30.10.2026

Faktencheck zur Ukrainehilfe

Die USA unter Trump erweisen sich als wenig verlässliche Alliierte.

Brand in Kiew wird gelöscht
Brand in Kiew wird gelöscht

Kraemers Klartext

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

„Von den USA ist bestenfalls eine neutrale Haltung zu erwarten. Angesichts dessen muss Europa nun umso geschlossener auftreten.“

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

Während seiner Wahlkampfauftritte vor der Präsidentschaftswahl brüstete sich Donald Trump damit, er werde den Krieg in der Ukraine in einem Tag beenden. Hätte er das tatsächlich zustande gebracht, hätte ich ihm sogar den Friedensnobelpreis gegönnt. Aber nichts dergleichen ist passiert. Stattdessen versucht Putins Russland derzeit, die Zivilbevölkerung in den ukrainischen Städten gezielt durch Bombardements zu demoralisieren. Nacht für Nacht. Damit begeht Wladimir Putin täglich Kriegsverbrechen, denn der Beschuss hat keine militärische Funktion.

Die USA scheinen sich Russland zuzuwenden

Die Beziehung zwischen Trump und Wolodymyr Selenskyj war von Beginn an problematisch. Wir erinnern uns an den Antrittsbesuch des ukrainischen Präsidenten im Weißen Haus im Februar 2025 („Sie haben keine Karten in der Hand!“). Zuletzt – vermutlich angetrieben von der Furcht einer krachenden Niederlage bei den Zwischenwahlen – wurde Trump deutlicher und wechselte offen die Seiten. Er forderte Selenskyj zum Rücktritt auf und forderte Neuwahlen. Wie das in einem Kriegsgebiet gehen soll, erschließt sich nicht so leicht. Und das war nur der Anfang.

Als Nächstes lockerte Trump die Sanktionen gegen Russland und fädelte einen Diesel-Deal ein, wohl um die Spritpreise in den USA vor den Wahlen zu drücken – mit einer vereinbarten Gesamtmenge verteilt über Monate, die den Bedarf der USA gerade einmal für neun Tage deckt ! Dann gab „Kriegsminister“ Pete Hegseth bereits bezahlte Patriot-Abwehrraketen nicht frei. Die braucht Kiew dringend, um die Zivilbevölkerung vor dem Beschuss zu schützen. Zuletzt war von US-Außenminister Marco Rubio zu hören, dass die Ukraine Schiffe mit „Öl für Amerika“ angegriffen habe. Tatsächlich handelte es sich um russische Tanker. Wohin das Öl gehen sollte, ist unklar. Und schließlich zeigte sich Trump offen für eine Art Jalta 2.0 , bei der er mit Putin und Xi Jinping die Lösung für den Krieg aushandeln wollte. Ohne dass die Ukraine oder die Europäer mit am Tisch säßen. Sie sind eher auf der Speisekarte!

Jetzt kommt es auf ein geschlossenes Europa an

Von den USA ist bestenfalls also eine neutrale Haltung zu erwarten. Angesichts dessen muss Europa nun umso geschlossener auftreten. Zugleich verstummt aber die Kritik nicht, dass insbesondere Deutschland zu viel Geld an die Ukraine sende, dass dann im Inland fehle. So äußerte sich zuletzt etwa die AfD-Vorsitzende Alice Weidel im Interview mit der Chefredakteurin des britischen Magazins „The Economist“, Zanny Minton Beddoes. Dass Frau Weidel auch gerne wieder billiges russisches Gas kaufen möchte, überrascht wenig.

Mehr als 100 Mrd. EUR habe die Bundesrepublik als Militärhilfe an die Ukraine geliefert, behauptet Weidel. Diese Zahlen sind schlicht unwahr. Nach Daten des Ukraine-Trackers des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel hat Berlin seit Kriegsbeginn bis 2026 tatsächlich knapp 42 Mrd. EUR überwiesen (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Ukrainehilfen Deutschlands

2022 bis 2026, in Mrd. EUR

Weitere 36 Mrd. EUR flossen im Inland – unter anderem in Bürgergeld für ukrainische Geflüchtete, Transfers an Länder und Gemeinden und Exportgarantien für deutsche Unternehmen. Der Rest (22 Mrd. EUR) sind Zusagen für die Jahre 2027 bis 2030, sollte der Krieg bis dahin dauern. Dazu kommen noch anteilig etwa 23 Mrd. EUR über das EU-Budget. Wie so oft ist die Wahrheit das erste Opfer in einem Krieg. Alice Weidel sollte es besser wissen. Und vielleicht tut sie das ja sogar.

Relativ betrachtet ist Deutschland eher knausrig

Dass Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft mehr nach Kiew zahlt als viele andere europäische Staaten, ist wenig überraschend. Wenn wir aber die geleisteten Zahlungen zum BIP ins Verhältnis setzen, erscheint Deutschland keineswegs auf der Liste der großzügigsten Länder (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Kumulierte Ukrainehilfen

in % des BIP von 2021

Tatsächlich hat Deutschland seit Kriegsbeginn etwa 1,5 % des BIP von 2021 für Ukrainehilfen ausgegeben. Darin sind die Zahlungen aus EU-Mitteln bereits anteilig enthalten. Damit rangiert Deutschland gerade mal auf dem zehnten Platz in Europa. Klar, es gibt immer Länder, die weniger geben. Etwa die anderen Schwergewichte Frankreich, Italien oder Spanien. Aber dass wir einen überproportionalen Beitrag zur Unterstützung der tapferen Verteidigungsbemühungen der Ukraine liefern, lässt sich aus den Zahlen nicht herausdeuten. Wer das Gegenteil behauptet, wie etwa die AfD-Vorsitzende, tut das mit einem klaren politischen Ziel und einer klaren Positionierung zugunsten des Aggressors. Und natürlich tragen wir auch Verantwortung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Kiew Nuklearwaffen und Raketen aufgegeben gegen das Versprechen, dass der Westen die Ukraine im Ernstfall verteidigt. Dies ist der Ernstfall!

Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

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