22.10.2026

Erdgas-Speicher in Deutschland: Gefährden niedrige Füllstände die Versorgung?

In diesem Herbst sind die deutschen Gasspeicher weit weniger gefüllt als in den Vorjahren. Experten sehen darin kein Problem. Doch es gibt zwei Risiken.

Gasspeicher
Gasspeicher

Im nahenden Winter dürften viele Menschen mit großer Sorge auf die Wettervorhersagen schauen: Wie kalt werden die Tage und Nächte? Je tiefer die Temperaturen fallen, desto mehr Erdgas benötigt Deutschland – im Extremfall sogar so viel, dass sich der Bedarf nicht mehr vollständig decken lässt.

Dass eine solche Notlage nicht völlig ausgeschlossen ist, liegt vor allem daran, dass die 47 deutschen Gasspeicher zusammengenommen zum Winteranfang so leer sind wie seit vielen Jahren nicht mehr. Nicht einmal der gesetzlich vorgeschriebene Mindestfüllstand für den Stichtag 1. November wird erreicht.

Kommt es zu Versorgungsengpässen, hätte dies fatale Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft. Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario?

Krieg im Nahen Osten treibt Gaspreis

Der Betrieb der Gasspeicher folgt einem einfachen Marktprinzip: Sie werden im Sommer, wenn die Gaspreise üblicherweise niedrig sind, befüllt und im Winter, bei hohen Preisen, geleert.

In diesem Sommer machte den verantwortlichen Unternehmen allerdings der Krieg im Nahen Osten einen Strich durch die Rechnung. Denn nach den iranischen Angriffen auf die Flüssiggas-Produktion (LNG) in Katar und wegen der Blockade der Straße von Hormus stand weniger Flüssiggas zur Verfügung. Das und weitere Effekte haben den Weltmarktpreis in die Höhe getrieben. Deutschland benötigt Flüssiggas, um einen Teil der Gasmengen zu ersetzen, die früher per Pipeline aus Russland importiert wurden. Dazu kommt, dass der Füllstand der deutschen Gasspeicher zum Ende des letzten Winters vergleichsweise niedrig war. Die Unternehmen mussten deshalb in den Folgemonaten mehr Gas einkaufen. Auch das ließ den Großhandelspreis steigen. Mit den höheren Preisen im Sommer fehlte den zuständigen Unternehmen der Anreiz, ausreichend Gas zu speichern – zumal ihnen keine direkten Sanktionen drohen, wenn sie das Füllstandziel verfehlen. Das beträgt für die meisten Speicher 80 Prozent, bei einigen sind es 45 Prozent. Daraus ergibt sich über alle Speicher hinweg ein rechnerisches Gesamtziel von ungefähr 70 Prozent.

Erfahrung aus dem Vorjahr

Um Engpässe zu vermeiden, hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) das staatliche Unternehmen Sefe Ende September beauftragt, bis zum 15. Dezember zusätzlich acht Terawattstunden Erdgas zu beschaffen und einzuspeichern. Diese Gasmenge entspricht rund drei Prozent des möglichen Speichervolumens. Schreibt man die Entwicklung der letzten Wochen fort, wird der Füllstand zum 1. November bei maximal 64 Prozent liegen. Im vergangenen Winter hätte dieser Wert gereicht: Zum Stichtag 1. November waren die Speicher zu 75 Prozent gefüllt. Bis zum 10. März sank der Füllstand auf 20 Prozent. Damit wurden 55 Prozent der maximal möglichen Speichermenge entnommen, also um einiges weniger als in diesem Jahr zu Winterbeginn gespeichert sein wird. Im letzten Winter war es allerdings insgesamt gesehen relativ warm, trotz eines Kälteeinbruchs im Januar.

Prognostizierter Füllstand der deutscher Gasspeicher zum 1. November 2026

64

%

rechnerischer Maximalwert

Bundesnetzagentur sieht nur geringe Gefahr

Die Bundesnetzagentur stuft in ihrem aktuellen Lagebericht vom 21. Oktober die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Engpässen kommt, als gering ein. Nach Einschätzung der Behörde ist es für die Versorgungssicherheit auch nicht zwingend notwendig, dass das Füllstandziel für den 1. November erreicht wird. Als Begründung verweist sie unter anderem darauf, dass die deutschen LNG-Terminals derzeit nur gut zu einem Drittel ausgelastet sind. Die Gashändler haben also die Möglichkeit, bei Bedarf zusätzlich Flüssiggas einzukaufen. Bis das LNG bei den Verbrauchern ankommt, kann wegen der langen Transportwege jedoch einige Zeit vergehen. Das birgt ein gewisses Risiko. In ihrem Lagebericht lässt die Bundesnetzagentur allerdings einen Faktor außen vor: die geopolitische Lage. Sollte es etwa zu einem Anschlag auf eine Pipeline kommen, die Gas von Norwegen nach Deutschland transportiert, könnten schnell Versorgungsengpässe auftreten. Gleiches gilt, wenn US-Präsident Donald Trump LNG-Exporte nach Europa stoppt, aus welchen Gründen auch immer. Das träfe Deutschland besonders hart, weil nahezu das gesamte direkt importierte Flüssiggas aus den USA stammt. Die Anschlagsgefahr treibt auch den Europäischen Gasnetzbetreiberverband ENTSOG um. Der Verband hält die Versorgung in Europa diesem Winter zwar grundsätzlich für sicher. Jedoch mit einer Einschränkung: Die Einschätzung gilt nur dann, wenn es nicht zu einer sehr lang anhaltenden Kältewelle oder zu unvorhersehbaren Ereignissen wie dem Ausfall von Gaslieferungen aus Norwegen kommt.

Haushalte, soziale Einrichtungen und Fernwärme haben Vorrang

Und was passiert, wenn das Gas tatsächlich knapp zu werden droht? Dann greift ein dreistufiger Notfallplan des Bundeswirtschaftsministeriums, der je nach Situation abgestufte Maßnahmen vorsieht. Ist die Stufe 1 („Frühwarnstufe“) oder 2 („Alarmstufe“) ausgerufen, sind Gashändler und Netzbetreiber gefordert, das Erdgas-Angebot zu steigern. Der Staat greift erst ein, wenn die Versorgung erheblich gefährdet ist (Stufe 3, „Notfallstufe“). Die Bundesnetzagentur weist dann abhängig von der Netzsituation und den Gasflüssen an, welche Verbraucher in welchem Maße versorgt werden. Dabei genießen Haushalte, soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Seniorenheime sowie Anlagen, die Fernwärme erzeugen, Vorrang. Frieren müssen die Bürger daheim also nicht, auch wenn es draußen noch so kalt wird.

Eine Frau hält ein Smartphone in der Hand
Eine Frau hält ein Smartphone in der Hand

Newsletter abonnierenExklusive Studie sichern

Jetzt anmelden!

Weltweit

Benachrichtigungen

Bleiben Sie mit unseren Benachrichtigungen auf dem neusten Stand.

Es ist ein Fehler aufgetreten

Benachrichtigungen konnten nicht aktiviert werden

Um Benachrichtigungen zu erhalten, ist es erforderlich, dass Sie Benachrichtigungen in Ihren Browsereinstellungen aktivieren bzw. zulassen. Eventuell stehen Benachrichtigungen auf Ihrem Endgerät nicht zur Verfügung.

Wählen Sie die Rubriken für Ihre Benachrichtigungen aus. Sie können diese Einstellung jederzeit ändern.

Es ist ein Fehler aufgetreten