29.05.2026

Ölmarkt bleibt stark unterversorgt

Kapitalmärkte Weekly | Dem Ölmarkt fehlen durch die Blockade der Straße von Hormus rund 12 bis 15 Mio. Barrel pro Tag.

Ein Öltanker im im Persischen Golf
Ein Öltanker im im Persischen Golf

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Konjunktur

Die Frühjahrsprognose der EU-Kommission für das BIP-Wachstum ist deutlich niedriger ausgefallen als diejenige vom vergangenen November. Grund ist die Verlangsamung der Wirtschaftstätigkeit durch den Konflikt im Nahen Osten bzw. den neuen Energiepreisschock, der die Inflation anheizt und Lieferketten belastet. Gegenüber Herbst 2025 wurde die Wachstumsprognose 2026 für den Euroraum um 0,3 Prozentpunkte auf 0,9 % und für die gesamte EU auf 1,1 % reduziert. Für 2027 wird ein Anstieg des BIP-Wachstums auf 1,2 % bzw. 1,4 % prognostiziert, das sind 0,2 und 0,1 Prozentpunkte weniger als zuvor. Die Erwartungen fielen für fast alle Länder pessimistischer aus als im Herbst. Für Deutschland gingen die Schätzungen für 2026 um 0,6 Prozentpunkte auf 0,6 % und für 2027 um 0,3 Prozentpunkte auf 0,9 % zurück. Damit befindet sich die EU-Kommission jetzt etwa auf dem Niveau der Prognosen von uns und von anderen Institutionen.

Zinsumfeld

Die Rendite 10-jähriger US-Treasuries fiel zuletzt wieder unter die Marke von 4,50 %, während die 10-jährige Bundrendite die 3%-Schwelle unterschritt. In beiden Fällen flachte sich die Renditekurve zudem im Wochenvergleich tendenziell etwas ab, was jenseits der übergeordneten Kurserholung ein vorläufiges Stabilisierungssignal für die Rentenmärkte sendet: Der Einbruch der Vorwoche hat keine Negativspirale in Gang gesetzt. Vielmehr scheinen die zwischenzeitlich spürbar höheren Langfristrenditen einige Anleger aus der Reserve gelockt zu haben, welche die Kursverbilligung als attraktives Einstiegssignal gewertet haben. Die Hoffnungen auf eine (vorläufige) Beilegung des USA-Iran-Krieges sind zwar just wieder im Aufschwung, dennoch haben wir unser Hauptszenario in Richtung einer länger anhaltenden Wirkung der makroökonomischen Verwerfungen im Zuge der Blockade der Straße von Hormus adjustiert. Insbesondere da unsere bisherige Annahme einer Normalisierung des Schiffsverkehrs bis Ende Mai nicht mehr realisierbar ist. Wir gehen nunmehr davon aus, dass eine (verlässliche) Normalisierung im Laufe des Sommers erfolgt.

Aktienmärkte

Und läuft und läuft und läuft! Dieser Slogan aus der VW-Werbung der 1960er-Jahre ließe sich problemlos auf die Aktienmärkte übertragen. Wie lange die Rally tatsächlich andauert, lässt sich aus historischen Daten allerdings nicht vorhersagen. Die aktuell rekordhohe Gewinndynamik im S&P 500 kann jedoch kaum mehr getoppt werden. Sein KGV lag nur in wenigen Fällen noch höher als jetzt, und die Risikoprämie gegenüber zehnjährigen US-Treasuries beträgt nur noch wenig mehr als Null. Das Chance-Risiko-Verhältnis hat sich daher eingetrübt. Was uns jedoch am meisten Sorge bereitet, ist die geradezu explosionsartige Rally der etablierten Halbleiterunternehmen, welche nun ebenfalls vom KI-Boom profitieren. Gewichtet haben sich die Kurse der zentralen Protagonisten dieses Sektors in den vergangenen zwölf Monaten nahezu verachtfacht. Dies riecht nach Überhitzung und könnte daher so etwas wie das letzte Hurra des KI-Hypes darstellen.

Da der Ölmarkt stark unterversorgt bleibt, prognostizieren wir per September dieses Jahres 95 USD und per Dezember 85 USD je Barrel.

95 USD

Ölpreis-Prognose je Barrel per September

Rohstoffe: Öl

Die Marktteilnehmer werteten die laufenden Gespräche zwischen den USA und dem Iran in den vergangenen Wochen als ein Zeichen gegenseitiger Annäherung. Damit preisten jene zwar zuletzt eine geringere Gefahr dauerhafter Angebotsstörungen im Persischen Golf ein, zugleich ist die Feuerpause aber mehr als fragil, da es trotz Waffenruhe wiederholt zu gegenseitigen Angriffen kam. Am eigentlichen Problem hat sich also nichts geändert: Der ungelöste Konflikt blockiert weiterhin den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus. Dem Ölmarkt fehlen damit rund 12 bis 15 Mio. Barrel pro Tag. Etwas entschärft wird dieses Defizit durch die Freigabe strategischer Ölreserven. Zudem machen die VAE und Saudi-Arabien Fortschritte bei der Erschließung alternativer Transportwege. Auch die schwächere Ölnachfrage sorgt für Entlastung. Diese dürfte von Q1 auf Q2/26 um etwa 3 Mio. Barrel pro Tag sinken. Da der Ölmarkt dennoch stark unterversorgt bleibt, erhöhen wir unsere kurzfristige Ölprognose auf 95 USD per September und auf 85 USD per Dezember 2026.

Rohstoffe: Gold

Die gestiegenen Ölpreise werden auch die Inflationsraten weltweit nach oben bringen. Damit dürften die bislang von uns erwarteten Zinssenkungen der US-Notenbank vermutlich zunächst ausfallen. Von dieser Seite wird es daher in den nächsten Monaten eher keinen Rückenwind für die Edelmetalle geben. Unsere Goldprognose nehmen wir vor diesem Hintergrund etwas zurück. Unterstützung für Gold kommt weiterhin von der starken Nachfrage nach Münzen und Barren. Diese stieg in Q1/26 gegenüber dem Vorjahr deutlich um über 20 %. Auch die Gold-ETCs stehen seit Anfang April wieder auf der Käuferseite. Zur Jahresmitte 2027 rechnen wir mit Preisen von 5.000 USD pro Feinunze Gold.

Von: Henning Oligmüller, CIIA Investmentanalyst

Unser großes Bild in Kürze

Vergleichsdiagramm

Konjunktur

  • Deutschland: BIP dürfte 2026 kaum zulegen. Staatsausgaben stimulieren Nachfrage. Vor allem Investitionen dürften profitieren.
  • Hohe Inflations- und Konjunkturrisken durch Ölpreisanstieg im Kielwasser des Kriegs am Persischen Golf. Handelskonflikt mit den USA belastet weiterhin.

Säulendiagramm

Zinsumfeld

  • Fed: Notenbanker halten Leitzins auf absehbare Zeit unverändert. Erhöhung wahrscheinlicher als erneute Senkung.
  • EZB: Schwenk zur geldpolitischen Straffung steht bevor. Drei Zinsanhebungsschritte bis Ende 2026 erwartet. Einlagesatz dann auf absehbare Zeit bei 2,75 %.
  • EUR-Langfristzinsen: Aufwärtsrisiken dominieren angesichts wachsender Inflationssorgen und Verschuldungsrisiken.

Diagramm Linie

Aktienmärkte

  • Börsen setzen auf Ende des Irankriegs und anhaltenden KI-Boom.
  • Hausse hat das gesamte KI-Ökosystem erfasst, Gefahr der Überspekulation nimmt zu.
  • Steigende Zinsen dürften den Investitionsboom bremsen.

Euro

Devisen

  • Der Renditevorteil von kurz laufenden US-Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen dürfte abnehmen.
  • Erratisches Agieren des US-Präsidenten untergräbt Vertrauen in den US-Dollar.
  • Flucht in den „sicheren Hafen“ US-Dollar dürfte nicht von Dauer sein.

Öl und Gas

Rohstoffe

  • Rohstoffe mit starkem Preisanstieg. Bloomberg Commodity Index erreicht neues Allzeithoch.
  • Angebotsrisiken bei Basismetallen stützen Preistrend. Aufwärtstrend bei Gold kommt durch Nahostkrieg ins Stocken.
  • Irankrieg führt zu Ölhausse. Deutliches Korrekturpotenzial, wenn die Straße von Hormus wieder vollständig passierbar ist.

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