19.06.2026

Es geht zu heiß her auf unserem Planeten

Der Klimawandel schreitet voran. Das ist keine Frage der Meinung.

Das ausgetrocknete Flussbett des Rheins in Köln, Deutschland
Das ausgetrocknete Flussbett des Rheins in Köln, Deutschland

Kraemers Klartext

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

So mancher Klimawandelleugner meinte, nun sei der Beweis erbracht, dass es die wissenschaftliche Unterfütterung des Klimawandels nichts weiter als eine ideologische Propagandamission gewesen sei

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

Im Juni erregte ein Beschluss des UN-Klimaexpertengremiums IPCC viele Gemüter: Die Klimaforscher hatten entschieden, dass das Extremszenario RCP8.5 realistischerweise wohl nicht mehr eintreten werde, und es aus ihren Projektionen gestrichen. Dieser Klimapfad hätte zu einer Erwärmung des Planeten von fast 5 °C geführt und menschliches Leben in vielen Regionen der Welt unmöglich gemacht. Das Weiße Haus , aber auch Teile der hiesigen Presse, erklärten triumphierend, dass die Prognosen der Klimatologen falsch gewesen seien.

Leugner der Klimakrise führen den Vorfall als „Beweis“ dafür ins Feld, dass die wissenschaftliche Unterfütterung des Klimawandels nichts weiter als eine ideologische Propagandamission gewesen sei. Dabei verwechseln sie Prognosen und Szenarien. Das RCP8.5 stellte das schlimmste vorstellbare Szenario unter mehreren dar, das dann eingetreten wäre, wenn der Treibhausgasausstoß ungebremst weiter gestiegen wäre. Jahrzehnt um Jahrzehnt. Dass das passieren würde, war nie die Prognose der Experten. Da viele Staaten – auch Deutschland – glücklicherweise die Emissionsintensität der Wirtschaft reduziert haben, ist das heute nicht mehr wahrscheinlich. Deshalb haben die Experten das „Horrorszenario“ gestrichen. Das ist der normale Gang in der Wissenschaft, wenn sich Fakten ändern. Leider ist aber auch das positive Szenario nicht mehr wahrscheinlich, dass die Menschheit die Erwärmung auf unter 1,5 °C begrenzen kann.

Die Erde erhitzt sich immer schneller

Ist der Klimawandel also abgesagt? War alles nur eine wirre Idee von Greta Thunberg & Co? Schön wäre es! Aber die Daten sagen leider etwas völlig anderes. Abb. 1 zeigt den globalen Trend. 2025 war das zweitheißeste Jahr seit es Messungen gibt. Das Jahr davor das heißeste. Die vergangenen zehn Jahre waren die wärmsten je gemessenen. Das ist nicht mehr „Wetter“, das sind stabile Trends. Solche Trends nennt man Klima, und eben jenes ändert sich, und zwar immer rascher. Europa ist übrigens der Kontinent, der sich am schnellsten erhitzt. Gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter sind die Durchschnittstemperaturen schon um 2,4 °C gestiegen, weltweit um „nur“ 1,4 °C.

Abb. 1: Globale Temperaturanomalie gegenüber Durchschnitt 1951-1980

in °C

Was Abb. 2 auch zeigt, ist, dass der Temperaturanstieg vor den 1980er Jahren kaum spürbar war, zuletzt aber deutlich zugelegt hat. Das ist kein Zufall. Wissenschaftler wissen, dass die menschengemachten Treibhausgase ein wichtiger Treiber der Erderhitzung sind. Nach Daten der US-Agentur NOAA (noch dürfen die solche Daten sammeln!) ist etwa der Anteil von CO2 in der Atmosphäre deutlich gestiegen (siehe Abb. 3). Klimawandel gab es in der Erdgeschichte schon immer. Das ist unbestritten. Aber nun sind es die Menschen, die den Klimawandel im wahrsten Sinne des Wortes befeuern. Das gab es noch nie.

Abb. 2: Erwärmung Europa und Global, relativ zu 1991-2020

in °C

Abbildung 3: CO2 in der Atmosphäre

ppm, April

Naturkatastrophen verursachen immer mehr Schäden

Das ist nicht nur neu, sondern wird auch immer teurer. In neun der zehn vergangenen Jahre betrugen die Schäden durch Naturkatastrophen (ohne Erdbeben, denn für die kann der Klimawandel in aller Regel nichts) im Schnitt 186 Mrd. USD. Der Trend zeigt nach oben. In den 1980er Jahren waren nur gut 10 Mrd. USD die Norm (siehe Abb. 4). Nach Schätzungen der Allianz könnten sich für Deutschland die Wachstumseinbußen bis 2030 auf mehr als 110 Mrd. EUR belaufen, 2,5 % des BIP!

Der Klimawandel ist deshalb nicht nur nicht abgesagt, sondern er bedroht immer stärker unseren Wohlstand. Von menschlichem Leid, vor allem in armen Ländern, und den daraus resultierenden Wanderungsbewegungen will ich gar nicht sprechen. Vergessen wir nicht, dass zum Teil auch Dürren und Verwüstungen von Ackerflächen den Exodus der syrischen Flüchtlinge ausgelöst haben. Es ist ja nicht so, dass die Syrer vorher nicht gewusst hätten, dass Baschar al-Assad ein brutaler Diktator war. Aber Hunger und die resultierende Stadtflucht waren der Funke, der zur politischen Explosion führte.

Abb. 4: Schäden durch Naturkatastrophen

ohne Erdbeben, Mrd. USD

Klimawandel bietet aber auch Chancen für unsere Industrie

Die Lage ist also ernst. Aber für die gebeutelte deutsche Industrie könnte sie auch Chancen eröffnen. Denn die Nachfrage nach Klimatechnik wird weltweit steigen. Das könnte Deutschland zu einer neuen Schlüsseltechnologie verhelfen. Die Expertise existiert. Was sich nicht wiederholen darf – etwa im Markt für Wärmepumpen – ist die bittere Erfahrung bei der Photovoltaik. Dieses Segment hat der einstige Marktführer Deutschland komplett an China verloren. Um eine weltweit führende Rolle zu gewinnen und zu behalten, brauchen die Unternehmen aber klare politische Leitlinien und langfristig verlässliche Planbarkeit. Diese Sicherheit fehlt leider zunehmend, wenn sich alle vier Jahre die politische Richtung in der Klimapolitik ändert.

Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

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