12.06.2026
Das lange Ende der Zinskurve hebt ab
Staatsfinanzen auf dem Prüfstand.
Kraemers Klartext
Weginflationieren der Schulden ist kein gangbarer Weg und kein Ersatz für finanzpolitische Umsicht.
Häufig dominiert das Treiben auf den Aktienmärkten die Finanznachrichten. Und dort jagt derzeit – beflügelt von der Euphorie rund um Künstliche Intelligenz – ein Rekordhoch das nächste. Das gilt insbesondere in den USA, aber auch für Märkte wie Korea oder Taiwan, wo Technologiewerte ein hohes Gewicht haben. Hier ist viel Mut am Werk. Vielleicht sogar Übermut.
Deutlich weniger vertrauensvoll blicken die Investoren in einer anderen Ecke des Kapitalmarktes auf das Geschehen: in den weltweiten Anleihemärkten. Und die sind eine ziemlich große Ecke: Nach Schätzungen des Institute for International Finance ( IIF ) lagen die weltweiten Schulden im ersten Quartal des Jahres bei über 350 Bio. USD. Das entspricht mehr als dem Dreifachen der globalen Wirtschaftsleistung. Tendenz weiter rasch steigend, vor allem in den USA und China. Die Kapitalisierung des weltweiten Aktienmarktes ist weniger als halb so groß.
Langläufer unter Druck
Ein erheblicher Teil der ausstehenden Anleihen sind Staatsanleihen. Die Ratingagentur S&P Global schätzt die umlaufende staatliche Verschuldung von Zentralregierungen mit einem S&P-Rating auf 83 Bio. USD, ein Drittel höher als fünf Jahre zuvor. Mehr als die Hälfte entfällt auf die USA und China. Der Schuldenstand der Regierungen wohlhabender Länder (vom IWF als „Advanced Economies“ klassifiziert) hat zuletzt deutlich zugenommen (siehe Abb. 1). Das Muster ist bekannt: Es kommt eine Krise, die Fiskalpolitik federt das durch höhere Defizite ab, und die Schuldenquote steigt. Wenn die Wirtschaft aus dem Krisentunnel herauskommt, geht die Quote aber nicht wieder zurück. Einzige Ausnahme: die Hochinflationsphase Anfang des Jahrzehnts. Entschuldung durch überraschende Inflation ist natürlich nichts, was Investoren attraktiv finden: Sie nehmen einen Verlust hin und verlangen im Anschluss höhere Renditen. So wie jetzt. Weginflationieren der Schulden ist kein gangbarer Weg und kein Ersatz für finanzpolitische Umsicht.
Abb. 1: Industrieländer: Staatsschulden
% des BIP
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Besonders extrem ist der Anstieg in den USA. Das unabhängige Congressional Budget Office ( CBO ) prognostiziert innerhalb der nächsten 30 Jahre eine Zunahme der US-Schuldenquote auf mehr als 190 % des BIP, falls sich die Politik nicht ändert. In Zeiten der Niedrigzinsphase waren immense Schulden relativ kommod zu stemmen. Aber nun sieht es danach aus, dass sich die Zinslast in der nächsten Dekade verdoppeln wird (siehe Abb. 2).
Abb. 2: Prognosen Zins- und Verteidigungsausgaben USA
Bio. USD
Die Anleger werden nervös – zu Recht.
Seit Jahresbeginn sind die von den Investoren geforderten Renditen für Staatsanleihen erheblich gestiegen. Vor allem am sogenannten langen Ende, also zwischen zehn und dreißig Jahren Laufzeit (siehe Abb. 3 und 4 im PDF-Download). Als Erklärung dafür dient vielen, dass der Krieg zwischen Amerika und Iran wegen höherer Energie- und Nahrungsmittelpreise die Inflation anheizt, was Zentralbanken dazu veranlassen könnte, Zinsen stärker anzuheben als vor Kriegsbeginn avisiert. Tatsächlich prognostiziert etwa das LBBW Research aktuell im Jahresverlauf 2026 drei Zinserhöhungen der EZB gegenüber null noch im Februar. Die obige Erklärung erscheint mir jedoch wenig plausibel, denn im Laufe von ein bis drei Jahrzehnten verliert das, was die Notenbank 2026 getan oder nicht getan hat, an Bedeutung. Das kann die Zinsen am kurzen Ende bewegen, aber nicht am ultralangen.
Nein, ich fürchte der Grund für steigende Langfristzinsen ist viel ernster. Es scheint mir vielmehr so zu sein, dass mehr und mehr Investoren sich Sorgen machen, ob die Staatsschulden langfristig tragbar sind.
Abb. 3: Rendite 10-jährige Staatsanleihen
in %
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Abb. 4: Rendite 30-jährige Staatsanleihen
in %
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Besonders ausgeprägt ist der Anstieg der langen Zinsen in Japan, dem Land, das jahrzehntelang von Minizinsen gekennzeichnet war. Deshalb haben japanische Investoren auch so viel Geld im Ausland angelegt. In keinem Land halten Anleger mehr US-Treasuries: Ende vergangenen Jahres lag der Bestand bei fast 1,2 Bio. USD , fast doppelt so hoch wie in China! Wenn es nun auch im heimischen Yen – ohne Wechselkursrisiko für japanische Investoren – ganz ordentliche Zinsen gibt, liegt eine Umschichtung aus Dollar- in Yen-Emissionen nahe.
Das könnte zusätzlichen Druck auf den Markt für US-Staatsanleihen auslösen und die langen US-Zinsen weiter steigen lassen. Derart in die Defensive gedrängt, könnte sich Donald Trump dazu verleiten lassen, zu unorthodoxen Interventionen zu greifen – etwa dem sogenannten Mar-A-Lago-Accord , eine De-facto-Enteignung ausländischer Gläubiger. Umso mehr als Stephen Miran, der Urheber der Idee, nach seinem Ausflug zur Fed nun wieder als Chefberater für Wirtschaftsfragen ins Weiße Haus zurückkehrt. Es gibt also durchaus Grund zur Nervosität. Und die langen Zinsen dürften erst einmal hoch bleiben. Denn eine fiskalpolitische Umkehr ist leider nirgends in Sicht.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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