11.09.2026
Alle Scheinwerfer sind auf die Fed gerichtet
Kevin Warsh zeigte sich in Jackson Hole als Falke. Was nun?
Kraemers Klartext
„Die Marktteilnehmer zweifeln zunehmend am Willen der Fed, dem politischen Druck Trumps standzuhalten und die Inflation senken zu wollen“
Kevin Warsh hat nach seinem Amtsantritt im Mai erstmal einen Fehlstart hingelegt. Die Investoren goutierten den Hang des neuen US-Notenbankchefs zu minimalistischer Kommunikationspolitik nicht. Ebenso wenig seine Andeutungen, dass ihm ein neues Inflationsmaß als Zielgröße vorschwebe. Beim jährlichen Zentralbanktreffen in Jackson Hole ruderte Warsh nun mächtig zurück. Die Inflation sei noch immer zu hoch, ließ er uns alle wissen, die wir das schon vorher wussten. Und falls sich die Inflation nicht dem Zwei-Prozent-Ziel nähere, habe die Zentralbank „Arbeit zu erledigen“. Tatsächlich hat die Fed das Inflationsziel seit Februar 2021 nicht mehr erreicht (Abb. 1).
Abb.1: Inflationsrate in den USA
Kein Wert für Oktober 2025 wegen Government Lockdown.
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Einige Beobachter haben die zuletzt gestiegenen langfristigen Zinsen mit höheren Inflationserwartungen erklärt. Das ist aber unwahrscheinlich. Vielmehr ist das Vertrauen in eine nachhaltige Haushaltspolitik der Regierung geschwunden. Die Tatsache, dass Gold und Bitcoin trotz höherer Zinsen zulegen konnten, zeigt nachdrücklich, dass Anleger eine Entwertung des Dollar fürchten und sich dagegen absichern wollen. Dass Finanzminister Scott Bessent die Investoren zu belehren und die Fundamentaldaten schönzureden versucht, hilft vorhersehbar nicht. Denn die Belastung des Haushalts wird wegen steigender Zinszahlungen und des Anstiegs altersbedingter Kosten weiter steigen. Für Pensionen und Gesundheitsversorgung von Ruheständlern muss in den USA schließlich die Regierung aufkommen.
Das Einzige, was jetzt helfen würde, wäre ein glaubwürdiges Konsolidierungsprogramm. Das anzugehen hatte Bessent auch angedeutet. Passiert ist seither nichts. So kurz vor den Zwischenwahlen wäre das auch überraschend gewesen. Und auch nach den Wahlen wird nichts passieren. Donald Trump sieht den Staat als Übel und ist eher durch Steuersenkungen aufgefallen. Über die kommenden zehn Jahre im Durchschnitt jährlich um etwa 3.000 USD pro Steuerzahler . Das kann er nicht so schnell ins Gegenteil verkehren. Umso weniger, als er dann seine wohlhabenden Anhänger (und Spender) verprellen müsste.
Jährliche Steuerentlastung durch „One Big Beautiful Bill Act“ (USD p.a.)
Was all das für die Fed bedeutet
Am kommenden Dienstag und Mittwoch tritt der Offenmarktausschuss (FOMC) zusammen, um über die Zinsen zu entscheiden. Im Protokoll der letzten Sitzung finden sich drei Stimmen für eine Zinserhöhung. Weitere Ausschussmitglieder sind für eine Anhebung offen, sollte die Inflation nicht zurückgehen. Warsh scheint zunehmend ins gleiche Horn zu stoßen.
Nun könnte man argumentieren, dass der Anstieg der langfristigen Zinsen der Fed eigentlich die Arbeit abgenommen hat. Denn die höheren Finanzierungskosten bremsen Konsum und Investitionen und somit die Inflation. Aber das springt zu kurz. Die langfristigen Zinsen sind auch gestiegen, weil Marktteilnehmer am Willen der US-Notenbank zweifeln, dem politischen Druck Trumps standzuhalten und die Inflation senken zu wollen. Die Fed muss also durch Worte – und vielleicht auch Taten – ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Sie muss demonstrieren, dass sie die Geldpolitik nicht den Interessen einer hochverschuldeten Regierung unterordnet.
Dass sich Bessent durch die Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen als Hobbyzentral-Banker gebärdet, sollte die Fed nicht beeindrucken. Was der Finanzminister da unternimmt, ist vergleichbar mit dem Versuch, eine Hypothek mit der Kreditkarte zurückzuzahlen. Der Versuch ist zudem zum Scheitern verurteilt, wenn man nicht zugleich die zugrundeliegenden Ursachen angeht: die massive und stetig wachsende Staatsverschuldung. Die Notenbank muss der Regierung zeigen, dass sie bei der Inflationsbekämpfung keine Kompromisse eingehen wird. Dass die Fed im Falle eines Anleihekäuferstreiks wieder im großen Stil Staatsanleihen kaufen müsste, um eine Finanzkrise abzuwenden, steht auf einem anderen Blatt. Aber dieses Ergebnis sollte sie so unwahrscheinlich wie möglich machen.
Die Inflation für August könnte entscheidend sein
Heute um 14:30 Uhr unserer Zeit veröffentlicht das Arbeitsministerium die US-Inflationsdaten für August. Falls hier eine Stabilisierung der Inflationsrate zu verzeichnen ist oder gar ein Rückgang, dürfte „Abwarten und Tee trinken“ die Mehrheitsdevise der FOMC-Mitglieder sein. Zeigt sich allerdings ein markanter Anstieg der Inflation, wird die Fed vielleicht schon kommende Woche die Zinsen erhöhen müssen. Auch wenn Trump dann einen Tobsuchtsanfall bekommen sollte. Die Terminmärkte sehen die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bei etwa 60 % (siehe Abb. 3). Das LBBW Research befindet sich im Camp derjenigen, die ein Abwarten der Fed für wahrscheinlicher halten und (noch) keinen massiven Anstieg der Inflation erwarten.
Abb. 3: Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung kommende Woche
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Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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