16.01.2026
Brexit-Lehren für Donald Trump
Die Abkehr vom Freihandel wird auch den USA schaden.
Kraemers Klartext
Das Beispiel Brexit ist ein erhobener Zeigefinger für die noch protektionistischere Gangart der US-Regierung.
Er hat wahrlich nicht lange gefackelt. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt vor fast einem Jahr hat Donald Trump die Zollschrotflinte aus dem Schuppen geholt und damit mehr oder weniger wahllos in alle Himmelsrichtungen gefeuert. Auch wenn die Kapitalmärkte den Maximalprotektionismus des Liberation Day schnell zurückgepfiffen haben und Washington bald im Wochentakt „historische“ Handels-Deals bejubelte: Der durchschnittliche Zollsatz für Warenimporte in die USA beträgt heute ein Vielfaches dessen, was zu Beginn des Jahres 2024 galt. So hoch waren die Zölle für Einfuhren in die USA das letzte Mal in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts (siehe Abb. 1). Damals nahm das kein gutes Ende. Auch wirtschaftlich nicht.
Abb. 1: Durchschnittliche Zollsätze auf Wareneinfuhren in die USA
%, Stand Nov. 17, 2025
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Nun mag es weit hergeholt erscheinen, die heutige Situation mit der Phase vor der großen Depression zu vergleichen. Zu viel haben wir seither darüber gelernt, wie sich solche tiefen Verwerfungen vermeiden lassen. Trump schlägt diese Erkenntnisse zwar in den Wind und glaubt, durch Protektionismus Amerika wieder „great“ zu machen. Aber der Rest der Welt hat vermutlich – hoffentlich! – aus den Fehlern gelernt. Übrigens frage ich mich immer, wann die USA so „great“ waren, dass man sich danach zurücksehnen müsste? Den einschlägigen volkswirtschaftlichen Indikatoren nach zu urteilen, war der Wohlstand zwischen Washington State und Washington D.C. niemals so hoch wie heute. Aber verklärte Nostalgie scheint eine Kraft zu sein, die stärker leuchtet als alle Vernunft.
Was uns der Brexit lehrt
Ebenfalls von einem gewissen Hang zu Nostalgie getrieben war sicherlich, was seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die massivste Abwendung von Globalisierung und Freihandel darstellen dürfte: Das britische Referendum über den Austritt aus der Europäischen Union. 2026 jährt es sich zum zehnten Mal. Sein Ergebnis ist bekannt: Nach jahrelangen Verhandlungen über die Brexit-Modalitäten verließ das Vereinigte Königreich am 31. Januar 2020 formal die EU.
Während man in Brexiteer-Kreisen damals von „Singapore-on-Thames“ schwadronierte, waren die meisten Ökonomen von Pessimismus erfüllt. Die Nabelschnur zum wichtigsten Handelspartner kappen: Wie kann das gut enden?
Die apokalyptischen Prognosen schienen sich zwar nicht zu bewahrheiten. London ist bis heute das unbestrittene Finanzzentrum Europas, und die vielbeschworene tiefe Rezession trat nicht ein oder verschwand hinter den Pandemiefolgen. Aber jüngere Studien legen nahe, dass das handelspolitische Ausscheren dennoch ökonomische Schäden verursacht hat. Die britische Wirtschaft ist demnach heute 6 % bis 8 % kleiner, als sie es ohne Brexit gewesen wäre. Die ursprünglichen Prognosen seien im Großen und Ganzen doch eingetreten, nur langsamer als erwartet. Ein wichtiger Faktor, der die Post-Brexit-Wirtschaft auf der Insel gebremst hat, waren die schwachen Investitionen: Die Unsicherheit nach dem Referendum hat Unternehmen zögerlich werden lassen (siehe Abb. 2). Das hat die Produktivität um etwa 4 % gesenkt und im Endeffekt den Wohlstand der Briten relativ zu den EU-Bürgern vermindert (siehe Abb. 3).
Abb. 2: Wachstumsrate Investitionen
Großbritannien minus EU | 2010 bis 2024, Prozentpunkte, Fünfjahresdurchschnitt
Abb. 3: Little Britain: Pro-Kopf-Einkommen in Kaufkraftparitäten
Großbritannien relativ zu EU
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Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Das Beispiel Brexit ist ein erhobener Zeigefinger für die noch protektionistischere Gangart der US-Regierung. Auch dort hat sich die Wirtschaft bislang besser gehalten als viele Ökonomen vermutet hatten (wobei das LBBW-Research vor Jahresfrist mit der Prognose von 2 % Wachstum ganz gut lag). Und die Inflation zog nicht so stark an wie nach dem Liberation Day befürchtet.
Also alles halb so wild? Meines Erachtens: Nein. Ich erwarte, dass die USA die Auswirkungen ihres partiellen Ausstiegs aus der Weltwirtschaft – ähnlich wie Großbritannien beim Brexit – noch zu spüren kriegen werden. Aber wie im Vereinigten Königreich wird es langsamer gehen als oft ungeduldige Prognostiker glauben. Denn die Unsicherheit über die künftigen Zollparameter und somit die Kostenbasis hält Unternehmen auch in den USA von Investitionen ab. Ohne Investitionen in KI-Datencenter aber stagniert das Investitionswachstum der breiteren US-Wirtschaft.
Wie in Großbritannien wird das auch in den USA mit der Zeit negative Konsequenzen für Produktivität, Wachstum und Inflation nach sich ziehen. Entsprechend prognostiziert das LBBW Research eine niedrigere US-Wachstumsrate für 2026 als der Konsens: 1,5 % statt 2,1 %. Die Inflation sehen wir hingegen höher als der Marktkonsens: 3 % statt nur 2,8 %. Die Unsicherheit über die Ausgestaltung der US-Handelspolitik wird auch 2026 hoch bleiben. Die Parallelen zu Post-Brexit-Britain sind nicht besonders ermutigend.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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