16.10.2026
Postkarte aus Bangkok
Bei der Jahrestagung von Weltbank und IWF macht sich Nervosität breit.
Kraemers Klartext
„Die dunklen Wolken, die sich gerade zusammenbrauen, sind auch in Bangkok unübersehbar.“
Wie immer im Oktober treffen sich gerade Regierungen, Zentralbanken und andere Finanzakteure zur Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank. Bei diesem Klassentreffen darf die LBBW natürlich nicht fehlen. Dieses Jahr findet das Stelldichein in Thailands Hauptstadt Bangkok statt. Fragen Sie bitte nicht nach dem Verkehr! In den Gesprächen und Panels sind wie stets alle bemüht, eine etwas positive Stimmung zu verbreiten. Und tatsächlich hat sich die Weltwirtschaft trotz geopolitischer Krisen, Handelskonflikte und des steigenden Inflations- und Zinsniveaus als durchaus resilient erwiesen. Aber die dunklen Wolken, die sich gerade zusammenbrauen, sind auch in Bangkok unübersehbar. Zwar hat der IWF in seiner halbjährlichen Prognose (dem vielbeachteten „World Economic Outlook“, kurz WEO) die Wachstumsprognose der Weltwirtschaft vom April weitgehend bestätigt (3,1 % dieses Jahr und 3,4 % für 2027), aber bei genauerem Hinsehen weist er in dem Bericht vor allem auf die Risiken für dieses Szenario hin. Das spiegelt sich auch in den Diskussionen vor Ort, zu denen ich beitragen durfte.
Öffentliche Finanzen unter Druck
Die englische Abkürzung des IWF, IMF, stehe für „it’s mostly fiscal“, heißt es scherzhaft. Das geht auf die Auflagen des Währungsfonds für die Unterstützung von Entwicklungsländern in zahlungsbilanztechnischer Schieflage zurück. Eine Bedingung für die Auszahlung von Kredittranchen ist regelmäßig, die Staatshaushalte zu konsolidieren, um überschüssige Nachfrage abzuschöpfen. Auch im aktuellen WEO finden sich zahlreiche Hinweise auf nicht nachhaltige Finanzpolitik. Allerdings beziehen sie sich dieses Mal zumeist auf sogenannte Industrieländer.
Insbesondere ein länger anhaltender Konflikt im Nahen Osten berge die Gefahr weiterer Inflationsschübe, was die Notenbanken zu zusätzlichen Zinsanhebungen bringen könnte. Das würde die ohnehin steigende Zinslast der überwiegend stark verschuldeten reichen Volkswirtschaften erhöhen und die Zweifel an der Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen weiter befeuern. Negative Rückkopplungseffekte könnten die Zinsen weiter nach oben treiben und den fiskalischen Druck noch erhöhen. Dass viele Länder eher ungeeignete Maßnahmen ergreifen, um die Bevölkerung vor steigenden Energiepreisen zu schützen (hallo, deutsche Spritpreisbremse!), beflügelt Schulden und Defizite weiter. Entsprechend hat der IWF die erwartete Schuldenquote in den G7-Ländern für das Jahr 2031 moderat von 133 % im April auf 135 % des BIP erhöht. Gemessen daran steht Deutschland noch relativ solide da. Wir sind gewissermaßen die Einäugigen unter den Blinden. Allerdings wird der IWF nicht müde, den Teilnehmern der Tagung einzutrichtern, dass die Abwärtsrisiken überwiegen. Dem würde ich mit meiner jahrzehntelangen Erfahrung der Analyse von Staatsfinanzen zustimmen. Offenbar hoffen die Regierungen darauf, dass die Zentralbanken wieder zur Rettung bereitstehen. Aber die Notenbanken können allenfalls Zeit kaufen. Die Hausaufgaben müssen die Regierungen machen.
Eine unausgewogene Weltwirtschaft
Ein anderes wiederkehrendes Thema ist die starke Abhängigkeit der weltwirtschaftlichen Dynamik von Investitionen in die Künstliche Intelligenz. So fußt etwa das Wachstum in den USA in hohem Maße auf der Errichtung von Daten-Centern & Co., während die breite Wirtschaft eher weniger investiert als 2025. Die Konzentration des Wachstums auf wenige Länder verschärft sich (siehe Abbildung).
Abb.: Anzahl Länder, auf die 95% des globalen Wirtschaftswachstums entfallen
Der IWF identifiziert Gewinner- und Verlierernationen, was zu einer weiter auseinanderklaffenden Schere von Wachstumsraten führt. Der Bericht betont aber auch Risiken für die Finanzstabilität. Im Zentrum der Kritik stehen die Finanzierungsmethoden der KI-Investitionen. Für besonders risikoreich hält der Währungsfonds die zirkulären Deals, bei denen die Hyperscaler etwa 300 Mrd. USD in finanziell schwächere KI-Firmen stecken. Hinzu kommen 650 Mrd. USD an Schulden. Im Gegenzug haben die Empfänger Zusagen über 1,4 Bio. USD an künftigen Umsätzen gemacht, etwa für Rechenleistung oder Chips. Diese wechselseitigen Verstrickungen erschweren es, die Geldflüsse nachzuvollziehen – umso mehr, falls es noch weitere, nicht öffentliche Geschäfte der gleichen Natur geben sollte.
Und zu guter Letzt hat die Direktorin des Währungsfonds, Kristalina Georgiewa, auch noch öffentlich vor einem in Zeitlupe ablaufenden Tsunami für Jobs und Steuereinnahmen durch KI gewarnt. Das dürfte nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung behindern, sondern auch die gesellschaftliche Spaltung erhöhen. Die Stimmung in Bangkok ist eher in Moll.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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1.3 MB | 16.10.2026
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