26.06.2026

Postkarte aus London

Großbritannien als neues Italien? Schulden und politische Instabilität.

Brexit Puzzle
Brexit Puzzle

Kraemers Klartext

Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer

Werden die Märkte den zu erwartenden Wechsel an der Spitze und das Ende der Zitterpartie begrüßen?

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

Ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich während der Nullerjahre in London gelebt und gearbeitet habe. Die Briten schauten gerne etwas auf uns „Europäer“ herab. Die Wirtschaft im Vereinigten Königreich wuchs stärker, und die Insel punktete mit soliden Staatsfinanzen sowie stabilen politischen Verhältnissen. Dieser durchaus charmant zur Schau getragene Höherwertigkeitskomplex bereitete den Nährboden für den Ausgang des Brexit-Referendums. Dass die Wählerinnen und Wähler in einer derart aufgeheizten Stimmung wie 2016 nicht wirklich die gestellte Frage beantworten, sondern einfach mal der Regierung ans Schienbein treten wollten, ist nur ein tragischer Nebenaspekt. Am Tag nach dem Referendum war in Großbritannien „What is the EU?“ eine der am häufigsten gegoogelten Fragen. Kein Wunder, dass sich seither die Stimmung gedreht hat und die Mehrheit der Britinnen und Briten den Austritt als Fehler betrachtet (Abb. 1). Nicht zuletzt wirtschaftlich ging das Manöver, wie von den meisten Ökonomen erwartet, voll nach hinten los. Die britische Wirtschaft ist heute geschätzt 6 % bis 8 % kleiner, als sie es ohne Austritt gewesen wäre.

Abb. 1: War der EU-Austritt richtig oder falsch?

Juni 2026

Das Parteiensystem zerfranst

Umso überraschender mutet es deshalb an, dass der Rädelsführer der Brexiteers Nigel Farage mit seiner Reform-Partei (ehemals UK Independence Party) seit einem Jahr die Umfragen anführt. Die traditionellen Volksparteien Conservatives und Labour dümpeln bei je 18 % herum. Auf der linken Seite erstarkt die Green Party, die im Vergleich zu den deutschen Grünen deutlich radikaler zu Werke geht. Rechts von Farage (doch, das geht!) formiert sich die Restore-Britain-Partei , die sich für die Wiedereinführung der Todesstrafe und für massenhafte Ausweisungen von Ausländern stark macht. Nachdem Großbritannien lange Zeit als Hort der politischen Stabilität gegolten hatte und sich politische Reformen entsprechend leicht umsetzen ließen, scheint auch auf der Insel der Wunsch nach irgendeiner diffusen Veränderung, fast egal wohin, die Oberhand zu gewinnen.

Das führt zu immer rascheren Wechseln in der Regierung: Seit dem Referendum hatte Großbritannien vier Premierminister und zwei -ministerinnen. Nummer sieben im Amt folgt in Bälde, denn am Montag gab Premierminister Keir Starmer dem immer größer werdenden Druck nach und trat zurück. Das sind schon fast italienische Verhältnisse. Wobei das Italien gegenüber ungerecht ist, denn dort herrscht gerade ungewohnte politische Stabilität.

Andy Burnham ante portas

Bei der letzten Unterhauswahl fuhr die Labour-Partei eine überwältigende Mehrheit von 174 Sitzen ein. Trotzdem ist sie gerade dabei, sich nach dramatischen Verlusten bei Kommunalwahlen im Mai selbst zu zerlegen. Die Umfragewerte von Starmer waren zuletzt sehr schlecht, wenn auch besser als die von Bundeskanzler Friedrich Merz. Dass Starmer mit Peter Mandelson einen Freund von Jeffrey Epstein zum Botschafter in Washington ernannte, löste einen massiven Skandal aus. Das reiht sich in einen Trend ein, der seit gut fünf Jahren anhält: Egal, wer regiert, die Bevölkerung lehnt die Regierung und den Regierungschef ab. Viele Labour-Abgeordnete begannen, um ihre politischen Karrieren zu bangen, und drängten Starmer zum Rückzug.

Nun betritt von links Andy Burnham die Bühne. Der „König des Nordens“ war bislang Bürgermeister von Manchester und gewann vergangene Woche eine gezielt provozierte Nachwahl zum Unterhaus. Seine Agenda ist unverhohlen: Er will selbst Premier werden. Und seine Chancen, demnächst in 10 Downing Street einzuziehen, stehen hervorragend.

Werden die Märkte den zu erwartenden Wechsel an der Spitze und das Ende der Zitterpartie begrüßen? Das bleibt abzuwarten. Burnham gilt als eher linksgerichtet und rief dazu auf, „40 Jahre Neoliberalismus“ in Großbritannien zu beenden. Ob ihm die Konsolidierung der aus dem Ruder gelaufenen und ebenfalls italienisch anmutenden Staatsfinanzen (siehe Abb. 2) eher gelingen kann als dem zentristischen Starmer? Ich hege Zweifel. Die Renditen für 10-jährige Staatsanleihen machten nach der Verkündung von Burnhams Sieg in der Nachwahl jedenfalls erst einmal einen kleinen Satz von zehn Basispunkten nach oben.

Abb. 2.1: Budgetsaldo

2000-2025, % des BIP

Quelle: IWF, LBBW Research

Abb. 2.2: Schulden

2000-2025, % des BIP

Quelle: IWF, LBBW Research

Das ist noch kein Liz-Truss-Moment , der die glücklose konservative Premierministerin im Oktober 2022 nach nur 49 Tagen zum Rücktritt zwang. Aber eine Parlamentsmehrheit ist nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für eine wirtschaftspolitisch freie Hand. Wie es der legendäre US-Politikberater James Carville ausdrückte: „Früher dachte ich: Gäbe es eine Wiedergeburt, würde ich gerne als Präsident, Papst oder Baseballstar zurückkommen. Aber jetzt würde ich gerne als Anleihemarkt zurückkommen. Da kann man nämlich alle einschüchtern.“

Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research

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