29.05.2026
Das gierige Biest ist zurück!
Der Inflationsdruck steigt, aber diesmal wird die EZB wachsam sein.
Kraemers Klartext
Bis zur nächsten Sitzung im Juni dürfte für die EZB eine Zinserhöhung um wahrscheinlich 25 Basispunkte unumgänglich werden
Wir erinnern uns alle noch lebhaft an die Inflationsepisode nach der Pandemie und dem Einmarsch Russlands in der Ukraine. Im Euroraum stiegen die Preise im Jahresverlauf in der Spitze um 10 %. Das war meilenweit entfernt vom 2-%-Inflationsziel der EZB. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel prognostizierte damals, es werde gelingen, das gierige „Biest Inflation zu zähmen und zurück in den Käfig“ zu bugsieren. Er hat Recht behalten. Im vergangenen Jahr oszillierte die Inflationsrate wieder wie gewünscht um die 2 %. Die EZB hatte es geschafft, dem Biest Einhalt zu gebieten und die Defätisten zu widerlegen, die die Inflation schon in den Sonnenuntergang galoppieren sahen.
Aber nun hat der Irankrieg das Biest wieder hervorgelockt, und es stromert erneut umher. Der Schnellschätzung der europäischen Statistikbehörde zufolge schossen die jährlichen Preissteigerungen im April auf 3 % empor, nach nur 1,7 % im Februar, kurz vor Kriegsbeginn. Wenig überraschend stiegen infolge der Blockade der Straße von Hormus vor allem die Energiepreise. Und selbst wenn sich die Streithähne am Golf einigten, die kritische Meerenge wieder zu öffnen, würden Öl- und Gaspreise aus verschiedenen hier beschriebenen Gründen vorerst wohl nicht deutlich sinken. Zumal die Ölpreise ihre tatsächliche Höhe auch noch gar nicht erreicht haben, denn noch sind sie durch Freigaben von strategischen Erdölreserven weltweit gedeckelt. Das hält nicht mehr lange vor. Und es droht noch mehr Unbill. Insbesondere die Nahrungsmittelpreise dürften weiter anziehen. Wir prognostizieren wie auch der Marktkonsens, dass die durchschnittliche Inflationsrate in Deutschland dieses Jahr bei 2,7 % landen wird (siehe Abb. 1). Und jeder Tag, den der Konflikt länger dauert, erhöht das Risiko, dass es noch mehr wird.
Abb. 1: Konsensschätzung der Inflation und Wachstum in Deutschland
Durchschnitt 2026
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Die privaten Haushalte gehen nach EZB-Umfragen bereits davon aus, dass die Inflation in einem Jahr bei 4 % liegen wird (siehe Abb. 2). Nun sind Verbraucher historisch nicht besonders gut in der Einschätzung von Preissteigerungen (es soll ja auch noch Leute geben, die heute noch alles in D-Mark umrechnen und sich dann über das heutige Preisniveau echauffieren!). Selbst in der Deflationsphase 2020 glaubte der repräsentative Bürger im Euroraum, die Preise seien um 2 % gestiegen.
Abb. 2: Inflationserwartungen der Haushalte
in einem Jahr
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Aber schauen wir auf diejenigen, die die Preise festlegen: die Unternehmen. Unter ihnen ist der Anteil derer, die Preiserhöhungen planen, zuletzt nach oben geschossen, und zwar sowohl in Deutschland als auch im Euroraum insgesamt (siehe Abb. 3). Bereits jetzt liegen diese „Selling Price Expectations“ höher als zu jedem anderen Zeitpunkt seit Beginn der Euroeinführung – mit Ausnahme der Phase nach dem Ende der Coronamaßnahmen und zu Beginn des Ukrainekriegs. Da dürfte also noch etwas auf uns zukommen.
Abb. 3: Anteil der Unternehmen, die Preise erhöhen wollen
in einem Jahr
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Abwarten und Ebbelwoi trinken in Frankfurt – bis Juni
Wie die anderen führenden Notenbanken auch, hat die EZB Anfang des Monats erst einmal auf Abwarten geschaltet. Zu groß sei noch die Unsicherheit, um schon jetzt eine Zinserhöhung zu beschließen. Bis zur nächsten Sitzung im Juni dürfte aber eine Zinserhöhung um wahrscheinlich 25 Basispunkte unumgänglich werden. Denn die Währungshüter können kein Interesse daran haben, dass die Inflation nach dem Kontrollverlust 2022 ein zweites Mal innerhalb kürzester Zeit wieder durch die Decke geht. EZB-Chefin Christine Lagarde hat kürzlich zu Recht darauf hingewiesen, dass die ökonomischen Akteure anders auf eine Phase massiver Teuerung reagieren, wenn die letzte Inflationserfahrung erst kurze Zeit zurückliegt. Deshalb gilt auch hier: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
Die vom Markt (und auch von mir) fest erwartete Zinserhöhung bei der Juni-Sitzung dürfte Lagarde, Isabel Schnabel und den Herren Kollegen vom EZB-Rat umso leichter fallen, als die EZB, anders als die Federal Reserve, nicht mit einem Zielkonflikt zu kämpfen hat. Denn während die Kollegen in Washington auch für Vollbeschäftigung sorgen sollen, muss sich die EZB allein um Preisstabilität kümmern. Auch wenn Lagarde das Wort „Stagflation“ bei der jüngsten Pressekonferenz weit von sich gewiesen hat: Wenn Stagnation und Inflation doch im Doppelpack kämen, müsste die EZB nur die Inflation bekämpfen und nicht die Wirtschaftsflaute. Und das wird sie auch tun. Deshalb geht das LBBW Research derzeit davon aus, dass nach der Zinserhöhung im Juni noch eine weitere im dritten Quartal folgen dürfte.
Kurzgefasst: Ja, das Inflationsbiest ist wieder aus dem Käfig ausgebrochen, aber es wird nicht so wüten wie 2022/23. Die Währungshüter wissen, dass ihnen dieser Fehler kein zweites Mal unterlaufen darf, ohne dass die Glaubwürdigkeit des Euro bleibenden Schaden nimmt. Die EZB wird dagegenhalten.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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