30.04.2026

Die Bremsspuren des Krieges werden lang

Eine Normalisierung am Ölmarkt könnte erst Ende 2027 eintreten.

Ölfässer in industrieller Umgebung unter Sonnenuntergangshimmel
Ölfässer in industrieller Umgebung unter Sonnenuntergangshimmel

Kraemers Klartext

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

Die Folgen des Krieges werden uns noch viel länger begleiten.

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

Einmal mehr hängen in diesen Tagen die Investoren an Donald Trumps Lippen und verfolgen seine zunehmend groben und grotesken Social Media Posts: Wann erklärt er den Krieg für siegreich beendet? Denn dann ginge der Taco-Trade („Trump always chickens out“) vieler Anleger auf. Das Augenmerk richtet sich dabei natürlich insbesondere auf Trumps Verlautbarungen zur doppelt-verriegelten Straße von Hormus. Je früher dieses Nadelöhr wieder frei befahrbar ist, desto schneller kann sich der Handel mit Öl, Gas und Düngemitteln wieder erholen.

Dabei scheinen manche Marktteilnehmer den Frieden im Iran als einen Lichtschalter zu betrachten, den man an- und ausknipsen kann. Sie glauben, sobald die Meerenge wieder offen ist (siehe Abb. 1), sänken automatisch die Gas- und Ölpreise und einer Börsenrally stünde nichts mehr im Wege. Immerhin: Trump sieht es ja genauso . Wenn es nur so einfach wäre. Ich fürchte, die Lichtschalterfraktion unterliegt einem naiven Trugschluss. Die Folgen des Krieges werden uns noch viel länger begleiten.

Abb. 1: Durchfahrten durch die Straße von Hormus

Bleibende Folgen auch nach einem Friedensschluss

Selbst wenn es bald ein Friedensabkommen zwischen Teheran und Washington gäbe – und in Anbetracht der weit auseinanderliegenden Forderungen beider Seiten scheint das kurzfristig nicht wahrscheinlich – kann es sich im Nachhinein immer wieder als Scheinfrieden herausstellen. Sowohl die iranische Seite als auch der US-Präsident könnten jederzeit ihre Position ändern und die Situation erneut eskalieren lassen. Niemand weiß, was Trump als Nächstes vorhat, oder ob die Mullahs vom Machtmittel Hormus lassen können. Der Mangel rationaler Berechenbarkeit beider Kontrahenten macht jeden Frieden brüchig.

Energieversorgung bleibt kritisch

Aber lassen wir die unberechenbar handelnden Personen mal außen vor. Selbst wenn sich ein Friedensschluss als dauerhaft belastbar herausstellen sollte, werden uns die ökonomischen Folgen des Krieges noch eine ganze Weile begleiten. Nehmen wir das Thema Energie: Derzeit sind die Tanker am falschen Ort. Bis sich die Lieferketten zurechtrütteln, kann es dauern. Das ha-ben wir ja schon einmal nach der Coronakrise lernen müssen.

Auch, ob Reeder und Versicherer so ohne Weiteres wieder zur Praxis vor dem Krieg übergehen, steht auf einem anderen Blatt. Es ist wahrscheinlich, dass sie erst einmal abwarten werden, ob die risikofreie Durchfahrt durch die Straße von Hormus dauerhaft und zuverlässig möglich ist. Die Lieferungen werden also nicht gleich auf das Vorkriegsniveau zurückkehren. Das US-Verteidigungsministerium informierte vergangene Woche Kongressmitglieder, dass zudem die Minenräumung in der Region sechs Monate dauern könne. Nur um das sogleich wieder zu dementieren , als diese Information in die Presse geriet.

Mindestens genauso schwer wiegt, dass eine umfassende Schadensaufnahme an den Öl- und Gasförderanlagen der Golfstaaten noch aussteht. Insbesondere bei der weltweit größten Flüssiggasanlage, Ras Laffan in Katar, die vor dem Krieg ein Fünftel der weltweiten LNG-Produktion auf sich vereinigte. Die Regierung in Doha hat signalisiert, dass es drei bis fünf Jahre dauern könne, bis die Vorkriegskapazität wieder erreicht ist. Auch das Hochfahren von Ölförderanlagen ist nicht trivial. Wir halten es für wahrscheinlich, dass der Vorkriegsölpreis erst gegen Ende 2027 wieder erreicht wird, selbst unter der Annahme, dass die Blockade noch im Mai wegfällt (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Ölpreisprognose

Brent, USD

Quelle: LBBW Research

Der Direktor der Internationalen Energiebehörde IEA, Fatih Birol , geht sogar davon aus, dass nach dem Krieg nichts mehr so sein wird wie zuvor. Die Vase sei zerbrochen, und die Teile wieder zusammenzufügen werde schwierig. Was er meint: Der Krieg hat das Vertrauen in fossile Energieträger nachhaltig erschüttert. Deshalb werden sich viele Gesellschaften von Öl und Gas ab- und erneuerbaren Energien und der Atomkraft zuwenden.

Preise für Nahrungsmittel werden steigen

Vor einigen Wochen wies ich an dieser Stelle zudem darauf hin, dass die Preise vieler Nahrungsmittel wegen höherer Energiekosten und Düngemittelknappheit spürbar steigen dürften. Die Welternährungsorganisation FAO warnt vor einem steigenden Risiko von Nahrungsmittelknappheit und Hunger in armen Ländern. Aber auch bei uns werden Lebensmittel die Inflation bis ins nächste Jahr hinein anheizen. Einen schnellen Ausweg aus der Krise gibt es nicht mehr. Trump wirkt zunehmend wie der Zauberlehrling in Goethes gleichnamiger Ballade: „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los.“ Die Frage ist nur, wer die Rolle des Hexenmeisters übernehmen wird, der den Zauberlehrling bei Goethe am Ende rettet. Der amerikanische Wähler?

Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

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