26.05.2026
Biotreppe oder Biofalle?
An der Elektrifizierung des Wärmemarkts führt kein Weg vorbei.
Sabrina Kremers Faktencheck
Die Gefahr ist groß, dass aus der Biotreppe schnell eine Biofalle wird.
In den vergangenen drei Jahren hat das sogenannte Heizungsgesetz, offiziell Gebäudeenergiegesetz (GEG), immer wieder die Schlagzeilen geprägt. Im Wahlkampf versprach die CDU, das in den Boulevardmedien als „Heizungshammer“ titulierte Gesetz abzuschaffen. Den Worten sollen nun Taten folgen: Das Bundeskabinett hat einen Entwurf für das künftige Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) vorgelegt. Im Neubau sollen damit jetzt nicht mehr von vornherein Heizungen vorgeschrieben sein, die mit mindestens 65 % Erneuerbaren betrieben. Für bestehende Bauten hätte diese Regel laut GEG ab Juni gegolten. In beiden Fällen hätte der Bioanteil bis 2045 auf 100 % steigen müssen. Das neue GMG sieht stattdessen ab 2029 unter dem Schlagwort „Biotreppe“ eine erneuerbare Startquote von nur noch 10 % vor, die sehr viel allmählicher steigt. Die Pflicht, ab 2045 nur noch komplett regenerativ zu heizen, entfällt gänzlich. Beide Gesetze suggerier(t)en, dass Gasheizungen mit Biogas eine Zukunft haben. Das neue noch viel mehr als das alte.
Mit Biogas wird’s teurer
Der Markt bietet bereits Tarife mit einem Biomethananteil von 15 % oder 65 % an. Die Zahl derartiger Angebote im Preisportal Verivox hat sich in den vergangenen zwei Jahren von 189 auf 326 nahezu verdoppelt. Sieht man sie sich näher an, zeigt sich schnell: Die Beimischung von Biogas, genauer gesagt Biomethan, macht das Heizen teurer. Eine Stichprobe zeigt, dass der Preis je Kilowattstunde (kWh) bei einer 10- bis 65-prozentigen Biogas-Beimischung derzeit 1 bis 3 Cent über dem konventioneller Gastarife liegt. Für einen Jugendstil-Altbau, gebaut Anfang des 20. Jahrhunderts, in teilsaniertem Zustand kommen auf 100 qm pro Jahr gut und gerne 15.000 bis 20.000 kWh für Heizung und Warmwasser zusammen. Das wären aktuell 150 bis 600 EUR Mehrkosten pro Jahr für die Biotarife.
Verstromen ist effizienter als Veredeln
Vergleicht man Biogastarife mit 12 und 24 Monaten Laufzeit, fällt auf, dass länger laufende Tarife teurer sind als kürzer laufende. Anders herum verhält es sich bei den konventionellen Tarifen – sie belohnen längere Treue mit niedrigeren Preisen. Bei Biogas legen die Anbieter ihrer Kalkulation offensichtlich einen Preisanstieg zugrunde. Der lässt sich auch begründen: Es gibt einfach wenig Biomethan, und dieses Problem wird sich verschärfen. Eine Recherche der Agentur für erneuerbare Energien und des Fraunhofer Instituts IEE hat Ende 2025 insgesamt 9.605 Biomasseanlagen in Deutschland gezählt. Davon bereiteten lediglich 290 Biogas zu Biomethan auf.
Zwar steigt der Anteil von Biomethananlagen weiter, und die Agentur sieht durchaus noch Potenzial. Zusammen mit Importen könnte Biomethan 6,3 % des Erdgasverbrauchs von Wohnraum in Deutschland decken. 2024 lag der Anteil von Gasheizungen im Bestand bei mehr als 56 % . Und ab 2029 muss jede neue Gasheizung mit mindestens 10 % Biogas betrieben werden. Damit wird schnell klar: Zwischen Angebot und potenziellem Bedarf klafft eine große Biogaslücke, die wachsen wird. Und die hat ihren Preis. Zumal der Wärmemarkt nicht der einzige potenzielle Abnehmer ist. Biomasse lässt sich vielseitig einsetzen.
Die effiziente Nutzung von Biomasse ist ein Muss
Fast 97 % der deutschen Biogasanlagen verstromen heute das Gas vor Ort statt es in Biomethan zu wandeln. Das hat den Vorteil, dass sich mit Hilfe von sogenannten Blockheizkraftwerken nicht nur Strom, sondern auch Wärme erzeugen lässt. Diese doppelte Nutzung ist deutlich effizienter als die Veredelung zu Biomethan. Zudem lässt sich mit Biogas Strom gezielt dann regenerativ erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Es ist auch als biogener Kraftstoff im Verkehr nutzbar und kann fossilen Kohlenstoff in der Chemieindustrie ersetzen.
Abgesehen davon, dass Biogas zu schade zur Wärmeerzeugung ist: Es gibt – in der weitaus größeren Zahl der Fälle – eine viel bessere Alternative. Die Wärmepumpe glänzt im Vergleich zur Brennwerttherme durch deutlich höhere Effizienz. Aus einer Kilowattstunde Strom kann sie etwa drei Kilowattstunden Wärme generieren. Aus einer Kilowattstunde Gas entsteht hingegen weniger als eine Kilowattstunde Wärme. Und die meisten Bestandsanlagen haben einen noch geringeren Wirkungsgrad.
Wer sich beim Einbau einer neuen Heizung auf die Biotreppe einlässt, muss sich bewusst sein, dass Biogas ein limitierter Rohstoff ist. Das spiegelt sich im Preis wider. Alternativen wie grünen Wasserstoff gibt es derzeit faktisch nicht, und sie wären wohl noch teurer. Die Gefahr ist groß, dass aus der Biotreppe schnell eine Biofalle wird.
Von: Sabrina Kremer, Senior Sustainability Analyst
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