15.05.2026

Emissionshandel verteuert Heizen für Geringverdiener stärker als für Reiche

Steigende CO2-Preise im Emissionshandel verteuern Erdgas, Benzin und Heizöl. Haushalte mit geringem Einkommen werden beim Heizen finanziell stärker belastet.

Rauchender Schornstein eines Wohnhauses
Rauchender Schornstein eines Wohnhauses

Die EU will Anfang 2028 ein eigenes Emissionshandelssystem für Verkehr und Gebäude (EU ETS 2) einführen. Es soll den bestehenden CO2-Zertifikatehandel ergänzen, dem die stromintensive Industrie sowie Energieerzeuger unterliegen. Beide Systeme folgen demselben Prinzip: Der CO2-Ausstoß bekommt einen Preis, der von der Menge der verfügbaren Emissionszertifikate abhängt. Das schafft einen technologieoffenen Anreiz, in Klimaschutz-Maßnahmen zu investieren.

In Deutschland gibt es bereits seit 2021 ein nationales Emissionshandelssystem für Verkehr und Gebäude (nEHS). Waren die Zertifikatspreise hier anfangs fix, bilden sie sich seit Anfang 2026 am Markt. Dabei bewegen sie sich zunächst noch in einem vorgegebenen Preisrahmen. Im nächsten Jahr bestimmen allein Angebot und Nachfrage den Preis. Der EU ETS 2 wird das nationale System ablösen.

Eine neue Analyse der LBBW und weiterer im Deutschen Sparkassen- und Giroverband e. V. organisierten Banken zeigt nun, wie sich die Entwicklung der Zertifikatspreise im nationalen und später im europäischen Emissionshandel auf die Kosten von Erdgas, Benzin und Diesel auswirken könnte. Aus der Untersuchung geht hervor, dass Haushalte mit geringem Einkommen von den erwartbar steigenden Heizkosten stärker betroffen sind als Gutverdiener. Die Experten plädieren deshalb dafür, diese Verbraucher gezielt zu entlasten. Darüber hinaus fordern sie Korrekturen in der Systematik des nEHS, um Preissprünge beim Übergang zum EU ETS 2 zu vermeiden.

Preise für Erdgas, Benzin und Diesel steigen deutlich

Die Autoren gehen davon aus, dass der Zertifikatspreis im nEHS wegen der Limitierung der ausgegebenen Emissionsrechte im zweiten Halbjahr 2026 am oberen Rand der Preisspanne von 55 bis 65 Euro liegen wird. Das entspricht Kosten von 1,3 Cent pro Kilowattstunde Erdgas. Bei einem Zertifikatspreis von 100 Euro steigen die CO2-Kosten auf 2,8 Cent, bei einem Preis von 250 Euro sind es 5,0 Cent.

Die Heizkosten der Haushalte steigen damit spürbar: Bei einem Verbrauch von 25.000 Kilowattstunden Erdgas im Jahr müssen sie bei einem Zertifikatspreis von 140 Euro für den Brennstoff fast 3.000 Euro bezahlen – knapp 700 Euro mehr als bei CO2-Kosten von 55 Euro. Noch nicht berücksichtigt sind in dieser Rechnung steigende Netzentgelte sowie die Kosten, die durch die von der Bundesregierung geplante Grüngasquote für neue Heizungen entstehen.

Auch bei Benzin und Diesel schlagen sich die steigenden Zertifikatspreise deutlich nieder: Bei CO2-Kosten von 65 Euro führen sie zu einem Aufschlag von 15,4 Cent (Benzin) und 17,2 Cent (Diesel) pro Liter. Kosten die Emissionsrechte 140 Euro, macht dies bei Benzin 33,2 Cent und bei Diesel 37,1 Cent aus.

Förderprogramme stärker an sozialen Kriterien ausrichten

Die Experten der LBBW und der anderen beteiligten Banken weisen darauf hin, dass Geringverdiener stärker unter höheren Gaspreise leiden als besser situierte Haushalte. Grund ist, dass sie tendenziell eher in Häusern mit schlechtem energetischen Standard leben und deshalb einen vergleichsweise hohen Energieverbrauch haben.

Die Autoren fordern daher gezielte Förderprogramme für die Sanierung von Gebäuden, die von Menschen mit geringem Einkommen bewohnt werden. Die Programme sollten technologieoffen gestaltet werden: Richtschnur muss die Steigerung der Energieeffizienz und nicht der Einsatz bestimmter Technologien sein. Für eigengenutzte Immobilien ist eine einkommensabhängige Förderung sinnvoll. Bei Mietwohnungen plädieren Experten dafür, den durch die Sanierung ausgelösten Wertzuwachs bei der Förderung zu berücksichtigen. Die Mieter sollten zudem für einen zu definierenden Zeitraum vor einer Wälzung der Sanierungskosten geschützt werden.

Im Verkehr treffen die steigenden CO2-Preise dagegen Haushalte mit hohem Einkommen stärker, weil sie oft Autos mit höherem Verbrauch fahren und Zweitwagen besitzen. Die Mehrkosten könnten ihnen aber zugemutet werden, heißt es in der Analyse. Die Fachleute empfehlen, auf den Rechnungszetteln der Tankstellen die CO2-Abgabe auszuweisen, analog zur Praxis bei Erdgas. Das könnte Verbraucher für diese Kosten sensibilisieren.

Um Geringverdienern die Möglichkeit zu geben, auf Elektroautos umzusteigen, halten die Experten einkommensgestaffelte Förderprogramme für sinnvoll. Diese Fahrzeuge sind kaum von steigenden Zertifikatspreisen betroffen, weil die CO2-Kosten bei Strom deutlich weniger ins Gewicht fallen als bei Benzin und Diesel.

Preissprünge verunsichern Haushalte und Unternehmen

Aus der Analyse geht auch hervor, dass der Übergang vom nEHS zum EU ETS 2 erhebliche Preissprünge verursachen wird. So rechnen die Autoren damit, dass der Zertifikatspreis von knapp 65 Euro im zweiten Halbjahr 2026 auf etwa 90 bis 95 Euro in 2027 steigen wird, weil das Angebot an Emissionsrechten schrumpft und das Preislimit entfällt. Mit Start des europäischen Handelssystem dürfte der Preis wieder fallen: Die EU-Kommission will ihn 2028 bei rund 60 Euro stabilisieren. Mit der Kürzung der ausgegebenen Zertifikatsmengen wird der Preis in den Folgejahren aber anziehen.

Dieses Auf und Ab verunsichert Haushalte und Unternehmen. Das könnte Investitionen in Effizienzmaßnahmen verzögern. Die Experten der LBBW und der anderen beteiligten Banken sprechen sich deshalb dafür aus, den Zertifikatspreis auch 2027 im aktuell geltenden Band von 55 bis 65 Euro zu halten. Das soll Kontinuität und Planbarkeit gewährleisten.

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