Nahaufnahme eines 100-Euro-Scheins

Euro-Stärke – eine Gefahr für die deutsche Wirtschaft?

Der Euro wertet gegenüber dem US-Dollar deutlich auf. Ein Warnsignal für die deutsche Wirtschaft? Die Analysten der LBBW haben nachgerechnet.

Make America great again? Zumindest für den Dollar schien das zu gelten. Die US-Währung war im Frühjahr 2020 fast schon gleichauf mit dem Euro: Der kostete nur noch 1,08 Dollar. Seitdem jedoch hat der Euro um 10 Cent gegenüber dem Dollar zugelegt – am Devisenmarkt ein Riesensprung. Die LBBW-Analysten gehen davon aus, dass die Euro-Stärke von Dauer sein wird. Ihre Prognose: 1,23 Dollar werden Mitte nächsten Jahres für einen Euro zu zahlen sein.

Für die nachlassende Attraktivität des US-Dollars machen die Analysten ein Bündel von Gründen verantwortlich. Der wichtigste: Staatsanleihen. Der Zinsvorteil von US- gegenüber europäischen Staatsanleihen sei deutlich zusammengeschmolzen. Zudem sei die Bewertung des Euro, gemessen an der Kaufkraft, eher niedrig, in der Corona-Pandemie weise Europa ein besseres Krisenmanagement auf und schließlich vertiefe der „Aufbaufonds“ das Selbstverständnis der Europäer als Mitglieder der Europäischen Union. Die Hintergründe mögen erfreulich sein, allerdings gilt ein starker Euro als Gefahr für die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft. Der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt bei rund 47 Prozent. Gibt es also Grund zur Sorge? Dieser Frage gingen die Analysten der LBBW in einer Studie nach.

Globale Konjunktur ist wichtiger als Wechselkurse

Es gibt keinen Anlass zum Alarm, so das Fazit der LBBW-Experten. Ja, die Aufwertung des Euro könne die Exportpreise und damit auch die Gewinnmargen der Unternehmen belasten. Wichtiger für wachsende Exporte sei allerdings die Konjunktur bei den Handelspartnern.

Ihre Einschätzung machen die LBBW-Experten unter anderem daran fest, wie sich in der Vergangenheit Wechselkursschwankungen auf das Exportwachstum und die Unternehmensgewinne ausgewirkt haben. „Eine Wirkung des Wechselkurses auf die reale Exporttätigkeit ist zwar immer wieder festzustellen“, erläutert Martin Güth, Senior Analyst der LBBW. „Aber wiederholt haben sich beide Größen auch über längere Zeiträume voneinander entkoppelt.“ Als Beispiel nennt Güth die Jahre 2004 bis 2007. Damals hätte der starke Euro das Exportwachstum hemmen können, das aber wurde durch eine gute globale Wirtschaftsentwicklung mit einer robusten Nachfrage gestützt.

Exportwachstum vs. Eurokurs in Deutschland

Phasenweise Korrelation: Exportwachstum und Eurokurs

Die Annahme, dass sich ein niedriger Eurokurs positiv auf die reale Exporttätigkeit in Deutschland auswirke, stimmt nur bedingt. Im Zeitraum 2004 bis 2007 beispielsweise hätte das Exportwachstum aufgrund des starken Euro deutlich geringer ausfallen müssen.

Heute sieht die Situation weniger rosig aus. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben die Konjunktur weltweit einbrechen lassen. Die LBBW geht für das Jahr 2020 von einem Rückgang des globalen BIP um vier Prozent aus, erste Erholungstendenzen im Herbst werden den Schaden nur teilweise begrenzen. In vielen Industriestaaten dürfte die Wirtschaftsleistung auch im kommenden Jahr noch nicht wieder das Niveau von 2019 erreichen. „Vor diesem Hintergrund ist die jüngste Euro-Aufwertung sicherlich nicht hilfreich“, sagt Güth. „Das spielt mit Blick auf die Exporte aber nur die zweite Geige.“

Mehr als ein Drittel der Exporte sind wechselkursunabhängig

Analysiert haben die LBBW-Analysten auch den Zusammenhang zwischen der Wechselkurs- und der Exportpreisentwicklung der vergangenen Jahre: „Die jüngste Euro-Stärke könnte die Exportpreise und damit auch die Margen der exportorientierten Unternehmen durchaus belasten.“ Dieser Effekt wird jedoch dadurch abgeschwächt, dass über ein Drittel der deutschen Ausfuhren vom Wechselkurs unabhängig sind, weil sie in die Länder der Eurozone gehen. Dagegen ist mit 8,9 Prozent der Anteil der Ausfuhren, die an Deutschlands größten Exportpartner USA gehen, vergleichsweise gering.

Zusammenhang von Eurokurs und Gewinnmarge deutscher Unternehmen

Exporte in Eurozone verringern die Abhängigkeit vom Dollarkurs

37 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in Länder der Eurozone und machen sie unabhängig von Wechselkursschwankungen. Mit einem Anteil von 8,9 Prozent sind die USA zwar stärkster Handelspartner Deutschlands, ihr Gewicht ist im Verhältnis jedoch gering.

Maschinenbau: US-Dollar nicht so wichtig

Warum der Euro-Dollar-Kurs die deutschen Exporte weit weniger beeinflusst als befürchtet, zeigt sich beispielhaft am deutschen Maschinenbau. „Mehr als die Hälfte der Exporte bleiben in Europa“, sagt Güth. „Inklusive des Inlandsanteils sind unterm Strich rund 70 bis 80 Prozent der Produktion in diesem Sektor kaum währungsabhängig.“ Zwar seien die USA mit 11 Prozent der wichtigste Exportmarkt der Maschinenbauer, doch aufgrund der breiten Diversifikation der Exporte halte sich der Einfluss der globalen Leitwährung in Grenzen.

Maßgeblich für die Exporterwartungen des verarbeitenden Gewerbes sei vielmehr die konjunkturelle Entwicklung im Kernmarkt, sagt der LBBW-Stratege. Für die Entwicklung der Exporte in die USA sieht die LBBW darum die Entwicklung der dortigen Wirtschaft und nicht den Dollarkurs als maßgebliche Größe. „Zudem haben die deutschen Unternehmen beispielsweise in der Antriebs- und Fördertechnik in den USA kaum Konkurrenten – und auch deshalb weiterhin gute Exportchancen“, urteilt Güth. Verstärkt wird die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Unternehmen zusätzlich dadurch, dass der Anschaffungspreis von Maschinen in der Gesamtkostenbetrachtung (Total Cost of Ownership) nur einen geringen Anteil ausmacht.

Qualitätsversprechen „Made in Germany“

Es kommt den Abnehmern weniger auf den Kaufpreis an als auf die laufenden Kosten. Und hier punkten die deutschen Exporteure seit jeher mit der Qualität und Effizienz ihrer Produkte.

Quelle: McKinsey-Studie (TCO-Verteilung), LBBW Research

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