Die Sammlung LBBW

Daniel Knorr Nationalgalerie 2008/2019 Installation art berlin Flughafen Tempelhof
Daniel Knorr: Nationalgalerie, 2008/2019, Installation Flughafen Tempelhof, art berlin 2019. ©VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Thomas Bruns

Fördern, Bewahren und Vermitteln

Das Profil der Sammlung

Die Sammlung LBBW, wie sie sich heute darstellt, ist weder linear noch organisch gewachsen. Ihr existierender Bestand vereint die Kunstsammlungen ihrer Vorgängerinstitute und bildet somit unterschiedliche, spezifische Interessen, regionale Schwerpunkte und auch den Wandel in den konzeptionellen Überlegungen für die jeweiligen Sammlungserweiterungen ab. Seit ihrem offiziellen Bestehen 1999 hat sich die Sammlung LBBW zudem in Phasen und Brüchen weiterentwickelt. Damit eröffnet die Sammlung LBBW heute nicht nur einen Blick auf etwa 100 Jahre vorwiegend deutscher Kunstgeschichte, sondern ist auch Teil der Historie der mit ihr verbundenen Unternehmen.

Gründung und Entwicklung

Kunst im deutschen Südwesten

Die Sammlungsgeschichte beginnt mit der Städtischen Spar- und Girokasse Stuttgart. Dem Vorstandsbeschluss zur Einrichtung einer Galerie für die Präsentation von Kunst in bankeigenen Räumen folgt ein Jahr später, 1971, die Entscheidung für den kontinuierlichen Erwerb von Kunst. Mit Dr. Walther Zügel, Mitglied des Vorstands und ab 1972 Vorstandsvorsitzender der Städtischen Spar- und Girokasse Stuttgart, verbindet sich damit rückblickend die Sammlungsgründung. Sein Engagement setzt sich nach der Fusion der Städtischen Spar- und Girokasse mit der Württembergischen Landessparkasse im Jahr 1975 fort. Bis zu seinem Ausscheiden 1996 prägt er als Vorstandsvorsitzender das Sammeln und Fördern von Kunst für die nun etablierte "Sammlung Landesgirokasse" entscheidend mit. Dazu zählt auch der „Wettbewerb der Landesgirokasse zur Förderung der künstlerischen Photographie in Deutschland“ von 1989 bis 1995.

Referenzpunkt Abstraktion

Die Stuttgarter Akademie und der Hölzel-Kreis

Der Stuttgarter Hölzel-Kreis, der aus der Klasse Adolf Hözels an der Stuttgarter Kunstakademie ab 1905 hervorgeht, bildet aus kunsthistorischer Sicht den Ausgangspunkt der Sammlung der Sammlung Landesgirokasse und ist gleichzeitig ein Markstein der heutigen Sammlung LBBW. Dazu zählen Werke von Adolf Hölzel selbst sowie das künstlerische Schaffen seiner ehemaligen Schüler und Schülerinnen, darunter Oskar Schlemmer, Willi Baumeister , Ida Kerkovius, Max Ackermann und Adolf Fleischmann, welche ebenfalls Eingang in die Sammlung gefunden haben.

Referenzpunkt Figuration

Die Karlsruher Akademie

Mit der Karlsruher Kunstakademie existiert ein zweites, einflussreiches Zentrum der Kunstausbildung im deutschen Südwesten. Erich Heckel, Mitbegründer der Künstlergruppe „Die Brücke“, ist frühzeitig in der Sammlung Landesgirokasse vertreten. Er lehrt, nachdem er einen Ruf nach Berlin ablehnt, von 1949 bis 1955 in Karlsruhe. Sein unmittelbarer Nachfolger wird HAP Grieshaber. Mit Grieshaber kommt es zu einer originären Neuinterpretation des vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland etablierten „Expressionismus“, der letztlich in die „Neue Figuration" führen wird. Dieser Neuansatz gegenständlicher Malerei prägt sich im Werk seiner ehemaligen Studenten Horst Antes, Dieter Krieg und Walter Stöhrer unterschiedlich aus, wie es auch die Werkbeispiele aus der Sammlung LBBW belegen.

Ergänzende Perspektiven

Deutsche und internationale Kunst

Vor dem Hintergrund der Stuttgarter und Karlsruher Akademien umfasst die Sammlung Landesgirokasse damit sowohl Werke der abstrakten als auch der gegenstandsbezogenen Kunsttendenzen. Ebenso ist auch Otto Dix im Sammlungsbestand vertreten und erweitert, künstlerisch unabhängig von den südwestdeutschen Zentren, den Sammlungsradius. Mit Prof. Dr. Peter Beye, von 1969 bis 1994 Direktor der Staatsgalerie Stuttgart, wird 1993 ein international anerkannter Museumsmann als Berater für die Sammlung gewonnen. Zusammen mit Lutz Casper, dem jetzigen Leiter der Sammlung LBBW, gelingt es Peter Beye den Bestand mit weiteren Ankäufen konzeptionell zu verbinden. Damit sind bedeutende Werke von Julius Bissier, Ernst Wilhelm Nay, Emil Schumacher, Markus Lüpertz, Anselm Kiefer und Gerhard Richter in die Sammlung gelangt. Ab den 1990er Jahren werden für die Sammlung Landesgirokasse außerdem Werke nahmhafter Künstlerinnen und Künstler, wie Andreas Gursky , Astrid Klein, Günter Förg und Wolfgang Tillmans, erworben.

Die im Jahr 1993 gegründete Sammlung der BW-Bank AG geht auf die Initiative des Vorstandsmitglieds Dr. Frank Heintzeler zurück. Das Sammlungsinteresse richtet sich vorrangig auf den südwestdeutschen Raum. Regelmäßige Ausstellungen im Hauptgebäude am Kleinen Schlossplatz begleiten das Kunstengagement. Zudem wird die Sammlung der BW-Bank AG um punktuelle Ankäufe deutscher und internationaler Künstlerinnen und Künstler akzentuiert. Mit der Integration der BW-Bank AG in die LBBW im Jahr 2005 ergänzen heute etwa „Die Einsamkeit“ (1906) von Hans Thoma sowie Werke von Fritz Klemm, A. R. Penck und Peter Dreher die Sammlung der jetzigen LBBW.

Die 1993 begonnene Sammlungsaktivität der SüdwestLB geht ebenso auf einen Vorstandsbeschluss zurück: Im Zuge des Neubaus am „Am Hauptbahnhof 2“ soll eine Sammlung explizit zeitgenössischer, internationaler Kunst aufgebaut werden, die mit der Konzeption von Prof. Dr. Stephan Schmidt-Wulffen bis 1999 umgesetzt wird. Damit bereichern Kunstwerke, die ortsspezifisch in die Arbeitswirklichkeit der Bank integriert werden, die heutige Unternehmenszentrale der LBBW. Auf architektonische und funktionale Kontexte bezogene Werke von Siah Armajani, Jorge Pardo, Thomas Locher , Liam Gilick und Vito Acconci sind damit genauso in der Sammlung LBBW vertreten, wie Werke deutscher und internationaler Künstlerinnen, darunter Rosemarie Trockel, Cindy Sherman, Elizabeth Peyton, Tracy Emin und Gillian Wearing.

Zusammenschluss und neue Akzente

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert

Die Fusion der Landesgirokasse, der SüdwestLB und Teilen der L-Bank im Jahr 1999 zur Landesbank Baden-Württemberg führt auch die eigenständig gewachsenen Sammlungsbestände unter einem Dach zusammen. Damit bietet sich ein Überblick über die Kunstszenen und Kunstgeschichten seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Die ehemaligen Sammlungen der Landesgirokasse und der SüdwestLB bringen zu diesem Zeitpunkt jeweils Werke von Künstlerinnen und Künstlern ein, die seitdem als bedeutende Werkgruppen die Sammlung LBBW nun mit auszeichnen. Mit der Ausstellung „Zoom – Ansichten zur deutschen Gegenwartskunst“ wird der neu zusammengefasste Sammlungsbestand der LBBW auch der Öffentlichkeit vorgestellt.

Etwa zehn Jahre später erfährt die Sammlung LBBW den Zugang weiterer Sammlungskonvolute. Dies erfolgt 2008 mit der Integration der Landesbank Rheinland-Pfalz und der Landesbank Sachsen in die LBBW. Den Schwerpunkt der Sammlung der Landesbank Rheinland-Pfalz setzt der ehemalige Direktor des Mainzer Landesmuseums, Dr. Berthold Roland, vor allem auf Druckgrafik – ein Verweis auf Johannes Gutenberg, Erfinder des Buchdrucks und Sohn der Stadt. Hinzu kommen bedeutende Ankäufe von Künstlern rheinland-pfälzischer Provenienz wie Max Slevogt, Hans Purrmann und Otto Dill. Wiederum gelangen mit der Übernahme der Landesbank Sachsen Absolventen der Leipziger und Dresdner Akademien in die Sammlung LBBW, die auch durch die Förderungen des Instituts mit Projektstipendien und einem Kunstpreis mit der Landesbank Sachsen verbunden sind. Darunter finden sich so prominente Namen wie Neo Rauch, Tim Eitel und Matthias Weischer.

Tim Eitel Murakami 2000-2001
Tim Eitel: Murakami, 2000-2001. ©VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Michael Ehritt

Tradition und Ausblick

Collecting Contemporary

2018, nach erfolgreicher Restrukturierung der LBBW aufgrund der 2008 ausgelösten, internationalen Finanzkrise, feiert die LBBW nicht nur ihr 200-jähriges Bestehen. Es sind auch die Voraussetzungen geschaffen, die Sammlungsaktivitäten wieder aufzunehmen. Die Initiative dafür geht von Rainer Neske aus, dem neuen Vorstandsvorsitzenden der LBBW, und hat das Ziel, das gesellschaftliche Engagement der Bank auch im Bereich der Kunst erneut zu verankern sowie der Sammlung LBBW zugleich neue, zeitgenössische Impulse zu geben. Die dazu erarbeitete Kunstkonzeption setzt dafür Themenkomplexe auf die Agenda, die sich in der zeitgenössischen Kunst vielfältig darstellen. Neben den Transformationsprozessen der Arbeitswelt im Zuge der Globalisierung und der sich zunehmend digital vernetzenden Welt sind es Themen zu Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit sowie Migrations-, Gleichstellungs- und Identitätsfragen.

Yngve Holen Extended Operations XWB 2014
Yngve Holen: Extended Operations XWB, 2014. ©Courtesy der Künstler und Galerie Neu, Berlin, Foto: Stefan Korte

Kunstkuratorium

Die weitere Fortentwicklung der Sammlung LBBW wird durch ein ehrenamtliches Kunstkuratorium begleitet, das sich 2018 neu konstituierte. Den Kuratoriumsvorsitz hat LBBW-Vorstand Thorsten Schönenberger inne. Die Mitglieder des Kuratoriums sind aktuell Prof. Dr. Dirk Boll (Präsident EMERI, Christie’s), Maike Cruse (Direktorin Gallery Weekend Berlin), Claudia Diem (Vorständin BW-Bank), Dr. Ulrike Groos (Direktorin Kunstmuseum Stuttgart), Thomas Locher (Rektor der HGB Leipzig), Dr. Ulrike Lorenz (Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar) und Petra Olschowski (Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg). Das Fachkuratorium wird gebildet von Dr. Nadia Ismail (Direktorin Kunsthalle Gießen), Dr. Gregor Jansen (Direktor Kunsthalle Düsseldorf) und Lutz Casper (Leiter Sammlung LBBW).

Kunst am Arbeitsplatz und Kunstvermittlung

Siah Armajani Bridge / Ramp 1994
Siah Armajani: Bridge / Ramp, 1994. ©Estate of Siah Armajani und Rossi&Rossi, Foto: Achim Bednorz

Schnittstelle zur Öffentlichkeit

Viele Werke der Sammlung LBBW sind in der Unternehmenszentrale in Stuttgart sowie in den Niederlassungen und Filialen im In- und Ausland ausgestellt. Mit der Einladung an den iranisch-stämmigen Künstler Siah Armajani erhielt der Hauptsitz der LBBW am Stuttgarter Hauptbahnhof 1994 zudem ein prägnantes, ortspezifisches Werk: Armajanis „Bridge / Ramp" ist ein architektonisches Hybrid aus Brücke und Rampe, das den Innenhof der LBBW-Zentrale mit der Haupteingangsebene direkt verbindet.

Jorge Pardo Clock, clock, clock, clock (you have to say it fast) 1997
Jorge Pardo: Clock, clock, clock, clock (you have to say it fast), 1997. ©Courtesy der Künstler und neugerriemschneider, Berlin, Foto: Archiv Sammlung LBBW

Skulpturale Setzungen

Auch das große, lichtdurchflutete Foyer der LBBW-Zentrale in Stuttgart wird von einer weiteren, dauerhaft installierten Arbeit bespielt. Jorge Pardos Werk „Clock, clock, clock, clock (you have to say it fast)“ von 1997 greift als monumentaler vertikaler Zeitmesser die architektonische Eingangssituation des Gebäudes auf. Die Platzierung der insgesamt sechs beleuchteten, kreisrunden und farbigen Zifferblätter, entlang des von der Decke abhängenden, konstruktiven Gestänges, orientiert sich an den Geschosshöhen des Gebäudes.

Kunstpräsentation im LBBW Foyer am Hauptbahnhof 2

Interne Vermittlung

Im Foyer und den Etagen der Stuttgarter Zentrale werden außerdem wechselweise Kunstwerke aus dem Kernbestand der Sammlung präsentiert. Diesen Kernbestand ergänzen die rund 13.000 Werke der Konzernausstattung mit ihrem weit gefächerten Spektrum von Werken in den Gattungen Grafik, Fotografie, Zeichnung und Malerei. Die Konzernausstattung vereint ehemalige große Teilbestände der Vorgängerinstitute der LBBW, deren Ankauf die regionale Förderung von jungen Künstlerinnen und Künstler zum Ziel hatte. Die Werke der Konzernausstattung stehen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Ausstattung ihrer Arbeitsplätze sowie für Gemeinschaftsräume und die kundenintensiven Bereiche der Bank zur Verfügung.

Neuer Bestandskatalog und weitere Publikationen der Sammlung
Foto: Stefan Hohloch

Sammlungspublikationen

Die Bestände der heutigen Sammlung LBBW wurden durch Kataloge stets dokumentiert und in dieser Form einem interessierten Publikum breiter zugänglich gemacht. So haben die Landesgirokasse Stuttgart, Die SüdwestLB, die BW-Bank AG und die Landesbank Rheinland-Pfalz über ihre Sammlungen jeweils publiziert. 1999 erfolgte der erste Bestandskatalog der in diesem Jahr neu formierten Sammlung LBBW mit dem Titel „Zoom“. „Extended“, die Ausstellung der Sammlung LBBW im ZKM Karlsruhe im Jahr 2009 mit gleichnamigem Katalog, ermöglichte erneuten Zugang und weitere Einblicke in das Sammlungsinteresse der Bank. Zum 50-jährigen Jubiläum der Sammlung wurde mit „Jetzt oder nie“ die bisher umfassendste Publikation zur Sammlung LBBW herausgegeben.