Geschäftsfrau steht in Lagerhalle und fasst sich an die Armbanduhr

Nachhaltigkeit: Welche Branchen liegen vorn?

Wo stehen die europäischen Branchen in Sachen Klimaneutralität? Antwort gibt eine neue Studie der LBBW.

Über alle Sektoren hinweg stellen die Unternehmen die Weichen, mit den Klimazielen eine dauerhafte Erderwärmung zu verhindern. Geht es um die Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase (THG), so sind im europäischen Branchenvergleich die Konsumgüterhersteller mit jährlich zweistelligen Reduktionsraten einsame Spitze. Sie stechen vor allem in puncto Veränderungsbereitschaft und Wandlungstempo hervor. Deutliche CO₂-Einsparungen oberhalb von jährlich 5 Prozent verbuchen zudem Unternehmen aus den Branchen Technologie, Handel, Pharma und Medien.

Ordentliche Fortschritte auf dem Weg zur Klimaneutralität haben bereits die Branchen Industrie, Versorger sowie der Automobilsektor gemacht. Mit einem geringeren Tempo bei der CO₂-Reduktion sind zudem die Unternehmen der Branchen Reise, Rohstoffe, Nahrungsmittel, Chemie, Bau und Energie unterwegs. Auf der Standspur beziehungsweise sogar rückwärts bewegt sich die Telekommunikationsbranche, deren CO₂-Ausstoß leicht zugenommen hat. So lauten die Ergebnisse einer Analyse von LBBW Research, die 15 kapitalmarktrelevante europäische Branchen und deren Positionierung im Klimatransformationsprozess detailliert unter die Lupe genommen hat.

Regulatorik ist der maßgebliche Treiber der Transformation

Dem Klimaschutz kann sich heute keine Branche mehr entziehen. Beim Aufbau einer klimaneutralen Wirtschaft sind die Branchen allerdings unterschiedlich erfolgreich. Ein maßgeblicher Treiber des Umbauprozesses ist die Regulierung. Im Zentrum steht hier der European Green Deal mit besonderem Fokus auf dem „E“ des Nachhaltigkeitsdreiklangs ESG (Environment, Social, Governance) und hier insbesondere auf dem Klimaschutz. Die EU strebt mit der Initiative „Fit for 55“ und dem EU-Klimagesetz bis 2030 eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 an. Bis 2050 soll Europa klimaneutral wirtschaften. Dafür jagt eine Gesetzesinitiative die nächste. Gleichzeitig soll die Wirtschaftskraft perspektivisch in eine nachhaltige Zukunft geführt werden, die mehr Wachstum bringt. Kein einfaches Unterfangen.

Die Nachhaltigkeits-Uhr des Corporate Research

Doch wo genau befinden sich die europäischen Unternehmen aktuell im Klimatransformationsprozess? Und vor welchen Herausforderungen stehen die verschiedenen Branchen noch? Einen Überblick gibt die von den LBBW-Experten entwickelte Nachhaltigkeits-Uhr.

LBBW Nachhaltigkeits-Uhr: Branchen-Check in Sachen Klima

Der Kampf fürs Klima ist ein Wettlauf mit der Zeit. Europas Unternehmen spielen dabei eine wichtige Rolle. Laut LBBW Research ist es mittlerweile 3 vor 12. Die gute Nachricht: Alle Branchen befinden sich im notwendigen Veränderungsprozess. Die Nachhaltigkeits-Uhr zeigt, wie weit sie bereits gekommen sind.

Die Nachhaltigkeitsuhr mit den Aspekten Optimierung, Initialisierung, Transformation und Konzeptionierung

Die Nachhaltigkeits-Uhr basiert auf einem Modell, das die charakteristischen Entwicklungsschritte eines idealtypischen Prozessverlaufs für Klimaschutzmaßnahmen in Unternehmen in vier Phasen einteilt: Initialisierung, Konzeptionierung, Transformation und Optimierung. Dabei kann das Ende eines Zyklus den Beginn des nächsten markieren, zum Beispiel, weil neue regulatorische Anforderungen erfüllt werden müssen. Ein weiterer Treiber dieses dynamischen Prozesses können Forschung und Entwicklung sowie neue Technologien sein.

Klar ist, dass es Branchen gibt, die es beim Kampf ums Klima schwerer haben. Dazu gehören diejenigen, die energie- und rohstoffintensiv produzieren, etwa die Stahl- oder die Chemieindustrie. Anderen fällt dies leichter, da sie Produkte und Services anbieten, die im Vergleich zur Schwerindustrie wenig oder kaum CO₂-Emissionen erzeugen – zum Beispiel der Technologie- oder der Mediensektor. „Unsere Untersuchung zeichnet ein sehr differenziertes Bild der einzelnen Branchen, die sich teilweise in ganz unterschiedlichen Phasen des klimabezogenen Umbaus befinden“, sagt Alexandra Schadow, Abteilungsleiterin Cross-Asset Research bei LBBW Research.

Unsere Untersuchung zeichnet ein sehr differenziertes Bild der einzelnen Branchen, die sich teilweise in ganz unterschiedlichen Phasen des klimabezogenen Umbaus befinden

Alexandra Schadow, Abteilungsleiterin Cross-Asset Research bei LBBW Research

Große Leistungsunterschiede im Kampf gegen Treibhausgase

Lediglich acht der 15 von der LBBW untersuchten Branchen erreichen die rechnerische Mindestrate für die CO₂-Reduktion in Höhe von gut 4 Prozent pro Jahr. Diese wäre wissenschaftlichen Studien zufolge erforderlich, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen – so, wie es 2015 im Pariser Klimaabkommen vereinbart wurde. Wie weit die europäischen Unternehmen hier bereits vorangekommen sind, zeigt der folgende Blick auf ausgewählte Branchen.

Grafik: Reduktion der Treibhausgase seit 2018 nach Branchen in Prozent

Die Konsumgüterbranche nimmt bei der CO₂-Reduktion aktuell die mit Abstand beste Positionierung ein. Mit durchschnittlich gut 13 Prozent jährlich lagen ihre Werte in den vergangenen Jahren um das Dreifache über der Mindestrate. Weit fortgeschritten ist die CO₂-Reduktion auch im Handel: Mit jährlich mehr als 6 Prozent hat der Sektor bislang seinen CO₂-Ausstoß deutlich mehr reduziert, als es für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels erforderlich wäre.

Eine klare Sonderrolle, zum einen durch den Blick auf den eigenen CO₂-Fußabdruck und andere wichtige Klimaindikatoren, zum anderen als „Enabler“ zahlreicher nachgelagerter Wertschöpfungsketten, hat die Versorgerbranche. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt für die Klimawende in sämtlichen Wirtschaftsbereichen. Der Sektor macht aktuell gute Fortschritte: Seit Einführung des Umweltreportings reduzierten die Unternehmen die THG um gut 4 Prozent im Jahr.

Vergleichsweise gut unterwegs beim Klimaschutz ist auch die Automobilbranche: Mit einer jährlichen THG-Reduktion von gut 4 Prozent fährt sie schon leicht über dem Mindestwert zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels. Die Autohersteller bewegen sich aktuell von der Konzeptionierungs- in die Transformationsphase. Alle Unternehmen verfügen bereits über Konzepte für eine strategische Neuausrichtung bei der Elektromobilität. Dafür erforderliche Prozesse werden derzeit angepasst oder neu eingeführt.

Auch der Nahrungsmittelsektor bewegt sich derzeit von der Konzeptionierungs- in die Transformationsphase. Dabei liegt er bei der THG-Reduzierung mit 3 Prozent aber noch unter der Mindestrate für die Zielerreichung. Ähnlich schwach sieht hier das Bild der Reisebranche aus (gut 3 Prozent)

Viel Aufholbedarf bei der THG-Reduzierung hat der Chemiesektor. Die Unternehmen der Branche sind sehr energie- und CO₂-intensiv und können ihre traditionellen Wertschöpfungsketten nicht in kurzer Zeit aufbrechen und umbauen. Die jährliche CO₂-Reduktion liegt bislang bei durchschnittlich unter 2 Prozent. Noch schwächer fallen die bis dato geleisteten CO₂-Verringerungen lediglich in den Branchen Bau (knapp 2 Prozent), Energie (0,3 Prozent) und Telekommunikation (–1,2 Prozent) aus.

Die Telekommunikationsbranche trägt trotz der Dekarbonisierungsstrategien der TK-Netzbetreiber mit einem leicht negativen Wert die rote Laterne. Dafür gibt es jedoch nachvollziehbare Gründe, etwa die seit Jahren steigende Anzahl von Breitbandanschlüssen oder der Wachstumsbereich des hoch vernetzten Internet of Things. Daraus resultieren enorme Datenmengen, die in den TK-Netzen transportiert und in energieintensiven Rechenzentren verarbeitet werden müssen. Die andere Seite der Medaille: Ohne die Telekommunikation als „Enabler“ der Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung wären nennenswerte Klimaschutzbeiträge in vielen Branchen überhaupt nicht möglich.

Die Finanzbranche wurde bei der Untersuchung bewusst außen vorgelassen, da sie eine Sonderrolle spielt. Die EU will für die Transformation auch die Kapitalströme in Richtung nachhaltiger Investitionen lenken. Die Voraussetzungen schafft sie Schritt für Schritt, etwa in Form eines EU-weiten Standards für Green Bonds .

Beschränkt man die Betrachtungsweise, wie im Vier-Phasen-Umweltmodell von LBBW Research geschehen, nicht nur auf den Klimaschutz, sondern erweitert diese auf alle Umweltthemen, wird die Einschätzung noch vielschichtiger. Themen wie etwa die Kreislaufwirtschaft dürften fast alle Branchen treffen. Die Komplexität steigt dabei stetig an und nicht alle Umweltziele sind eindeutig messbar.

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Wie nachhaltig agieren die Branchen?

Die „Nachhaltigkeits-Uhr“ von LBBW Research zeigt, wo Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität stehen.

Zum Download der Studie