Forscherin mit Pipette im Labor

„Die Politik hat sich verkalkuliert.“

Deutschland bekommt die vierte Corona-Welle nicht in den Griff. Auf die Frage nach dem Warum gibt LBBW-Healthcare-Experte Dominik Hamperl eine Einschätzung.

LBBW-Hauspost: Herr Hamperl, die Infektionszahlen in Deutschland waren noch nie so hoch. Nach dem Sommermärchen 2021 mit allen wiedergewonnenen Freiheiten steht jetzt das Lockdown-Wort wieder im Raum. Wird auch Weihnachten 2021 ausfallen?

Dominik Hamperl: Ich befürchte, dass wir kurz vor der vierten Phase massiver Einschränkungen des öffentlichen Lebens stehen. In vielen Unternehmen werden mittlerweile Vorbereitungen für eine weitere Periode der Homeoffice-Pflicht getroffen. Schon jetzt gilt 3G am Arbeitsplatz. Auf Ihre Frage habe ich aber auch keine Antwort. Ich finde es viel schlimmer, dass wir nun im zweiten Jahr in Folge uns im November überhaupt diese Frage stellen müssen.

LBBW-Hauspost: Kanzleramtsminister Helge Braun sagte neulich in einem Interview, dass wir noch vor Weihnachten rund 20 Millionen Deutsche mit einer dritten Booster-Impfung schützen müssten. Aber eben auch wörtlich: „Darauf sind wir nicht vorbereitet!“ Was ist schiefgelaufen?

Hamperl: Ich muss leider einen fehlenden Paradigmenwechsel in der deutschen Politik konstatieren. In Phase 1 – im Winter vergangenen Jahres – ging es vor allem um die Therapie. Also Testen und Impfen. Da standen die Forschung und Entwicklung eines Impfstoffes und dann die Logistik im Zentrum. Danach hätte es aber um die Wirkungsforschung, um die Analyse und Immunitätsstudien gehen müssen. Also in Zusammenarbeit mit Ärzten, den Geimpften und der Pharma-Industrie. Das hat es nicht oder nicht ausreichend genug gegeben. Israel zum Beispiel hat weitgehende Studien dazu gemacht.

LBBW-Hauspost: Und das Ergebnis?

Hamperl: Ist ernüchternd. Bei allen vorhandenen Impfstoffen sinkt die Wirkung bereits nach wenigen Monaten auf unter 50 Prozent.

LBBW-Hauspost: Was sind wenige Monate?

Hamperl: Nach vier bis fünf Monaten ist nur noch die Hälfte der Geimpften immun.

LBBW-Hauspost: Das erklärt dann auch die hohe Zahl der sogenannten Impfdurchbrüche?

Hamperl: Genau. Mittlerweile sehen wir viele Patienten auf den Intensivstationen, obwohl sie zweimal geimpft wurden. Aber wir sehen natürlich noch viel mehr Ungeimpfte. Auch da hat sich die Politik ordentlich verkalkuliert. Von vornherein war klar: Ein nicht geringer Teil der Deutschen wird nicht geimpft werden können.

LBBW-Hauspost: Können oder wollen?

Hamperl: Können. Aus medizinischen Gründen, zum Beispiel weil sie Allergiker sind.

LBBW-Hauspost: Ist die Hoffnung auf die dritte Impfung – den sogenannten Booster – berechtigt?

Hamperl: Die gute Nachricht ist: Es gibt genug Impfstoff. Die schlechte ist, dass wir die großen Impfzentren geschlossen haben und die kostenlosen Teststationen auch dichtgemacht wurden. Viele Unternehmen hatten eigene Teststraßen aufgebaut. Das Engagement, jetzt wieder alles aufzurüsten, ist nur begrenzt vorhanden. Da beklagen viele die Hü-und-hott-Politik. Über Nacht lässt sich eine solche Impflogistik sicher nicht wiederherstellen.

Dominik Jasinski - Sektorexperte Gesundheit und Pharma

Bislang standen dem Beschluss für einen Lockdown immer die damit verbundenen wirtschaftlichen Schäden entgegen. Da haben wir jetzt valide Erfahrungen: So schlimm sind die Schäden dann doch nicht.

Dominik Hamperl, LBBW-Healthcare-Experte

LBBW-Hauspost: Wird denn eigentlich weiter geforscht? Wann gibt es einen besseren Impfstoff von CureVac oder BioNTech?

Hamperl: BioNTech hat seine Forschungskapazitäten auf einen Malaria-Impfstoff verlagert. Zudem arbeiten die unter Hochdruck an einem HIV-Impfstoff. Das US-Unternehmen Moderna hat gerade Probleme mit der Regierung in Washington wegen der Rückzahlung von Subventionen für die Entwicklung des Impfstoffs. Am weitesten scheinen mir die Forschungsarbeiten bei AstraZeneca zu sein. Bei dem eher auf traditionellen Wirkungsweisen basierenden Tote-Virus-Impfstoff hat es zuletzt die größten Qualitätssprünge gegeben.

LBBW-Hauspost: Will heißen, keine wirkliche Hoffnung in Sicht?

Hamperl: Auf Basis dessen, was wir aktuell wissen, werden wir – solange kein Wirkstoff der zweiten Generation verfügbar ist – zwei- bis dreimal pro Jahr geimpft werden müssen. Anders bekommen wir das Problem nicht in den Griff.

LBBW-Hauspost: Und dafür gibt es ausreichend Produktionsanlagen und Logistik?

Hamperl: Wer sich zuletzt die Umsatz- und Gewinn-Prognose von Pfizer in den USA angesehen hat, hätte darauf kommen können. Ein wesentlicher Treiber im Geschäft von Pfizer ist genau das. Zwei- bis dreimal impfen pro Jahr.

LBBW-Hauspost: Kommt nun ein vierter Lockdown?

Hamperl: Bislang stand dem Beschluss für einen Lockdown – also dem Schutz der Menschen – immer ein Thema entgegen: nämlich die damit verbundenen wirtschaftlichen Schäden. Da haben wir jetzt valide Erfahrungen: So schlimm sind die Schäden dann doch nicht.

LBBW-Hauspost: Herr Hamperl, danke für die klaren Worte.