. Denn das Land profitiert mehr als jeder andere EU-Mitgliedstaat von den Segnungen des NextGenerationEU-Programms – vergemeinschafteten Schulden, um die wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie zu heilen. Ungefähr ein Drittel sind Zuschüsse aus Brüssel, und die darf ein Empfängerstaat unmittelbar als Einnahmen verbuchen. Das schmeichelt den italienischen Budgetzahlen.
Abb. 4: Schattenwirtschaft 2026
% des BIP
Und wir brauchen auch nicht alle liebgewonnenen Vorurteile über Bord zu werfen: Bei der Schwarzarbeit haben Italiener klar die Nase vorn. Die Schattenwirtschaft macht schätzungsweise gut 20 % des Bruttoinlandsprodukts aus (siehe Abb. 3).
Abb. 3: Maastricht-Defizit
in % des BIP
Die alte Erzählung trägt nicht mehr
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Italien ist beileibe kein finanzpolitischer Musterknabe. Die Staatsschulden zwischen Brenner und Sizilien bleiben gewaltig, die Produktivität schwach, die demografische Entwicklung noch unerquicklicher als hierzulande. Aber die traditionelle Erzählung vom chronisch chaotischen Bel Paese trägt immer weniger. Italien hat politische Stabilität gewonnen, seine öffentlichen Finanzen zumindest vorläufig besser im Griff und manche seiner notorischen Schwächen entschärft. Deutschland dagegen befindet sich im Rückwärtsgang und darf sich nicht darauf verlassen, dass der südliche Nachbar freundlicherweise dauerhaft die Rolle des wirtschaftspolitischen Problemfalls übernimmt. Vielleicht ist das die eigentliche Postkarte aus Neapel: Vorurteile reisen leicht. Die Wirklichkeit ist meist komplizierter – aber manchmal durchaus erfreulich.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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