24.07.2026
Unsichtbare Zölle
Trump schadet Amerikas stärkstem Exportgut: seiner Anziehungskraft.
Kraemers Klartext
Wer Kunden schon vor der Passkontrolle ans Schienbein tritt, sollte sich über leere Hotelbars nicht wundern.
Man kann sich die Szene bildlich vorstellen: Ein Zollbeamter steht in einem amerikanischen Hafen, prüft Container, zählt Waren und fühlt sich als Frontsoldat im Kampf gegen das Handelsdefizit seines Landes. Die Tatsache, dass dessen Wert im Mai auf 77,6 Mrd. USD und damit auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr gesprungen ist – 42,2 % mehr als im April – scheint seine Aufgabe noch dringlicher zu machen.
Für die MAGA-Leute sind die neuesten Daten ein gefundenes Fressen. Wieder kann Donald Trump nach Zöllen rufen und auf ausländische Waren zeigen, die angeblich die USA klein machen. Diese Wahrnehmung ist aber ein handelspolitischer Tunnelblick. Allzu leicht lässt sich der Riesenschaden übersehen, der zugleich am Flughafen nebenan entsteht. Denn dort kommen viele gar nicht mehr an, die Geld in den Vereinigten Staaten ausgeben würden: Reisende, Studierende, Kongressgäste.
Der Exportkunde bleibt weg
Im Dienstleistungshandel funktionieren Exporte anders. Wer in den USA ein Hotelzimmer bucht, studiert oder eine Konferenz besucht, kauft ein amerikanisches Produkt. In der Zahlungsbilanz nennt sich das Export von Dienstleistungen. Nichts zum Anfassen, aber real und traditionell eine Stärke der USA. Visa-Hürden, ruppige Einreisekontrollen und der politisch geschürte Eindruck, nicht mehr willkommen zu sein, wirken deshalb wie ein unsichtbarer Exportzoll. Nur dass ihn Washington nicht an der Grenze erhebt, sondern dem eigenen Gastgewerbe, den Universitäten und Veranstaltern aufs Auge drückt. Container kann man stauen. Gäste bleiben von sich aus weg.
Die Reisebranche spürt das bereits. Das Analyseinstitut Tourism Economics taxiert den Einnahmeverlust im US-Tourismus für 2025 auf rund 16,6 Mrd. USD und erwartet für 2026 ein weiteres Minus von rund 21 Mrd. USD. Im Mai kamen 7 % weniger europäische Besucher in die USA als im Vorjahr. Natürlich spielen dabei auch Wechselkurse, Konjunktur und Reisebudgets eine Rolle. Kein Ökonom sollte Korrelation und Kausalität verwechseln. Aber die Kombination aus Visapolitik, Zollgetöse und messbaren Besucherrückgängen legt einen politischen Verstärkereffekt nahe. Wer Kunden schon vor der Passkontrolle ans Schienbein tritt, sollte sich über leere Hotelbars nicht wundern. Für mich persönlich etwa wird 2026 wohl das erste Jahr seit langem sein, in dem ich nicht in die USA reisen werde.
Abb. 1: USA Reiseexporte (inkl. Studierende) in Mrd. USD zu konstanten Preis
Der Trump Slump reist mit
Besonders tückisch ist, dass ein Ruf langsamer heilt als ein Zollstreit. Einen Zollsatz kann man senken, wenn der Ärger groß genug wird. Vertrauen kommt nicht per Dekret zurück. Bei Bildung und Konferenzen ist der Schaden besonders hartnäckig, weil Entscheidungen lange Vorläufe haben und Netzwerke andernorts neu entstehen. Ein ausländischer Doktorand, der statt in Harvard zu promovieren nach Heidelberg geht; ein Verband, der seine Jahrestagung von Washington nach Wien verlegt; ein Konzern, der seine Reiseregeln verschärft – all das taucht nicht in der Zollstatistik auf. Es wandert leise ab. Genauso sieht der „Trump Slump“ aus: Er ist kein Krater in der Warenbilanz, sondern ein schleichender Schwund von Begegnungen, Buchungen und Bindungen. International ist das Image der USA in den vergangenen Jahren regelrecht eingebrochen (siehe Abb. 2).
Das ist die eigentliche Ironie. Trump behandelt das Warenhandelsdefizit wie einen Angriff von außen und schießt mit der Zollschrotflinte auf alles, was über die Grenze kommt. Dabei richtet er allerhand Kollateralschäden an und beschädigt auch jenen Ast, auf dem Amerika im Welthandel bisher besonders bequem saß. Im Mai sanken die US-Exporte um 3,2 %.
Abb. 2: Positive Meinung zu USA und China
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Europa muss nur höflich winken
Europa sollte sich angesichts dessen nicht triumphierend die Hände reiben. Schadenfreude ist keine Strategie. Aber Frankfurt, Wien oder Amsterdam müssen auch nicht wegschauen, wenn Kongresse, Unternehmensreisen und vielleicht sogar Investitionen einen neuen Heimathafen suchen. Das ist eine offene Tür, durch die Europäer Gäste höflich, verlässlich und ohne großes Getöse bitten sollten. Dazu braucht es keine Gegenzölle, sondern gute Flughäfen, verlässliche Visaprozesse und die schlichte Botschaft: Bei uns sind Sie willkommen.
Jahrzehntelang beruhte der Einfluss der USA nicht auf militärischer oder wirtschaftlicher Macht. Nein, es war die Soft Power, die Amerika zum Sehnsuchtsland so vieler gemacht hat. Trump verzockt gerade diese Trumpfkarte. Wie lange der Reputationsschaden an den USA haften bleibt, ist ungewiss. Aber ich bin sicher, dass der MAGA-Schlagschatten Trumps Amtszeit lange überdauern wird.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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1.2 MB | 24.07.2026
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