17.07.2026
Aktiendämmerung?
An der Börse sind die Risiken einer Korrektur gewachsen.
Kraemers Klartext
Wir haben in den vergangen Wochen die beiden größten Börsengänge der Geschichte erlebt.
Nach drei richtig fetten Jahren, in denen der Deutsche Aktienindex jeweils um gut 20 % gestiegen ist, war für Aktionäre auch das laufende Jahr bislang erfreulich. Während zwar der DAX kaum zulegen konnte, stieg der US-Index S&P 500 um mehr als 10 % und der technologielastige Nasdaq noch deutlicher.
Die Straße von Hormus ist blockiert? Was soll’s, das geht schon wieder vorbei. Höhere Langfristzinsen? Egal, das machen die sprudelnden Gewinne locker wett. Nichts konnte die optimistische Gemütslage anfechten. Das Glas war bisher in den Augen der Aktionäre nicht nur halbvoll, sondern eigentlich viel zu klein.
Die Volatilität ist zurück
Aber schon im Juni hat der Wind ein wenig gedreht. Die bisherigen Börsenlieblinge rund um das Thema KI begannen, mit steigender Volatilität zu kämpfen (siehe Abb. 1). Und trotz robusten Gewinnwachstums reagierte die Börse oft mit Kursverlusten.
Und jetzt wird das Umfeld noch schwieriger. Die Hoffnungen auf die Beilegung des Irankriegs haben sich vorerst wieder zerschlagen. Und an den Rentenmärkten sind die Zinserwartungen entsprechend erneut gestiegen. Das ist eine Bürde für Wachstumsaktien in der Tech-Branche, weil Anleger deren Gewinne nun mit einem höheren Zins abdiskontieren.
Abb. 1: Volatilität bei den Technologie-Aktien
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Vergleiche mit der Dotcom-Blase gehen am Problem vorbei
Um es klar zu sagen: Wir befinden uns nicht in einer Lage wie Anfang des Jahrhunderts, als die Internet-Blase platzte. Damals animierten Unternehmen, die keinerlei Gewinne erzielten und häufig auch keine Aussicht darauf hatten, die Fantasie der Anleger. Wir Analysten betrachteten Indikatoren wie die „Cash Burn Rate“, also wie schnell die vermeintlichen Internetstars Kapita verbrannten. Die KI-Giganten von heute sind dagegen hochprofitabel und haben durchaus ein Geschäftsmodell. Was allerdings auch gilt: Die Marktkonzentration auf einige wenige Aktien ist heute ungleich höher als im Jahr 2000. Die zehn größten Unternehmen – fast alle im Bereich Technologie unterwegs – vereinen mehr als 40 % der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500 auf sich. Im Jahr 2000 waren es nur etwa 25 %. Zudem waren die Titel gleichmäßiger auf verschiedene Branchen verteilt. Heute gilt: alle Chips, im doppelten Wortsinne, auf KI! Wenn sich hier die hochgesteckten Hoffnungen nicht erfüllen, dann wäre das Risiko einer Korrektur erheblich.
Ist ein Tsunami von Börsengängen im Anmarsch?
Nach jahrelanger Verknappung von Aktien wegen grassierender Rückkäufe kommt jetzt massiv neues Angebot auf den Markt (siehe Abb. 2). SpaceX und der koreanische Chip-Hersteller SK Hynix brachten zuletzt die größten Aktienemissionen aller Zeiten an den US-Markt, letztere als Sekundärnotierung. OpenAI und Anthropic dürften bald folgen. Warum bieten die Eigentümer dieser Unternehmen der Öffentlichkeit Aktien an? Sicher nicht, weil sie glauben, dass die Papiere günstig bewertet sind.
Abb. 2: Nettoaktienemissionen
2000-2026e, in Mrd. USD
Die Schätzung für 2027 beruht auf dem Free Float der IPOs, der als Angebot auf den Markt kommen könnte.
Während die Hyperscaler tatsächlich Gewinne machen, kann man das von Unternehmen wie SpaceX oder OpenAI nicht behaupten. Bei ihnen fallen zum Teil erhebliche Verluste an, und die Neuaktionäre kaufen vor allem die Hoffnung auf künftige Profitabilität. In dieser Hinsicht ähnelt das aktuelle Geschehen schon ein wenig der Phase vor dem Platzen der Dotcom-Blase (siehe Abb. 3). Denn auch damals ermutigten die teils schwindelerregenden Bewertungen ungewöhnlich viele Unternehmen zu Börsengängen. Nach dem Platzen der Blase hatten die Aktionäre das Nachsehen. In Deutschland gab es eine ähnliche Entwicklung rund um den sogenannten „Neuen Markt“. Aktionäre kauften keine sprudelnden Gewinne, sondern Geschichten. Und etliche dieser Geschichten entpuppten sich später als Märchen.
Abb. 3: Börsengänge mit einem Emissionsvolumen
von mehr als 1 Mrd. USD zwischen Anfang 1995 und Ende 2000
Aber nicht genug damit, dass wir in den vergangenen Wochen die beiden größten Börsengänge der Geschichte erlebt haben. Weitere kolossale IPOs winken. Bei beiden Gigabörsengängen haben die jeweiligen Eigner nur einen relativ kleinen Teil der Unternehmensaktien verkauft. Im Falle von SpaceX trennten sich die Anteilseigner rund um Elon Musk beispielsweise nur von 5 % der Aktien. Üblich ist bei IPOs ein Mehrfaches davon. Wenn die Periode der Haltefristen von normalerweise sechs Monaten abgelaufen ist, können Alteigentümer wie Musk ihre eigenen Aktien verkaufen. Für die Aktionäre bedeutet das ein weiter steigendes Angebot an Aktien. Und wir wissen alle, was passiert, wenn ein steigendes Angebot auf eine konstante Nachfrage trifft. Genau: Die Preise fallen. Das ist keine Prognose meinerseits, und das LBBW Research sieht im Basisszenario auch keine Marktkorrektur vor. Aber die Risiken, die mit hohen Bewertungen und Marktkonzentration einhergehen, sind fraglos gewachsen.
Deshalb: Bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante!
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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1.1 MB | 17.07.2026
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