26.05.2026
Internationaler Stromhandel: Deutschland ist wieder Netto-Exporteur
Deutschland exportierte im ersten Quartal erstmals seit 2023 wieder mehr Strom. Größere Märkte helfen, Angebot und Nachfrage auszugleichen und Preise zu senken.
Deutschland hat in den vergangenen Jahren mehr Strom aus dem Ausland eingeführt als dorthin exportiert. Im ersten Quartal 2026 hat sich dieses Verhältnis umgekehrt: Von Januar bis März flossen laut Bundesnetzagentur fast 18 Terawattstunden Strom in die Nachbarstaaten. Im Gegenzug wurden gut 15 Terawattstunden importiert. Dieser Exportüberschuss von fast drei Terawattstunden entspricht etwas mehr als zwei Prozent der Strommenge, die insgesamt in Deutschland in diesem Zeitraum produziert wurde.
Energieträgeranteile an den Stromexporten in Q1 2026
Wichtigster Abnehmer im ersten Quartal war Österreich, gefolgt von Dänemark, Tschechien und den Niederlanden. Beim Import war Dänemark die Nummer Eins, vor Frankreich, Belgien und Norwegen.
Ob Import oder Export – der grenzüberschreitende Handel bringt allen Teilnehmern Vorteile. Denn er folgt denselben Prinzipien wie der Handel mit anderen Gütern: Produzieren die Nachbarn günstiger, wird importiert; sind die Preise im Ausland höher, lohnt sich der Export. Verbraucher profitieren davon, weil die Versorger so ihre Beschaffungskosten reduzieren. Das senkt die Strompreise.
Kostenvorteile der einzelnen Standorte nutzen
Wie bei jedem anderen Handelsgeschäft geht es also beim Im- und Export von Strom darum, Kostenvorteile der jeweiligen Standorte zu nutzen. So sind die Großhandelspreise vor allem dann niedrig, wenn gerade viel Erneuerbare-Energien-Strom erzeugt wird. Das war in Deutschland im ersten Quartal oft der Fall: Die erneuerbaren Energien lieferten knapp 16 Prozent mehr Strom als im Vorjahreszeitraum – ein wesentlicher Grund dafür, dass durchschnittliche Großhandelspreis (Day-Ahead-Handel) um fast neun Prozent auf rund 102 Euro pro Megawattstunde fiel.
In Österreich lag der Preis im ersten Quartal dagegen durchschnittlich bei etwa 121 Euro, in Tschechien bei 116 Euro. In Stunden, in denen die Preise in diesen und anderen Ländern höher waren als in Deutschland, lohnte es sich, dorthin Strom zu exportieren.
In Frankreich betrug der Großhandelspreis im Schnitt nur circa 71 Euro pro Megawattstunde, in Belgien knapp 96 Euro. Die heimischen Versorger können hier immer wieder günstig Strom einkaufen. Anders als in Deutschland wirkt hier jedoch nicht der Ökostrom-Effekt. In den beiden Ländern drücken vor allem der hohe Atomstrom-Anteil sowie energiewirtschaftliche Sonderregeln das Preisniveau.
Größere Märkte gleichen Angebot und Nachfrage besser aus
Der grenzüberschreitende Stromhandel spart aber auch noch anderer Stelle Geld: Netzbetreiber müssen seltener eingreifen, um eine Überlastung der Stromnetze zu verhindern. Die Kosten für solche Eingriffe werden auf die Stromrechnungen umgelegt. Erzeugen zum Beispiel Offshore-Windräder in der Nordsee mehr Strom als das deutsche Netz aufnehmen kann, werden sie abgeregelt. Dafür erhalten die Betreiber in der Regel eine Entschädigung, die über die Netzentgelte finanziert wird. Der Export etwa nach Dänemark oder in die Niederlande kann solche Situationen entschärfen.
Dazu kommt, dass mit dem internationalen Handel weniger Gaskraftwerke und Speicher nötig sind, um sogenannte Dunkelflauten – Tage mit sehr wenig Wind und Sonne – zu überbrücken. Da sich das Wetter in Europa regional stark unterscheidet, gilt: Je größer der Markt, desto leichter lassen sich Angebot und Nachfrage ausbalancieren. Auch das dämpft die Stromkosten.
Importe verbessern die CO2-Bilanz der deutschen Stromversorgung
Gelegentlich wird kritisiert, dass Deutschland mit den Importen vor allem Strom aus Kohlekraftwerken ins Land holt. Das ist nicht der Fall, wie die Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen. Denn gut die Hälfte des im ersten Quartal importierten Stroms stammte aus erneuerbaren Quellen. Kohlestrom machte nur knapp acht Prozent des Imports aus, Strom aus Gaskraftwerken hatte einen Anteil von gut elf Prozent. In den Vorjahren war die Verteilung ähnlich.
Richtig ist dagegen, dass Deutschland große Mengen an Atomstrom bezieht, vor allem aus Frankreich. Im ersten Quartal lag der Anteil an den gesamten Importen bei fast 21 Prozent und damit etwa auf dem gleichen Niveau wie in den Vorjahren. Weil Atomstrom als klimafreundlich gilt, hat dessen Bezug einen positiven Einfluss auf die CO2-Bilanz des deutschen Energiesektors.
Neue Stromleitungen für mehr internationalen Handel
Weniger Kosten, mehr Klimaschutz: Das sind gute Gründe, den grenzüberschreitenden Stromhandel auszuweiten. Dem steht allerdings die Physik entgegen. Denn es gibt bislang nur relativ wenige Grenzkuppelstellen, die die Stromnetze zweier Länder miteinander verbinden.
Für die EU hat der Bau neuer, grenzüberschreitender Leitungen deshalb hohe Priorität. So hat die sie im Zuge ihres Fit-for-55-Programms Schlüsselprojekte definiert, die bei der Genehmigung priorisiert und mit EU-Geldern gefördert werden. Dazu zählen unter anderem neue Verbindungen zwischen Deutschland und Dänemark oder Irland und Frankreich. Bereits weit fortgeschritten ist der Bau einer „Stromautobahn“, die Deutschland und Großbritannien verbinden wird. Die Leitung soll 2028 in Betrieb gehen.
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