29.06.2026
Die Abhängigkeit von Strom, Gas und Öl
Ist die Sorge um die deutsche Versorgungssicherheit berechtigt?
Sabrina Kremers Faktencheck
In Zeiten geopolitischer Krisen sind stabile Preise und Planungssicherheit ein Zufallsprodukt.
Vier Monate sind seit dem Angriff auf Iran vergangen. Aktuell können zwar wieder Schiffe die Straße von Hormus passieren. Die Unsicherheit aber bleibt und mit ihr auch die Kritik an Deutschlands Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas. Zugleich kursiert die Angst, wir seien auch beim Strom auf andere Länder angewiesen. Beides ist nicht neu. Was ist dran?
Energiebedarf und -angebot
Der Bedarf an Primärenergie – also Energie vor Umwandlung in Wärme, Strom oder mechanische Energie – sinkt in Deutschland seit Jahren. Das lässt sich sowohl auf eine niedrigere Produktion als auch auf eine höhere Elektrifizierung und auf Effizienzgewinne zurückführen. 2025 lag der Anteil fossiler Brennstoffe im Primärenergiemix bei etwa 77 % (Abb. 1). Er ist seit 1990 um zehn Prozentpunkte gesunken. Gleichzeitig wurde die Kernenergie abgeschaltet. Erneuerbare haben sowohl den Wegfall der Kernenergie als auch den Rückgang bei Gas teilweise ausgeglichen. Ihr Anteil stieg von 1 % im Jahr 1990 auf 21 % im Jahr 2025. Je höher der Anteil erneuerbar erzeugten Stroms im Mix ist, desto niedriger fällt der Primärenergieverbrauch aus: Denn während bei der Umwandlung von Öl, Kohle und Gas in Strom oder Wärme massive Verluste entstehen, geht man bei regenerativ erzeugtem Strom von einer 1:1-Wirkung aus.
Abb. 1: Primärenergieverbrauch Deutschlands nach Energieträgern
in TWh
Auf der Angebotsseite besteht vor allem bei Gas und Öl eine langfristige Abhängigkeit. Kohle dient überwiegend zur Stromerzeugung und dürfte mit dem geplanten Kohleausstieg bis 2038 im Primärenergieverbrauch eine stetig sinkende Rolle spielen. Gas macht hingegen fast ein Drittel des Primärenergieverbrauchs aus und wird zu rund 95 % importiert. Bis 2021 stammte etwa die Hälfte der Importe von 1.500 Terawattstunden (TWh) aus Russland. Inzwischen ist Deutschland breiter aufgestellt: 2025 kamen 44 % aus Norwegen, 24 % aus den Niederlanden und 21 % aus Belgien. Etwas mehr als 10 % erreichten Deutschland verflüssigt (LNG), überwiegend aus den USA. Langfristige Lieferverträge, teils bis 2046, erhöhen die Versorgungssicherheit, binden Deutschland aber an teures Flüssiggas. 2025 belief sich der Import auf 1.031 TWh, der Verbrauch auf nur 864 TWh. Kurzfristig ist also weniger die verfügbare Menge das Problem als die Abhängigkeit von Lieferländern und Preisen.
Noch mehr auf das Ausland angewiesen ist Deutschland bei Öl: Sein Anteil am Primärenergieverbrauch lag 2025 bei 36 %, die Importquote bei mehr als 98 %. Öleinfuhren kommen vor allem aus der Nordsee und aus Nordafrika; nur rund 6 % stammen aus Nahost. Die Lieferantenbasis ist breiter geworden, bleibt aber begrenzt. Das eigentliche Risiko liegt in der Preisbildung an den internationalen Märkten. In Zeiten geopolitischer Krisen sind stabile Preise und Planungssicherheit ein Zufallsprodukt.
Elektrifizierung als Problemlöser
Die Alternative heißt Strom. Aber nicht alles lässt sich elektrifizieren und schon gar nicht von heute auf morgen. Derzeit liegt der Stromverbrauch pro Jahr bei etwa 500 TWh. Mehr E-Autos, Wärmepumpen, hoffentlich auch Rechenzentren und elektrisch betriebene Industrieanlagen werden zu steigendem Bedarf führen. Und schon heute bezweifelt so mancher, dass Deutschland über genug Strom verfügt. Das Argument: Seit 2023 importieren wir mehr Elektrizität aus Nachbarländern, als wir exportieren. Aber das liegt nicht an zu geringen Erzeugungskapazitäten. Denn selbst wenn man die Phasen abzieht, in denen Sonnen- und Windstrom ausbleiben und auch Gas- und Kohlekraftwerke wegen Wartung nicht zur Verfügung stehen, liegt die deutsche Erzeugungskapazität – Kohle, Gas und Erneuerbare zusammen – immer noch bei bis zu 900 TWh. Das ist deutlich mehr als der Verbrauch. Deutschland importiert Strom also nicht, weil Mangel herrscht, sondern wenn er bei den Nachbarn günstiger ist. Im ersten Quartal 2026 haben wir übrigens wieder mehr exportiert, selbst an den kalten Wintertagen. Die Stromimporte fielen mengenmäßig mit etwa 5 % des Gesamtstrombedarfs und weniger als 1 % des Primärenergiebedarfs dabei nie ins Gewicht.
Mit dem Kohleausstieg werden rechnerisch bis 2038 etwa 260 TWh Stromerzeugungskapazität wegfallen. Damit würde Strom tatsächlich zum knappen Gut. Umso wichtiger sind daher neben dem europäischen Strommarkt der weitere Ausbau Erneuerbarer sowie mehr Tempo beim Netzausbau und mehr Batteriespeicher.
Zudem muss die Integration von E-Autos und Wärmepumpen ins Stromnetz vorangehen. Denn die spart viel Geld und macht die Energiewende auch für Verbraucher attraktiv. Um zusätzliche Gaskraftwerke werden wir dennoch nicht herumkommen. Umso wichtiger ist es, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sich die Elektrifizierung rechnet.
Von: Sabrina Kremer, Senior Sustainability Analyst
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1.2 MB | 29.06.2026
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