09.10.2026
Vergesellschaftung ist ein teurer Holzweg
Die Linkspartei stellt in Berlin fundamentale Regeln infrage.
Kraemers Klartext
„Die Zahl der in Deutschland verfügbaren Sozialwohnungen ist seit Jahren rückläufig, obwohl Wohnen für immer größer werdende Bevölkerungsschichten DAS soziale Problem darstellt“
Die Erfolge der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern haben viele Analysen und Kommentare nach sich und viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Auch von mir . Zurecht. Denn der isolationistische wirtschaftspolitische Ansatz der AfD stellt eine reale Gefahr für die ohnehin eingetrübten Perspektiven der deutschen Wirtschaft dar. Nostalgie ist keine Strategie. Aber bei aller berechtigten Kritik an der gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Ausrichtung der AfD darf man aber das gegenüberliegende Extrem im politischen Spektrum nicht übersehen. In Berlin hat die Linkspartei am 20. September bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus mehr Stimmen als jede andere Partei gewonnen – inklusive der bis dahin regierenden CDU. Insbesondere bei jungen Wählerinnen und Wählern räumte die Linke ab. Das mag Folge des starken Auftritts in den sozialen Medien sein. Es liegt aber sicher auch daran, dass die Partei ein Thema hochgezogen hat, das junge Menschen besonders umtreibt: Wie kann ich in Berlin bezahlbaren Wohnraum finden? Die anderen Parteien hatten darauf wenig bis keine Antworten. Und die Quittung für diese Vernachlässigung kam am Wahlsonntag.
Probleme benennen und Probleme lösen sind zweierlei
Die Antwort der Berliner Linkspartei zur Linderung der Wohnungsnot in der Stadt ist hingegen klar: Vergesellschaftung von großen privaten Wohnungsbauunternehmen. Tatsächlich kann sich die Partei dabei auf einen Volksentscheid stützen, in dem Berliner Bürgerinnen und Bürger 2021 mehrheitlich (58 %) dafür votierten, einen Gesetzentwurf zur Vergesellschaftung großer Wohnungsbauunternehmen zu erarbeiten. Nun bin ich kein Jurist und will mich zurückhalten mit der Beurteilung, ob ein Bundesland den im Grundgesetz (Artikel 14) verankerten Schutz des privaten Eigentums einfach so aushebeln kann. Zwar stellt das Grundgesetz klar, dass Eigentum verpflichtet und der Allgemeinheit dienen muss. Enteignungen sind demnach nur zum Wohl der Allgemeinheit möglich. Bislang schien mir aber immer, dass die Wohnungsbaugesellschaften immerhin dazu beitragen, dass überhaupt Wohnraum entsteht.
Enteignungen wären wohnungspolitisch kontraproduktiv
Große Wohnungsbauunternehmen enteignet zu sehen, mag dem einen oder der anderen kurzfristig emotional Genugtuung verschaffen. Aber diese Maßnahme würde keine einzige zusätzliche Wohnung schaffen. Im Gegenteil: Enteignungen würden das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Gesetze stark beschädigen und die Investitionen, zumal in den Wohnungsbau, würden sinken. Wer würde ernsthaft noch bauen, wenn das Damoklesschwert der Enteignung über ihr schwebt? Wohnraum würde noch knapper werden und Mieten noch unerschwinglicher. Ein klassisches Eigentor! Was stattdessen Not tut, ist eine Wirtschaftspolitik, die den Neubau von Wohnungen anreizt, zumal im sozialen Wohnungsbau. Die Zahl der in Deutschland verfügbaren Sozialwohnungen ist seit Jahren rückläufig, obwohl Wohnen für immer größer werdende Bevölkerungsschichten DAS soziale Problem darstellt (siehe Abb.).
Abb.: Anzahl der Sozialwohnungen in Deutschland
Tausend Einheiten, bis 2024 | Basierend auf BT-Anfrage der Linkspartei
Wie lässt sich das ändern? Die Bundesregierung setzte etwa mit dem sogenannten Bauturbo wichtige Anreize. Aber umsetzen müssen ihn die Städte und Kommunen, und dort tut sich bislang noch zu wenig. Genehmigungsverfahren zu vereinfachen und billigeres serielles Bauen zu erleichtern, könnte ebenfalls dabei helfen, die hohen Baukosten zu reduzieren. Enteignung im großen Stil ist ein Tabubruch und wird das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Deutschland weiter beschädigen. Wer immer sich an der Mehrheitsbeschaffung für einen solchen Beschluss beteiligt – ob als Koalitionspartner oder anderweitig – ist mitverantwortlich für den ökonomischen Kollateralschaden, der dadurch entstehen dürfte.
Berlin kann die Enteignung ohnehin nicht finanzieren
Nehmen wir einmal an, Berlin wollte 200.000 Wohnungen vergesellschaften. Nehmen wir weiter an, jede Wohnung wäre – konservativ geschätzt – 200.000 EUR wert. Das würde bedeuten, dass das Land etwa 40 Mrd. EUR Ausgleichszahlungen an die bisherigen Eigentümer leisten müsste. Woher sollen die kommen? Und wenn man so viel Geld in die Hand nimmt, wäre es dann nicht besser, damit neue Wohnungen zu bauen? Und wer glaubt im Ernst, dass die häufig dysfunktionale Berliner Verwaltung diesen Wohnraum besser bewirtschaften kann? Enteignung ist kein Weg aus der Wohnungsnot. Erleichterung des Ausbaus von erschwinglichem Wohnraum hingegen wäre eine Lösung, die über die Symptombekämpfung hinausginge. Just do it!
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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