06.11.2026
Postkarte aus Paris
Frankreichs Regierung zwischen Skylla und Charybdis.
Kraemers Klartext
„Die Stimmung in der Wirtschaft ist gedrückt. Entsprechend schwach entwickeln sich Konsum und private Investitionen.“
Diese Woche hatte ich nach längerer Zeit wieder einmal die Gelegenheit, zu Vortragszwecken in Frankreich vorbeizuschauen. Unsere linksrheinischen Nachbarn stecken in einer echten Zwickmühle. Auf der Straße protestieren die Massen und fordern mehr Ausgaben für Bildung und niedrigere Lebenshaltungskosten – zum Teil gewalttätig, brandschatzend und plündernd. Am Samstag war ich auf dem Place de la Bastille selbst Zeuge von Scharmützeln zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.
An den Kapitalmärkten ist zugleich die französische Staatsanleihe unter Druck. Bei einer Rendite von fast 5 % wird es für den ohnehin aus dem Ruder gelaufenen Haushalt sehr eng. Der Renditeaufschlag zur deutschen Bundesanleihe hat 160 Basispunkte erreicht (siehe Abb. 1). Zuletzt war er während der Eurokrise so hoch. Damals galt Deutschland noch als Lordsiegelbewahrer der fiskalischen Vorsicht. Auch das ist vorbei. Frankreichs Regierung kämpft gerade, um doch noch eine Mehrheit für das Budget 2027 zu erhalten. Dessen Entwurf sieht ein Staatsdefizit von 5 % vor. Das ist reichlich ambitionslos.
Abb. 1: Französische Staatsanleihen (OAT):
Zins und Risikoaufschlag gegenüber Bundesanleihen (jeweils 10 Jahre Laufzeit)
Présidente Le Pen ante portas
Erschwerend kommt hinzu, dass im April Präsidentschaftswahlen anstehen. Marine Le Pen vom rechten Rassemblement National (RN) gilt als aussichtsreiche Kandidatin und könnte im vierten Anlauf durchaus in den Élysée-Palast einziehen. Die gute Nachricht ist, dass das Programm des RN weniger radikal als früher ist, als die Partei noch über Abenteuer wie den Austritt aus dem Euro schwadronierte.
Le Pen wäre sicher nicht die Wunschkandidatin der Anleger. Aber schlimmer geht immer: Jean-Luc Mélenchon, der Anführer der populistischen Linkspartei La France insoumise (LFI), spricht sich für die ersatzlose Abschreibung jenes Teils der Staatsschulden aus, den die Zentralbank hält. Das hätte vermutlich auch negative Folgen anderswo im Euroraum. Denn es würde Recht und Gesetz in Frage stellen. Glücklicherweise ist die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, sehr gering.
Die anstehenden Wahlen schränken den politischen Spielraum stark ein. Ohnehin hat weder die zentristische Regierung von Emmanuel Macron eine Mehrheit, noch hätte sie das RN oder die extreme Linke. Die Lager blockieren sich gegenseitig, und das macht die Märkte verständlicherweise nervös. Während sich die Proteste der sogenannten Gelbwesten („gilets jaunes“) 2018 noch mit budgetären Zugeständnissen befrieden ließen, ist dieser Ausweg heute versperrt. Die Kapitalmärkte würden jegliche Konzession in diese Richtung massiv abstrafen.
Die Regierung unter Premier Sébastien Lecornu muss durch die budgetäre Meerenge wie Odysseus in der griechischen Mythologie zwischen den beiden Meerungeheuern Skylla und Charybdis hindurchnavigieren. Ob das gelingt, ist völlig offen.
L’homme malade de l’Europe
Die Stimmung in der Wirtschaft ist gedrückt. Entsprechend schwach entwickeln sich Konsum und private Investitionen. Kein Wunder, dass das reale Inlandsprodukt seit einem Jahr stagniert (siehe Abb. 2). Seit dem Schlussquartal 2025 trägt Frankreich unter den vier großen Volkswirtschaften des Euroraums die rote Laterne. Das macht die notwendige strukturelle Anpassung im Haushalt noch herausfordernder.
Abb. 2: BIP Wachstumsraten pro Quartal im Euroraum
Aber noch haben wir keine zweite Eurokrise. Und dazu dürfte es eigentlich auch nicht kommen. Mit einer Staatsquote von 57 % des BIP müsste es hinreichend Einsparpotenzial geben. Und es gibt Hinweise, dass sich Investoren bei einer Rendite von über 5 % wieder den französischen Staatsanleihen zuwenden würden. Dass die Europäische Zentralbank das Transmission Protection Instrument (TPI) für Frankreich einsetzt, ist indes extrem unwahrscheinlich. Das TPI würde die EZB ermächtigen, gezielt Staatsanleihen eines Landes zu kaufen. Allerdings ist das Instrument für Regierungen gedacht, die unschuldig in eine spekulative Attacke geraten. Solche Umstände sind für Frankreich wohl kaum herzuleiten. Und die EZB kann ohnehin nur Zeit kaufen. Die Hausaufgaben muss Paris machen.
Vor den Wahlen sieht es mit strukturellen Lösungen aber düster aus. Le Pen redet zwar immerhin von Budgetkonsolidierung. Aber im Detail zu benennen, wie sie den Haushalt sanieren will, fällt einer populistischen Politikerin naturgemäß schwer. Konkret sprach Le Pen davon, Frankreichs Überweisungen an die EU zu reduzieren. Da deren Höhe aber vertraglich geregelt ist, wird daraus wohl nichts werden. Die Investoren müssen die Daumenschrauben vermutlich noch fester anziehen, bevor sich die Regierung zu nachhaltigen Maßnahmen durchringen kann.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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1.3 MB | 06.11.2026
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