03.06.2026

Der schlafende Riese EU muss erwachen

Die Europäische Union braucht Mut und Vertrauen zu mehr Integration.

Drei Europaflaggen
Drei Europaflaggen

Kraemers Klartext

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

Trump ist ein Weckruf. Jetzt muss Europa aber auch aufwachen.

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

Mit dem gebannten Blick auf das, was der US-Präsident so tut und von sich gibt, stellt Europa sein eigenes Licht unter den Scheffel. Dabei ist die EU der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Erde, und auch nach Bevölkerungszahlen stellt unser Kontinent eigentlich eine Großmacht dar (siehe Abb. 1). Was aber auch klar ist: Europa operiert wirtschaftlich deutlich unter seinem Potenzial. Seit 2020 lag das reale Wirtschaftswachstum der EU gerade mal bei 1,3 % – nur wenig mehr als die Hälfte des jährlichen Zuwachses in den USA. Und weil wir vom Import fossiler Brennstoffe abhängig sind, beuteln uns auch die Folgen des Irankriegs gerade stärker als die energieautarken Vereinigten Staaten.

Abb. 1.1: BIP

Trn. USD (2025)

Quelle: IWF, LBBW Research

Abb. 1.2: Bevölkerung

Mio. (2025)

Quelle: IWF, LBBW Research

Das dicke Hausaufgabenheft der EU

Was kann Brüssel, was kann die europäische Staatengemeinschaft dagegen unternehmen? Unsere Rohstoffarmut wird auch die fähigste Regierung nicht ändern können. Immerhin könnten wir unsere Abhängigkeit von Öl und Gas reduzieren. Aber das ist ein großes Thema für ein andermal.

Gerne loben wir in der EU den „gemeinsamen Markt“. Aber der Begriff ist eigentlich eine maßlose Übertreibung. Denn jedes Unternehmen weiß, dass es eine Sache ist, Produkte oder Dienstleistungen aus Stuttgart in München oder Hamburg anzubieten. Eine andere aber, wenn dabei Grenzen ins Spiel kommen – auch innerhalb der EU. Eine Unzahl nationaler Regeln wirft Sand ins Getriebe des vermeintlichen Binnenmarktes. Wie gelähmt nach Washington und Peking zu starren, hilft nicht weiter. Stattdessen muss die EU ihren eigenen Markt stärken. Dazu braucht es die Bereitschaft jeder einzelnen Gesellschaft und Regierung in der EU, nationale Regeln zu schleifen und europäisch zu denken. Wie schwierig das sein kann, erleben wir gerade in Deutschland, wo jeder zur Verfügung stehende Hebel in Bewegung gesetzt wird, um eine grenzüberschreitende Bankenfusion zu verhindern und ein nationales Institut zu erhalten. Ohne Geben und Nehmen, ohne Kompromisse geht es nicht. Jedes Land muss sich möglicherweise von Liebgewonnenem trennen.

Aber eine dynamischere Wirtschaft sollte uns das wert sein. Der Internationale Währungsfonds hat einmal den Versuch unternommen, die zahlreichen nichttarifären Handelshemmnisse innerhalb der EU in Zollsätze umzurechnen. Für handelbare Güter kamen die Wirtschaftsforscher auf mehr als 40 % , bei Dienstleistungen sogar auf Sätze im dreistelligen Bereich. Auch wenn das wohl etwas zu hoch gegriffen ist: Diese Integrations- und Wachstumsbremse ist vollkommen überflüssig.

Um den Binnenmarkt wahrhaftig zu vollenden, erfordert es vor allem zweierlei: Vertrauen und Führung.

  • Das gegenseitige Vertrauen innerhalb der EU ist heute geringer, als es einmal war. Das liegt zum Teil auch daran, dass sich in Mitteleuropa Populisten mit antieuropäischem Zungenschlag eingenistet haben. Zwar sind wir Viktor Orbán in Budapest los, dafür hetzt Robert Fico in Bratislava gegen Brüssel, und in Bukarest ist die pro-europäische Regierung gerade einem Misstrauensvotum zum Opfer gefallen.
  • Und auch bei politischer Führung stand Europa schon mal stärker da. Die Unpopularität der jeweiligen Regierungen schwächt die Achse Paris-Berlin. Es fehlt ein starkes Gespann wie Kohl-Mitterrand oder auch nur Merkel-Sarkozy.

Bitte in den Omnibus einsteigen!

Europas Regulierung schlägt manchmal über die Stränge. Aber jetzt plant Brüssel einen umfassenden Deregulierungsschub. Und zwar durch zehn sogenannte „Omnibus“-Gesetze, von denen eines bereits verabschiedet ist. Die Regulierungskosten (vulgo Bürokratie) für die Wirtschaft sollen massiv sinken. Gut!

Ein Unding in vielen Mitgliedstaaten ist das Abwälzen von Verantwortung auf Brüssel. Wenn die Nationen alles Negative auf die EU schieben, beginnen die Bürger dem zu glauben. Das bislang extremste Beispiel ist der EU-Ausstieg Großbritanniens, wo eine Mehrheit den Brexit heute als Fehler betrachtet.

Trump ist ein Weckruf. Jetzt muss Europa aber auch aufwachen. Die USA sind wichtig, aber nur ein kleiner Teil der Weltwirtschaft (siehe Abb. 2). Und es gibt Alternativen. Die Mehrheit der Nationen weltweit wünscht sich nach wie vor einen regelgebundenen Handel. Deshalb ist es zu begrüßen, dass die EU endlich Nägel mit Köpfen macht und Freihandelsabkommen abschließt. Mercosur, Indien, Australien. Weitere sind in der Pipeline. So geht es! Gemeinsam mit den richtigen Partnern kann Europa wieder eine Führungsrolle in einer freien Weltwirtschaft einnehmen.

Abb. 2: Anteil der weltweiten Importe

Quelle: UNCTAD, LBBW Research

Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

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