20.03.2026

CO₂-Zertifikate: So funktioniert der europäische Emissionshandel

Antworten auf die wichtigsten Fragen: Wer macht mit beim Emissionshandel, wie kaufen Unternehmen ihre CO₂-Zertifikate, wie wird der Preis festgelegt?

Raffinerie mit Qualm und blauem Himmel
Raffinerie mit Qualm und blauem Himmel

Die Europäische Union will den Ausstoß an Treibhausgasen bis 2030 um 55 Prozent senken. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie das „Fit for 55“-Maßnahmenpaket geschnürt. Zentraler Hebel für das Erreichen des Klimaziels ist der Emissionshandel (Emissions Trading System, kurz EU ETS), den die EU im Rahmen von Fit for 55 stark weiterentwickelt hat. Er funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Wer CO₂ ausstoßen will, muss dies mit Zertifikaten kompensieren, also „bezahlen“. Die Emissionszertifikate werden von der EU versteigert, einige werden gratis bereitgestellt. Diese CO2-Zertifikate sind ein Gut, das Unternehmen frei miteinander handeln können. Die Gesamtmenge der zur Verfügung stehenden Emissionsrechte sinkt von Jahr zu Jahr. Das lässt die Preise der CO₂-Zertifikate tendenziell steigen – was Unternehmen Anreize gibt, in Klimaschutzmaßnahmen zu investieren.

Welche Unternehmen nehmen am EU ETS teil?

Zum einen müssen alle EU-Unternehmen am Emissionshandel teilnehmen, die Strom oder Wärme aus Kohle, Erdgas oder Öl erzeugen, sofern ihre Anlagen eine Wärmeleistung von mehr als 20 Megawatt haben. Zum anderen fallen Industrieunternehmen unter die Regularien des EU ETS, die energieintensive Anlagen betreiben. Davon betroffen sind etwa Stahlwerke, Raffinerien, Papierhersteller oder Zementwerke.

Wo können Unternehmen CO₂-Zertifikate kaufen?

Die Europäische Union gibt für alle Anlagen, die dem EU ETS unterliegen, Emissionsberechtigungen an deren Betreiber aus. Der größere Teil dieser CO₂-Zertifikate wird per Auktion vergeben, einen kleineren Teil stellt die EU kostenfrei zur Verfügung. Die Gesamtmenge der Zertifikate ist begrenzt – und sie sinkt stetig, derzeit um 4,3 Prozent pro Jahr. Für jedes CO₂-Zertifikat dürfen die Unternehmen laut Definition eine Tonne Kohlendioxid ausstoßen.

Dr. Marcel Zürn ist Sektorenexperte Energie und Versorger

Der Emissionshandel ist ein sehr effizientes Instrument für den Klimaschutz. Emissionen werden dort vermieden, wo dies zu den geringsten möglichen Kosten möglich ist.

Dr. Marcel Zürn, Sektorspezialist Energie, Versorgung, Entsorgung bei der LBBW

Mit den Emissionsrechten können die Unternehmen handeln: Schöpfen sie ihr Kontingent nicht aus, etwa weil sie in Klimaschutzmaßnahmen investiert haben, dürfen sie ihre überschüssigen Zertifikate an Unternehmen verkaufen, die mehr davon benötigen, als sie per Auktion erworben oder kostenfrei zugeteilt bekommen haben. Dieses System heißt „Cap und Trade“ – Cap für die Begrenzung der ausgegebenen Zertifikatsmenge, Trade für den Handel.

Was kosten die CO₂-Zertifikate?

Mit dem Emissionshandel bildet sich ein Marktpreis für den CO₂-Ausstoß. Dieser Preis war zuletzt sehr volatil: Lag er viele Jahre lang unter 20 Euro je Tonne CO₂, so ist er seit 2020 stark gestiegen. Anfang 2023 überschritt der Kurs die 100-Euro-Marke, im Folgejahr fiel er auf 52 Euro. In 2025 lag die Tiefstmarke bei 61 Euro, der Höchstwert betrug 92 Euro.

Die Preisentwicklung hängt von vielen Faktoren ab – unter anderem von der Bereitschaft der Unternehmen zu Investitionen in den Klimaschutz, von der gesamtwirtschaftlichen Situation oder von den politischen Rahmenbedingungen, etwa der Förderung der erneuerbaren Energien. Auch Spekulation wirkt sich auf den Marktpreis aus.

Ebenso prägt den Preis, dass die zur Verfügung stehende Menge an Emissionsberechtigungen stetig sinkt. So verknappt die Europäische Union die ausgegebenen Zertifikate im Zuge ihres Fit-for-55-Programms weit stärker, als das ursprünglich vorgesehen war. Damit ist klar: Trotz gelegentlicher Ausschläge nach unten dürfte sich der Preis der CO₂-Zertifikate auf lange Sicht tendenziell weiter nach oben bewegen.

Grafik zur Emissionsminderung von den Jahren 1990 bis 2050

Wie funktionieren Zertifikateauktion und -handel?

Die CO₂-Zertifikate werden an der European Energy Exchange (EEX) in Leipzig versteigert. Da nahezu täglich Auktionen durchgeführt werden, entsprechen die Preise denen des fortlaufenden Börsenhandels mit den Zertifikaten. Dieser findet ebenfalls an der EEX statt, zudem auch an anderen Börsenplätzen wie etwa in Amsterdam. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Handelshäusern, die Angebot und Nachfrage außerbörslich zueinander bringen. Um die Transaktionen zu verbuchen, haben alle europäischen Emissionshandel-Teilnehmer ein Konto im sogenannten Unionsregister, das von der Europäischen Kommission geführt wird.

Wie steuert die EU nach, wenn Angebot und Nachfrage auseinanderklaffen?

Übersteigt die Menge der im Umlauf befindlichen CO₂-Zertifikate die Marke von 833 Millionen, überführt die EU einen Teil der Emissionsberechtigungen in die Marktstabilitätsreserve. Dem Markt werden also Zertifikate entzogen. Umgekehrt gehen 100 Millionen Zertifikate aus der Marktstabilitätsreserve als zusätzliche Menge in die Versteigerung, wenn die Menge der umlaufenden Zertifikate unter 400 Millionen sinkt – dem Markt werden damit weitere Emissionsrechte zugeführt. Diese Maßnahmen sollen allzu starke Preisausschläge verhindern. Seit 2024 gilt zudem: Enthält die Marktstabilitätsreserve mehr als 400 Millionen Zertifikate, wird ein Teil dieser Emissionsrechte dauerhaft gelöscht.

Bauarbeiter stehen vor Strommasten im Sonnenuntergang

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