28.09.2026

Die Angst vor immer höheren Lebenskosten

Wie steigende Preise die Unzufriedenheit im Land nähren.

Lebensmittel Supermarkt EInkaufswagen
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Sabrina Kremers Faktencheck

Sabrina Kremer

„Die Landtagswahlergebnisse der vergangenen Wochen sind ein Signal.“

Sabrina Kremer, Senior Sustainability Analyst

Die Mehrheit der Bürger in Deutschland ist unzufrieden und hält die Richtung, in die sich das Land entwickelt, für falsch. Hinter diesem Befund steckt mehr als schlechte Stimmung. Vielmehr sorgt sich jeder Dritte ernsthaft darum, ob er seine Rechnungen für Miete, Nebenkosten, Strom, Heizung und Lebensmittel auch künftig noch bezahlen kann. Das zeigt sich sehr deutlich in der „ What Worries the World “-Analyse von Ipsos.

Die Sorge beginnt im Alltag

Wohnen und Essen sind kein Luxus, sondern Teil der Grundversorgung. Seit Anfang 2020 haben sich die Wohnungsnebenkosten – ohne Energie – um 40 % erhöht (Abb. 1). Die Verbraucherpreise für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke stiegen binnen zehn Jahren um mehr als die Hälfte. Die Reallöhne stagnierten im selben Zeitraum nahezu. Auch Strom, Heizen und Warmwasser kosten mehr. Der Gaspreis hat sich seit 2016 nahezu verdoppelt – von 6,5 auf 12,1 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh). Strom ist im Schnitt rund 10 ct/kWh teurer. Für einen Vierpersonenhaushalt mit 4.000 kWh Jahresstromverbrauch sind das monatlich 33 EUR mehr. 2025 lebten 3,8 Millionen Menschen in Haushalten mit Zahlungsrückständen beim Energieversorger – 4,6 % der Bevölkerung. Besonders stark betroffen waren Miethaushalte mit 5,8 %. Zwar blieb die Armutsgefährdung zwischen 2021 und 2024 mit rund 16 % weitgehend stabil. Sorge beginnt aber nicht erst an der Armutsgrenze. Sie wächst, wenn der finanzielle Spielraum stetig schrumpft.

Abb. 1: Verbraucherpreise Wohnungen/Haushalt

2020 = 100

Quelle: Destatis, LBBW Research

Gleiche Preise, ungleiche Spielräume

Wie gut Haushalte Preissteigerungen abfedern können, schwankt regional stark. In Bayern hat ein Einwohner im Durchschnitt mehr als 33.000 EUR Einkommen zur Verfügung, in Bremen dagegen sind es nur rund 26.400 EUR. Auch Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland liegen unter 27.000 EUR und damit rund 20 % unter dem bayerischen Niveau (Abb. 2). Doch von den aktuellen geopolitischen Schocks sind alle Haushalte gleichermaßen betroffen. Energie- und Lebensmittelpreise steigen überall, treffen aber auf unterschiedlich große finanzielle Puffer.

Abb. 2: Verfügbares Einkommen privater Haushalte in Mio. EUR

Quelle: Statistikportal, LBBW Research

Auch soziale Infrastruktur schafft Sicherheit

Neben dem Einkommen hängt es nicht zuletzt von der sozialen Infrastruktur ab, wie zuverlässig Menschen ihren Alltag organisieren können. Bei der Betreuung von Kindern zwischen drei und sechs Jahren liegt die Versorgungsquote – mit Ausnahme des Saarlands – überall über 90 %. Deutlich ungleicher ist die Situation bei den Kleineren: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erreichen Betreuungsquoten von mehr als 50 %, viele westdeutsche Länder dagegen nur 30 bis 40 %. Auch bei Pflegeangeboten und der hausärztlichen Versorgung zeigt sich kein einheitliches Bild. In den vergangenen zehn Jahren sank die Hausarztdichte insbesondere in Berlin, Baden-Württemberg, Bremen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Nicht überall fehlt das Gleiche – aber überall dort, wo etwas fehlt, wächst das Gefühl, dass früher alles besser war.

Weniger Menschen, mehr Bedarf an Zuwanderung

Seit 2025 geht die Bevölkerung zurück. Es sterben mehr Menschen oder wandern ab, als zur Welt kommen oder zuwandern. Deutschland kann das heutige Wohlstandsniveau aber nur mit hoher Produktivität und ausreichend Arbeitskräften halten. Wir sind auf Zuwanderung angewiesen. Der Ausländeranteil unterscheidet sich regional erheblich: In Bremen und Berlin liegt er bei rund 23 %, in Mecklenburg-Vorpommern bei knapp 6 %. Auch in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind es unter 10 % - bundesweit knapp 14 %. Zuwanderung ist notwendig, muss aber sinnvoll gesteuert werden. Gesellschaft, Wirtschaft und Politik müssen die Menschen integrieren und nicht nur dulden. Wer Sorgen über Kontrolle und Integration ignoriert, überlässt das Thema jenen, die einfache Antworten versprechen.

Sorgen ernst nehmen, Ursachen anpacken

Die Landtagswahlergebnisse der vergangenen Wochen sind ein Signal. Unzufriedenheit lässt sich nicht mit Appellen wegmoderieren. Sie hat häufig materielle Ursachen: steigende Wohn-, Neben- und Energiekosten, regional unterschiedliche Einkommen sowie Lücken in der Versorgung. Kurzfristig können Steuersenkungen helfen. Aber das beseitigt nicht die strukturellen Ursachen der Unzufriedenheit. Entscheidend sind mehr bezahlbarer Wohnraum, stabile Energiepreise, eine verlässliche soziale Infrastruktur und eine Zuwanderungspolitik, die wirtschaftliche Notwendigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz zusammenbringt.

Von: Sabrina Kremer, Senior Sustainability Analyst

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