26.10.2026

Gas, Deutschlands offene Flanke

Mehr Lieferanten bedeuten nicht unbedingt eine sichere Versorgung.

Gasometer
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Sabrina Kremers Faktencheck

Sabrina Kremer

„Der Füllstand der Gasspeicher zeigt, wie gut Europa auf die anstehende Heizsaison vorbereitet ist. Ein niedriger Stand heißt nicht unbedingt, dass unsere Versorgungssicherheit gefährdet ist. Aber er ist ein Zeichen für unsere Vulnerabilität.“

Sabrina Kremer, Senior Sustainability Analyst

Russisches Pipeline-Gas war lange ein fester Bestandteil der europäischen Energieversorgung: große Mengen, durch Pipelines, über lange Zeiträume. Das war eine zuverlässige Art der Versorgung, aber zugleich mit einer großen Abhängigkeit verbunden, die spätestens mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine zum untragbaren Risiko wurde. Aus dieser Abhängigkeit haben wir uns mittlerweile befreit. Doch unabhängig hat es uns nicht gemacht. Europa bezieht Gas heute aus anderen Quellen – und ist dabei stärker von Marktpreisen, kurzfristigen Lieferungen und der Geopolitik abhängig als zuvor. Die Frage lautet deshalb nicht nur: Woher kommt das Gas? Sondern auch: Zu welchen Bedingungen bekommen wir es?

Leere Speicher sind ein Signal

Vor jedem Winter wandert der Blick zu den Gasspeichern. Der Füllstand zeigt, wie gut Europa auf die anstehende Heizsaison vorbereitet ist. Ein niedriger Stand heißt nicht unbedingt, dass unsere Versorgungssicherheit gefährdet ist. Aber er ist ein Zeichen für unsere Vulnerabilität. Denn Speicher sind Puffer, die in der Regel auch zum Einsatz kommen. Sie gehören Unternehmen, die nach Wirtschaftlichkeit entscheiden, ob sie ihre Lager füllen oder nicht. In der Vergangenheit funktionierte die Vorsorge problemlos. Die Betreiber füllten die Speicher ab dem Ende des Winters mit günstigem Gas, das sie zu höheren Preisen im darauffolgenden Winter wieder abverkauften. Nun konkurriert Europa beim Einkauf mit der ganzen Welt, vor allem mit Asien, um das per Schiff transportierte LNG. Der Krieg am Persischen Golf hat das Angebot reduziert und treibt die Preise zusätzlich. Gas war diesen Sommer nicht günstig, und damit ist das Geschäftsmodell der Betreiber hinfällig. Europa und insbesondere Deutschland starten also mit niedrigen Füllständen in die kalte Jahreszeit. Deutschland verbraucht zwischen 80 und 100 Mrd. m3 Gas im Winter. Nur ein kleiner Teil – etwa 35 % - davon ist vertraglich im Volumen fixiert, und alles hängt ab von Marktpreisen. Lassen sich in Asien höhere Preise erzielen, fährt das Schiff dorthin und nicht nach Wilhelmshaven.

Abb. 1: Gasspeicherfüllstand Europa

Quelle: Bloomberg, LBBW Research

Deutschland kauft Flexibilität – und trägt ihr Preisrisiko

Wir haben uns aus der Abhängigkeit eines einzigen Landes heraus bewegt und sind nun breiter diversifiziert. Lang- und kurzfristige Verträge suggerieren Flexibilität. Doch verloren gegangen ist dabei die Planbarkeit – auch in finanzieller Hinsicht.

Abb. 2: Ursprung der Gaslieferungen in Mrd. m3 (max.)

Quelle: Bloomberg, LBBW Research

Im Zweifel sind wir gezwungen, hohe Preise zu akzeptieren. Umso mehr, weil die Gasspeicher leerer sind als je zuvor. Das spüren Unternehmen bei der Planung ihrer Energiekosten und Haushalte, wenn die Gasrechnung kommt. Auch auf den Strommarkt wirken sich die Gaspreise aus. Denn wenn Gaskraftwerke benötigt werden, um die Stromnachfrage zu decken, bestimmt deren Preis den Marktpreis. Herrschen milde Temperaturen oder gibt es viel Strom aus Erneuerbaren, braucht es – zumindest zeitweise – kein Gas.

Der Ausweg beginnt beim Strom

Kurz nach Ausbruch des Irankriegs Ende Februar stieg der Gaspreis im März von etwa 32 EUR je MWh auf fast 63 EUR.

Abb. 3: Gaspreisentwicklung 2026 (1-Monats-Forward-Kontrakt für TTF) in EUR

Quelle: Bloomberg, LBBW Research

Der Strommarkt blieb zunächst scheinbar unbeeindruckt vom Geschehen. Und vielleicht erinnern Sie sich: In ganz Europa war es im März in weiten Teilen außergewöhnlich sonnig und mild. Je mehr Erneuerbare unseren Strombedarf decken, desto weniger anfällig ist zumindest der Strommarkt für geopolitische Ereignisse und desto mehr sinkt die Nachfrage nach Gas im Land. Das schützt nicht vor jeder Preisspitze – aktuell über 94 EUR je MWh - wir können unsere Abhängigkeit aber durchaus senken.

Ein Weg zu mehr Preisstabilität könnte auch eine Fixierung der Preise in den Lieferverträgen sein. Doch dafür müssten wir uns auf die Abnahme großer Mengen über lange Zeit festlegen und wären an Gas gebunden, auch wenn wir es in diesem Umfang gar nicht bräuchten. Bei unseren bestehenden langfristigen Verträgen sind wir nicht in der Position, einen langfristigen Preis zu verhandeln. Denn die Gegenseite weiß, dass unsere Abnahmemengen sukzessive sinken werden.

Umso wichtiger ist es, regenerative Energien auszubauen und auf Wärmepumpen sowie elektrische Fahrzeuge umzusteigen. Erneuerbare können uns bei Strom ein Stück unabhängiger von Gas machen. Das Problem von Gasheizungen oder des Bedarfs der Industrie löst das hingegen nicht. Solange sie auf Gas angewiesen sind, können wir zwar die Versorgung sichern, nicht aber die Preise. Die neue Gasabhängigkeit endet nicht mit einem anderen Lieferanten. Erst wenn unser Gasverbrauch sinkt und wir den Übergang verlässlich gestalten, werden wir tatsächlich unabhängiger.

Von: Sabrina Kremer, Senior Sustainability Analyst

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