12.10.2026
Fossile Energien: Bundesregierung legt Fahrplan für den Ausstieg vor
Eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen soll gewährleisten, dass Deutschland seine Klimaziele erreicht.
Die Roadmap enthält zwar keine neuen Ziele oder Maßnahmen. Dennoch gilt das Dokument als wichtiger Schritt für den Klimaschutz, weil es andere Staaten unter Zugzwang setzt – ein starkes Signal für die bevorstehende UN-Klimakonferenz.
Bei der UN-Klimakonferenz 2023 in Dubai hat die Weltgemeinschaft einen historischen Beschluss gefasst: Nach hitziger Debatte haben die Staaten die langfristige Abkehr von Kohle, Öl und Gas vereinbart. Experten werten dies als Meilenstein, weil bei keiner der vorherigen Klimakonferenzen im Abschlussdokument erwähnt worden war, dass das in Paris vereinbarte Zwei-Grad-Ziel den Abschied von den fossilen Brennstoffen verlangt.
Wie schnell und mit welchen Schritten die Staaten aus Kohle, Öl und Gas aussteigen, legen diese selbst fest. Die Bundesregierung hat dazu Ende September einen Fahrplan vorgelegt, der beschreibt, wie Deutschland bis 2045 weitestgehend ohne fossile Energien auskommen will. Damit gehört die Bundesrepublik weltweit zu den Vorreitern – bislang haben lediglich Frankreich und die Niederlande eine vergleichbare Roadmap beschlossen. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat das Dokument jüngst bei der UN-Generalversammlung in New York vorgestellt.
Signal an die Weltgemeinschaft
Mit der Roadmap formuliert die Bundesregierung zwar keine neuen Ziele. Das Dokument enthält auch keine Maßnahmen, die nicht ohnehin schon beschlossen sind. Dennoch gilt der Beschluss als bedeutender Schritt für den Klimaschutz, da er die Vereinbarung von Dubai in der deutschen Politik verankert. Noch wichtiger ist aber: Mit dem Fahrplan setzt die Bundesregierung andere Staaten unter Zugzwang. Sie sendet damit ein Signal an die UN-Klimakonferenz (COP 31), die vom 9. bis 20. November im türkischen Antalya stattfindet.
„Mit diesem Fahrplan legen wir nicht nur eine Klimastrategie vor, sondern auch eine wirtschaftspolitische Strategie“, erklärte Umweltminister Schneider bei der Übergabe des Dokuments an die UN. „Das Geld, das wir bisher für den Import von Öl und Gas ausgeben müssen, fließt künftig verstärkt in lokale Wertschöpfung.“ Die Abkehr von fossilen Energien verbinde Unabhängigkeit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz miteinander. „Ich bin sicher, dass viele weitere Länder folgen werden.“
Die Aufgabe ist groß, weil die Energieversorgung in Deutschland trotz fortschreitender Energiewende nach wie vor wesentlich auf fossilen Brennstoffen basiert. Das gilt vor allem für den Verkehr, wo Mineralöl 92 Prozent des Bedarfs deckt. Bei der Wärmeversorgung liegt der Anteil der fossilen Energien bei 81 Prozent. Im Stromsektor sieht es dagegen deutlich besser aus: Kohle und Erdgas erreichen zusammen nur noch gut 40 Prozent.
Erneuerbaren-Ausbau plus Elektrifizierung
Der Fahrplan der Bundesregierung ruht auf zwei Säulen: dem Ausbau der erneuerbaren Energien und der Elektrifizierung von Mobilität, Wärmeerzeugung und industriellen Prozessen. Windparks und Photovoltaik-Anlagen liefern den nötigen Grünstrom, um Kohle, Gas und Öl in allen Sektoren zu ersetzen. Ist die direkte Elektrifizierung nicht möglich, soll grüner Wasserstoff eingesetzt werden, der mit Wind- und Solarstrom produziert wird.
Die Roadmap basiert auf dem Klimaschutzprogramm 2026 , das die Bundesregierung im vergangenen März verabschiedet hat. Das Programm umfasst eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen, die gewährleisten sollen, dass Deutschland seine Klimaziele erreicht.
Konkret sieht das Programm unter anderem vor, die Ausschreibungsmenge für Windenergie an Land zu erhöhen, die Industrie bei der Dekarbonisierung ihrer Prozesswärme stärker zu unterstützen, die Fernwärme weiter als bislang geplant auszubauen, neue Förderprogramme für den Umstieg auf Elektroautos aufzulegen und den Erneuerbare-Energien-Anteil in Kraftstoffen zu erhöhen.
Darüber hinaus will die Bundesregierung die Bedingungen für das Abscheiden und Speichern von CO2 (Carbon Capture and Storage, kurz CCS) verbessern. CCS soll vor allem dort zum Einsatz kommen, wo prozessbedingte Emissionen entstehen oder die Elektrifizierung technisch oder wirtschaftlich nur schwer möglich ist. Dazu zählen etwa die Zement- und Kalkindustrie. Auch für manche Gaskraftwerke erlaubt die Bundesregierung künftig CCS. Sie spricht deshalb in ihrer Roadmap von Klimaneutralität bis 2045, nicht jedoch davon, bis dahin vollständig aus den fossilen Energien auszusteigen.
Lob und Tadel von Umweltverbänden
Bei Umweltverbänden gibt es für den Fahrplan der Bundesregierung Lob und Tadel. „Eine deutsche Roadmap ist ein wichtiges Signal für die internationale Gemeinschaft und beflügelt hoffentlich die Entstehung weiterer Roadmaps bis zur großen Klimakonferenz im November“, sagt Fentje Jacobsen, Co-Leiterin Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF Deutschland. Sie bemängelt jedoch, dass der Fahrplan keine ambitionierteren Ziele setzt. Zudem sieht sie einen Widerspruch zwischen Anspruch und Handeln der Bundesregierung.
Ähnlich urteilt Greenpeace-Energieexpertin Mira Jäger. „Deutschland zeigt mit dieser Ankündigung ein Lebenszeichen in der internationalen Klimapolitik“, erklärt sie gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Bei der Umsetzung hapert es in ihren Augen allerdings. So bremse die Bundesregierung die Wärmewende und den Ausbau der erneuerbaren Energien aus.