07.08.2026
Die Hitze kostet Wohlstand
Es ist höchste Zeit, in der deutschen Klimapolitik umzusteuern.
Kraemers Klartext
"Klimawandel ist nicht nur ein Schlagwort, er verursacht handfeste Schäden. Und die sehen wir gerade deutlicher denn je."
Jetzt kommt der schon wieder mit der Hitze um die Ecke, wird manche Leserin unter Ihnen vielleicht aufseufzen. Stimmt, erst Mitte Juni habe ich in dieser Kolumne den Klimawandel zum Thema gemacht. Kern der Analyse war damals, die wissenschaftliche Evidenz für den menschengemachten Klimawandel zu dokumentieren. Und warum Europa ganz besonders von der globalen Erwärmung betroffen ist.
Aktuell sehen wir die Konsequenzen deutlicher denn je. In Südeuropa brennen die Wälder. Getreide und Gemüse vertrocknen auf den Feldern oder wachsen erst gar nicht. Die Landwirte prognostizieren Ernteausfälle „in nie dagewesenem Ausmaß“ . Der Ruf nach Hilfen ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Und dafür habe ich durchaus Verständnis, auch wenn mir in der Vergangenheit die Bauernproteste manchmal etwas zu weit gingen. Es ist zu befürchten, dass viele Betriebe vor dem Aus stehen. Zumal Anzahl und Intensität der Dürrephasen zunehmen.
Hitze kostet Menschenleben
Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts gab es bis Mitte Juli bereits knapp 12.000 Hitzetote. Das ist ein absoluter Rekord (siehe Abb. 1). Mehr als 95 % dieser sogenannten Übersterblichkeit entfallen auf Menschen über 65 Jahren. In der zurückliegenden Woche dürfte die Zahl weiter gestiegen sein. Und während etwa Frankreich nach dem Hitzesommer 2003 Pläne auf den Weg gebracht hat, um die Folgen für die Bevölkerung abzumildern, treffen uns die rollierenden Hitzewellen in Deutschland 23 Jahre später (!) immer noch unvorbereitet.
Abb. 1: Schätzung Hitzetote in Deutschland (bis Ende Juli)
Aber wenn schon vermeidbare Verluste an Leben die Regierenden nicht in die Pötte kommen lassen, dann ist es vielleicht der wirtschaftliche Schaden. Am offensichtlichsten wird der gerade angesichts des Niedrigstands der Flüsse, und zwar nicht nur am Rhein. An Donau, Elbe, Mosel oder Spree sieht es ganz ähnlich aus. Aber der Rhein ist für 80 % des Verkehrs auf deutschen Wasserstraßen verantwortlich und die zentrale Transportarterie für Ölprodukte, Chemikalien, Kohle, Schrott, Getreide und Container. Der Pegelstand beim Nadelöhr Kaub liegt auf dem niedrigsten Stand , seit 1880 die Aufzeichnungen begannen (siehe Abb. 2). Da Schiffe nur noch mit geringer Beladung passieren können, steigen die Frachtkosten exponentiell.
Abb. 2: Wasserstand des Rheins bei Kaub (in Metern, bis 04. August 2026)
Es hilft in dieser Situation nicht, dass Teile der rechtsrheinischen Bahnstrecke wegen Sanierungsarbeiten mindestens bis Dezember nicht passierbar sein werden. Die Lieferengpässe, die allein durch die Lage am Rhein entstehen, könnten nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Wachstumseinbußen von bis zu 0,4 % nach sich ziehen. Damit wäre die Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung Deutschlands wieder zunichte. Es könnte gar eine Rezession drohen.
Und was hört man aus Berlin? Ein Sprecher des Verkehrsministeriums gibt sich lakonisch: „Wenn kein Wasser da ist, sind wir alle mit dem Latein am Ende.“ Natürlich hat auch Berlin keinen direkten Draht zum Regengott. Aber das lapidare Schulterzucken ist kein Krisenmanagement.
Energie und Tourismus leiden ebenfalls
Es ist aber nicht nur der Transport. Frankreich, Ungarn und Rumänien müssen derzeit Atomkraftwerke wegen Kühlwassermangels drosseln oder abschalten. Auch Kohlekraftwerke sind betroffen, und die französische EDF musste hitzebedingt sogar das erste Gaskraftwerk vorübergehend vom Netz nehmen.
Auch der Tourismus leidet. Kreuzfahrten auf Flüssen finden kaum mehr statt. Und der Bodensee hat den niedrigsten Pegel erreicht, seit es Messungen gibt. Selbst meine Mutter, die dem Bodensee seit Jahrzehnten die Treue hält, will von weiteren Besuchen in Überlingen absehen.
Produktivität korreliert negativ mit Temperaturen
Die Arbeitsproduktivität geht bei Temperaturen über 30 Grad in den Keller. Und das nicht nur, weil Krankschreibungen zunehmen. In einer Studie schätzt die Allianz, dass jedes Grad über dieser Grenze die Produktivität um 3 % verringert . Besonders betroffen sind Berufsfelder im Freien: Bitte loben Sie Ihren Briefträger oder Müllmann. Die machen gerade echt was durch!
Ich bin überzeugt, dass die Folgen der Hitze von Landwirtschaft über Lieferketten bis hin zur Energieversorgung noch zu einem Inflationsschub führen können, ganz gleich, ob der Krieg im Nahen Osten weitergeht. Und das ist erst der Anfang! Und was macht unsere Bundesregierung? Sie rät , ausreichend zu trinken, verweist auf die Zuständigkeit von Ländern und Kommunen und fördert den Bau von Gaskraftwerken .
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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