09.01.2026
Postkarte aus Bogotá
Europa braucht Lateinamerika als Partner – mehr als umgekehrt!
Kraemers Klartext
Wenn wir den Bogen überspannen, wendet sich Lateinamerika von uns ab und China zu.
Buenos días! Ich schreibe Ihnen heute aus Kolumbien. Nein, keine Sorge, die LBBW steigt nicht in die Finanzierung von Drogengeschäften ein. Auch wenn „Kokain“ vermutlich das erste war, was vielen von Ihnen beim Wort „Kolumbien“ einfiel. Vielleicht auch Kaffee. Aber auch ein Chefvolkswirt macht mal Urlaub, und ich habe meiner Sehnsucht nach dem Land nachgegeben, in dem ich vor gut 25 Jahren beruflich oft unterwegs war.
Dass vielen mit hoher Wahrscheinlichkeit Drogen als erste Assoziation in den Sinn gekommen sind, vielleicht noch befeuert durch die durchaus exzellente Netflix Serie „Narcos“, das ist, ehrlich gesagt, ein Problem. Wir müssen in Europa unsere festgefahrenen Vorurteile zu Lateinamerika überdenken. Nehmen wir Kolumbien. Das Land ist so viel mehr als Kaffee und Kokain. In den vergangenen zehn Jahren ist Kolumbien jährlich um durchschnittlich 2,5 % gewachsen. Deutschland mickrige 0,8 %. Kolumbianische Aktien stiegen im Jahr 2025 um etwa 50 %. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.
Die Gefahr von Polarisierung
Die Realität Kolumbiens heute ist nicht vergleichbar mit dem, was zu Zeiten des Drogenterrors an der Tagesordnung war. Ich erinnere mich aus meiner beruflich aktiven Zeit dort, dass die einzige sichere Art, inländisch von A nach B zu kommen, damals das Flugzeug war. Heute prägt nicht Terrorismus das Land, sondern Tourismus: Im vergangenen Jahr zählte Kolumbien fast sieben Millionen ausländische Besucher. Als ich das letzte Mal im Jahr 2000 in Bogotá war, trauten sich nur wenig mehr als eine halbe Million hartgesottene und abenteuerlustige Pioniere ins Land. Die Verbesserung der Sicherheitslage hatte auf den Aufschwung einen großen Einfluss.
Aber die Erfolge stehen noch nicht auf festem Boden. Polarisierung und Gewalt sind wieder auf dem Vormarsch, wenn auch lange nicht so blutig wie in der schlechten alten Zeit. Im vergangenen Juni erschoss ein 15-Jähriger aus Nachfolgerkreisen der FARC-Guerilla den Präsidentschaftskandidaten Miguel Uribe. Der erste bekennende linke Präsident, Gustavo Petro, vor langer Zeit selbst Guerillero, 2012 bis 2015 aber durchaus respektierter Bürgermeister Bogotás, polarisiert und schwadroniert von dunklen Mächten, die seine Pläne durchkreuzten. Und auch Trump mischt sich – wie in Lateinamerika oft – ungut ein. Als im Juli der ehemalige konservative Präsident und USA-Verbündete Álvaro Uribe (nicht verwandt mit Miguel) wegen Zeugenmanipulation und Verfahrensbetrug zu zwölf Jahren Hausarrest verurteilt wurde, sprach Washington von einem politischen Prozess, Hexenjagd und so weiter. Die übliche Litanei. Zugleich drohte die US-Regierung, gegen kolumbianische Drogenschmuggler ähnlich brutal vorzugehen wie bereits gegen venezolanische und bezeichnet den linken Präsidenten als Drogenhändler. Anders als Venezuela ist Kolumbien allerdings NATO-Partner.
Die Präsidentschaftswahl im Mai dürfte darüber entscheiden, ob in Kolumbien wieder mehr Ruhe einkehrt. In einer Welt, in der das Recht des Stärkeren langsam zur Maxime politischen Handelns wird, kann Lateinamerika für Europa ein wichtiger Verbündeter sein, wenn es darum geht, die Reste einer regelgebundenen Welt aufrechtzuerhalten. Umso mehr, als die Region in den kommenden Jahren deutlich schneller wachsen dürfte als unser altes Europa (siehe Abb.) und auch wirtschaftlich einiges zu bieten hat. Kolumbien etwa gilt als möglicher Lieferant von grünem Wasserstoff. Zudem bietet es Vorkommen der kritischen Rohstoffe Nickel, Platin, Zink und Bauxit.
Abb.: Prognosen für das Wirtschaftswachstum
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Mercosur Abkommen als Lackmustest
Deshalb wäre die EU gut beraten, sich diese Verbündeten warm zu halten. Beim Freihandelsabkommen mit Südamerika liegt der Ball auf dem Elfmeterpunkt, und das Tor ist unbewacht. Dennoch hat es Europa schon wieder nicht geschafft, den Deal zum Abschluss zu bringen. Die Angst vor den französischen Landwirten wiegt mal wieder schwerer als die geopolitischen Erfordernisse. Was muss eigentlich noch passieren, damit Europa sich zur Handlungsfähigkeit durchringen kann? Man glaubt es kaum, aber Brüssel verhandelt seit mehr als einem Vierteljahrhundert das weltweit größte Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Mitgliedstaaten (Argentinien, Brasilien, Uruguay, Paraguay, Bolivien; Kolumbien ist assoziiertes Mitglied). Als die Verhandlungen begannen, hatte Helmut Kohl gerade den Kanzlerbungalow geräumt. Viel zu lange agierte Europa vom hohen Ross herunter. Aber längst sind die Zeiten vorbei, wo wir anderen Weltregionen in neokolonialer Gutsherrenart unsere Konditionen aufs Auge drücken können. Wenn wir den Bogen überspannen, wendet sich Lateinamerika von uns ab und China zu. In Peking dürfte man sich über so ein Eigentor ins Fäustchen lachen.
Von: Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter Research
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