Otto Dix Bildnis der Tänzerin Anita Berber 1925
Otto Dix: Bildnis der Tänzerin Anita Berber, 1925, Detail. ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Frank Kleinbach

Werke in der Sammlung

1919 kehrt Otto Dix nach vier Jahren Wehrdienst von den Fronten des ersten Weltkriegs nach Dresden zurück. Er setzt sein Studium, das er vor dem Krieg an der Kunstgewerbeschule begonnen hat, an der Dresdner Kunstakademie bei Otto Gussmann mit Schwerpunkt Dekorationsmalerei fort. Neben Düsseldorf und Berlin wird Dresden für Dix eine seiner Hauptwirkungsstätten bleiben. Die Stadt ist bereits vor der Jahrhundertwende ein Zentrum des zeitgenössischen Kunstgeschehens, das mit der Galerie Ernst Arnold und dem Kunstsalon Emil Richter zwei prominente, national ausstrahlende Orte besitzt und mit den deutschen Kunstmetropolen Berlin, München und Düsseldorf sehr gut vernetzt ist. Die Ausstellungen der Galerie und des Kunstsalons stellen Impressionismus und Neoimpressionismus, Expressionismus, Maler der Wiener Sezession, Vincent van Gogh, Dadaisten, Futuristen und Kubisten sowie Pablo Picasso dem Dresdner Publikum vor. 1919 gründen Dix, Conrad Felixmüller, Hugo Zehder, Elfriede Lohse-Wächtler und andere gemeinsam mit dem Kunstkritiker Will Grohmann die „Dresdner Sezession. Gruppe 19“ und erhalten im gleichen Jahr im Kunstsalon Emil Richter ihre erste Ausstellung. Die Gruppe wird als Expressionisten der zweiten Generation wahrgenommen, die auch durch den Direktor der Städtischen Kunstsammlungen, Paul Ferdinand Schmidt, große Unterstützung erfährt. Damit ist Dix mit knapp 30 Jahren im damaligen Kunstbetrieb angekommen, in Kenntnis aller modernen Kunstrichtungen seiner Zeit. Seine Werke, die ab 1920 entstehen, firmieren in der Kunstgeschichte auch unter dem Titel „Krüppel-Bilder“, denn Dix beschäftigt sich motivisch vor allem mit der unmittelbaren Nachkriegssituation: Kriegsversehrte, deformierte mit Prothesen amputierte Körper bestimmen die Bildsituation, die Dix in grotesker Weise versatzstückartig auf der Straße und in Hinterzimmern lokalisiert. Zu den Krüppeln kommen Bordell- und Boudoirszenen hinzu, wobei mit der Lebenswelt der Prostituierten ein maßgebliches Thema für Dix‘ gesamtes Schaffen angelegt ist.

Nach Düsseldorf gelangt Otto Dix über die Vermittlung seines Künstlerkollegen Conrad Felixmüller, der mit der Künstlervereinigung „Das Junge Rheinland“ in Kontakt steht und im „Graphischen Kabinett von Berg & Co.“ vertreten wird. „Das Junge Rheinland“ gruppiert sich insbesondere um Johanna Ey, die in der Nähe der Düsseldorfer Akademie mit ihrer Backwarenhandlung und Kaffeestube zunächst Treffpunkt der Studenten und Künstlerkreise ist und ab 1917, unter dem Namen „Neue Kunst – Frau Ey“, eine eigene Galerie führt. Mit Johanna Ey und dem Ehepaar Koch, das hinter dem „Graphischen Kabinett“ steht, stellen sich für Dix auch erste Verkäufe von Kunstwerken ins Rheinland dar. Johanna Ey wird zu einer von Dix‘ größten Förderinnen. Auch erhält Dix von Dr. Hans Koch den Auftrag für ein Porträt. In der Düsseldorfer Zeit von 1922 bis 1925 entstehen weitere Bildnisse, entweder als Auftragswerke oder von Dix als Sujet frei gewählt. In die von Dix selbst bestimmte Galerie seiner facettenreichen Zeitgenossen reiht sich auch das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ (1925) ein.

Otto Dix Bildnis der Tänzerin Anita Berber 1925
Otto Dix: Bildnis der Tänzerin Anita Berber, 1925. ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Frank Kleinbach

Anita Berber, die ihre Karriere als Tänzerin während des ersten Weltkriegs in Berlin beginnt und ab 1918 in zahlreichen Filmproduktionen spielt, ist im Jahr 1925, zum Zeitpunkt des Porträts, 26 Jahre alt. Sie ist bereits eine öffentliche, skandalumwitterte Frau mit einem mehr als schillernden Ruf. Dazu tragen nicht nur ihre expressiven Bühnenprogramme, wie die „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ bei, auch ihr Privatleben ist von ungehemmter Selbstdarstellung als überhaupt erste Femme fatale im Smoking sowie von Alkohol- und Drogensucht gekennzeichnet. Dix, der aufgrund der Ausstellungen seiner Bordellszenen wegen Obszönität und Unzucht anfangs der 1920er Jahre angeklagt ist und zudem 1923 durch die Präsentation des großen, monströsen Kriegsgemäldes „Schützengraben“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum die Gesellschaft schockiert, lernt Anita Berber während einer ihrer Auftritte in Düsseldorf kennen. Er stellt die Tänzerin ohne weitere Attribute nahezu vollständig in Rotschattierungen dar, die über die Bildfläche von grell bis schwärzlich ineinander überführen. Figur und Grund sind durch eine gelbliche Aura partiell voneinander abgehoben, zudem sind Körper, Gesicht und Haar im Kontrast zum Bildgrund deutlich ausgearbeitet. Das von Dix bei diesem Bildnis angewandte, altmeisterliche Verfahren der Lasurtechnik mit Öl und Tempera auf Holz, das eine Vorzeichnung auf Karton erfordert, ermöglicht ihm die scharfe Zeichnung in der Schminke des Gesichts, die Darstellung der krallenartigen Hand, den plastischen, wie aus dem Bildgrund herausgemeißelten Körper, sowie die schillernde Durchleuchtung des gesamten Bildes. Dix gelingt es mit diesem Werk erneut, sich nicht nur technisch und stilistisch als Erfinder der „Neuen Sachlichkeit“, sondern ebenso als berühmt berüchtigter Zeitzeuge seiner Gegenwart zu positionieren.

Otto Dix Melancholie 1930
Otto Dix: Melancholie, 1930. ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Kunstmuseum Stuttgart

1926 erreicht den mittlerweile nach Berlin umgezogenen Dix der Ruf auf eine Professur an der Dresdner Kunstakademie. Dort entstehen zwei Schlüsselwerke des Künstlers, es sind die Triptychen „Großstadt“ (1928/1929) und „Der Krieg“ (1929-1932). Das Werk mit dem Titel „Melancholie“ aus dem Jahr 1930 datiert damit zwischen diesen beiden Hauptwerken. „Melancholie“ zeigt eine Atelierszene, die – nimmt man „Der Lustmörder (Selbstbildnis)“ von 1920, die Werke „Selbstbildnis mit Muse“ (1924) und „Stillleben im Atelier“ (1924) hinzu – jeweils den Maler, sein Arbeitsumfeld und sein Selbstbild thematisieren. In diesen Bildnissen ist der Künstler einerseits Dargestellter und Darstellender, andererseits, wie bei „Stillleben im Atelier“ und „Melancholie“, lediglich Betrachtender des Orts seiner schöpferischen Tätigkeit. Dort, so zeigt es die „Melancholie“, bilden im nächtlichen Atelier eine lockig frisierte, weibliche Aktfigur auf einem Stuhl mit muschelförmiger Lehne und ein puppenartiger Gliedermann in Rückenansicht ein rätselhaftes Paar, das von einer Wand mit großem Fenster hinterfangen wird. Ein gelbrötliches Licht erhellt den Raum hinter dem Fenster und vermittelt den Eindruck einer Welt in Flammen. Der Totenschädel zu Füßen der Aktfigur unterstreicht, als Vanitas-Symbol, die Darstellung einer bedrohlichen, möglicherweise dem Untergang entgegentaumelnden Situation, die jedoch von der lebendigen Beweglichkeit des weiblichen Körpers und auch durch den unerschrockenen Blick des Aktes konterkariert werden. Mit dem Gemälde könnte sich Dix, in der Nachfolge alter Meister, als modernen Interpreten der Melancholie als Wahnsinn verstanden haben.

Otto Dix hat sich in zahlreichen Selbstporträts wiedergegeben und sich damit in den Jahrzehnten seines Schaffens in der Rolle des Künstlers immer wieder reflektiert und definiert. Er ist Lustmörder und Dandy, Handwerker, Analyst und Schöpfer. Das „Selbstporträt an der Staffelei mit Enkelin“ (1952) zeigt ihn im Malerkittel mit Palette an der Staffelei. In der unteren Bildmitte platziert er seine Enkelin Bettina. Dix hat sich zu diesem Zeitpunkt von der langwierigen Lasurtechnik verabschiedet und verarbeitet nun Ölfarben Nass-in-Nass, die er mit starkem Strich direkt auf die Leinwand setzt. Das Gemälde entsteht in der deutschen Nachkriegszeit, die für Dix ein Leben in einem geteilten Deutschland und zwei unterschiedlichen Welten bedeutet. Denn er gerät auch in der Wahrnehmung seines thematisch forcierten, immer der figurativen Darstellung verpflichteten Werks zwischen die Fronten der kultur- und kunstpolitischen Debatten in Ost und West. Zwar wird Dix in der DDR für seinen Realismus zunächst geschätzt, jedoch erfüllt er ab den 1950er Jahren nicht mehr die Vorgaben der ostdeutschen Kunstdoktrin, die im Verlauf der Formalismus-Debatte nur noch Kunst erlaubt, die sich nach den Maßgaben des „Sozialistischen Realismus“ richtet. Hingegen wird in Westdeutschland die Wertschätzung von abstrakter Kunst propagiert, die in ihrer „Gegenstandslosigkeit“ ein freiheitlich westliches und fortschrittliches Kunstverständnis verkörpert. Damit sind Abstraktion und Figuration auch kulturpolitisch besetzt Begriffe, so dass Dix weder für die west- noch für die ostdeutsche Perspektive repräsentativ ist. Im „Selbstbildnis an der Staffelei mit Enkelin“ zeigt er sich angesichts der herrschenden Situation als Realist, der die Leinwand in abstrakter Manier so bemalt, dass sie ihr Spiegelbild in der beklecksten Palette des Malers findet. Abstraktion besitzt für Dix, so lautet die subversive Botschaft, keine ernstzunehmende Bildwürdigkeit.

Otto Dix Selbstporträt an der Staffelei mit Enkelin 1952
Otto Dix: Selbstporträt an der Staffelei mit Enkelin, 1952. ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Archiv Sammlung LBBW

Vita

Otto Dix (1891–1969): Geboren in Gera, wächst Dix in einem musisch gebildeten Arbeiterhaushalt auf. 1905 bis 1909 Ausbildung als Dekorationsmaler. 1910 bis 1914 Studium an der Kunstgewerbeschule in Dresden mit einem Stipendium des Fürsten von Reuß. 1914 bis 1918 Kriegsdienst. Dix produziert in diesem Zeitraum rund 600 Arbeiten auf Papier. 1919 Rückkehr nach Dresden, 1919 bis 1922 Studium an der Dresdner Kunstakademie. Gründung der Gruppe „Dresdner Sezession. Gruppe 1919“ u a. mit Conrad Felixmüller. Erste Ausstellung der Gruppe im Dresdner Kunstsalon Emil Richter. Kontakt mit der Dresdner Dada-Gruppe und dem Drucker Max John. 1921 Kontakt mit der Galeristin Johanna „Mutter“ Ey. Sie publiziert in ihrer Zeitschrift „Das Ey“ Dix‘ Holzschnitt „Das Liebespaar“ und realisiert Verkäufe. 1922 Umzug nach Düsseldorf, Dix wird Meisterschüler an der Düsseldorfer Kunstakademie. 1923 ist Dix mit Werken in der Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ in der Kunsthalle Mannheim vertreten. Die Gemälde „Mädchen vor dem Spiegel“ und „Salon II“ werden beschlagnahmt und Dix wegen Unzicht angeklagt. 1925 Umzug nach Berlin. 1926 wird Dix an die Kunstakademie Dresden berufen. 1927 Umzug nach Dresden. 1928 und 1930 Teilnahme an den Biennalen in Venedig und an Ausstellungen in Zürich und New York. 1931 Ernennung zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. 1933 mit Machtergreifung der Nationalsozialisten Entlassung aus der Lehrtätigkeit, Rückzug nach Süddeutschland, zunächst auf Schloss Randegg. Ab 1936 lebt Dix im eigenen Haus in Hemmenhofen am Bodensee. 1937 gilt Dix als „entartet“, rund 260 Gemälde werden aus deutschen Museen beschlagnahmt, Werke von Dix werden zudem in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. 1946 ist Dix in der Ausstellung „Allgemeine Deutsche Kunstausstellung“ in Dresden vertreten. 1949 und 1950 Einzelausstellungen in deutschen Institutionen, Berufungen an die Kunstakademien Berlin, Dresden und Düsseldorf scheitern. 1955 Mitglied der Akademie der Künste/West, vertreten bei der „documenta 1“. 1956 Korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste/Ost. 1957 Retrospektive in der Akademie der Künste/Ost und in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. 1960 erscheint die von Fritz Löffler erstellte erste Werkmonographie. 1963 Retrospektive in der Kongresshalle Berlin/West. 1964 vertreten auf der „documenta 3“. Dix erhält zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, unter anderem 1959 das Große Bundesverdienstkreuz, 1966 den Alfred-Lichtwark-Preis der Hansestadt Hamburg sowie den Martin-Andersen-Nexö-Preis der DDR.