Henrike Naumann

In ihren Installationen nutzte Henrike Naumann gebrauchte Möbel und Alltagsobjekte, um auf gesellschafts-politische Umbrüche und Ideologien zu verweisen.

Henrike Naumann LBBW ART COLOGNE 2023
Henrike Naumann, Fun 2000, 2018; Installationsansicht Art Cologne 2023, Präsentation „past is present is past“, Foto: Hanne Engwald für ZWEILUX / LBBW.

In ihren Installationen nutzte Henrike Naumann gebrauchte Möbel und Alltagsobjekte als dokumentarisches Material: Wie Beweisstücke verweisen sie auf gesellschaftliche Umbrüche, politische Ideologien und deren ästhetische Erscheinungsformen. Über Innenraumgestaltung, Designcodes und das bewusste Arrangement von Einrichtungsteilen verhandelte sie Fragen nach Erinnerungskultur, Machtverhältnissen und der Sichtbarkeit historischer Prozesse im Alltag.

Im folgenden Gespräch aus dem Jahr 2023 mit Sarah Haberkorn, Leiterin der Sammlung LBBW, sprach Henrike Naumann über ihre Arbeitsweise, über ihr Werk „Fun 2000“ (2018) aus der Sammlung LBBW und darüber, wie die Expo 2000 und die Treuhandanstalt in dieser Installation miteinander verknüpft sind.

Sarah Haberkorn, Sammlung LBBW: Du arbeitest vorwiegend mit Möbeln, um damit historische und gesellschaftliche Themen zu transportieren. Weshalb hast du dich für dieses Material entschieden?

Henrike Naumann: Für mich sind Möbel eine Art Dokument oder Beweismittel. Ich frage mich: Existiert eine Ästhetik der Radikalisierung? Oder: Wie sehen neoliberale Beistelltische aus? Mit solchen Gedanken gehe ich dann auf die Suche.
Zudem sind Möbel sehr zugänglich. Jeder kennt und nutzt sie. Einerseits kann man mit Möbeln über Menschen sprechen, ohne diese selbst zeigen zu müssen. Andererseits können die Betrachter und Betrachterinnen in die Installation hineingehen und zu Performenden werden.
Die Möbel bieten somit die Möglichkeit, über die Vergangenheit zu sprechen. Gleichzeitig ist die Gegenwart immer präsent. Dieser Zugang zur Geschichte interessiert mich, denn für mich geht es nicht um eine Flucht in Nostalgie, sondern um die Frage, welche Relevanz die Vergangenheit für unsere Gegenwart hat oder was passiert, wenn diese nicht bearbeitet wird.

Haberkorn: Mit dem Werk „Fun 2000“ nimmst du auf die Weltausstellung in Hannover Bezug. Wie kamst du zu dem Thema?

Naumann: Darauf bin ich aufmerksam geworden, weil die ehemalige Präsidentin der Treuhandanstalt, Birgit Breuel, die Generalkommissarin der Expo 2000 war. Die Treuhand ist ein komplexes Thema in Bezug auf die ost-westdeutsche Beziehung. Ich habe schon länger recherchiert, aber festgestellt, dass es zur Treuhand in meiner Wahrnehmung keine vielseitigen visuellen Referenzen und keine klare Ästhetik gab. Die Expo 2000 war hingegen eine große Bildproduktionsmaschine, wo sich mir rückblickend die Frage stellt, welche Inhalte damit transportiert werden sollten. So habe ich die visuelle Überproduktion der Expo 2000 genutzt, um über die Massenprivatisierung der Treuhand zu sprechen.

Haberkorn: Wie hast Du das umgesetzt?

Naumann: Ein damaliger Architekturvorschlag für den deutschen Pavillon war, Ost- und Westdeutschland mit Elementen zusammenzuschieben. Ich fand das so bemüht und komisch. In meiner Installation habe ich dann genau das Gegenteil gemacht und alles auseinandergezogen. Die Möbel dazu habe ich einer alten Schuhladeneinrichtung entnommen. Hinzu kommt eine Videoarbeit, in der ich für die Soundebene Interviews mit Birgit Breuel und mit DDR-Arbeiter und Arbeiterinnen verwendet habe. Letztere hatten gerade erfahren, dass ihre Betriebe von der Treuhand geschlossen werden. Auf der Bildebene sind Visualisierungen von einer alten Expo-CD-ROM zu sehen. Den damaligen Datenträger anzuschauen, war wie eine Medienarchäologie. Mit den heutigen Computersystemen nicht mehr kompatibel, wurden mir hunderte zusammenhangslose Bilddateien angezeigt – von Pyramiden bis zum Oktoberfest. Das war, als würde man versuchen, Hieroglyphen zu entziffern.
In dem Werk sind noch weitere Relikte aus dem Expo-Kontext enthalten, wie zum Beispiel das Maskottchen Twipsy. Nach einem Informationsblatt steht es für das Internet und die Digitalisierung. Es hat eine riesige Hand, da Twipsy viele Deals abschließt. Ich finde das sehr aufschlussreich und ehrlich. Denn bei der Expo 2000 ging es in erster Linie um den Wirtschaftsstandort Deutschland. Mich interessiert es, auf den ersten Blick merkwürdig erscheinende Dinge ernst zu nehmen und mit diesen über gesellschaftspolitische Vorgänge zu sprechen.

Haberkorn: Wie siehst du „Fun 2000“ im Zusammenhang mit einer Unternehmenssammlung?

Naumann: Die Installation finde ich in diesem Kontext super. Denn, es geht in „Fun 2000“ um Unternehmen in Rückbezug auf Gesellschaft und darum, wie die Expo 2000 Gesellschaftsentwürfe mit einer neoliberalen Perspektive auf die Welt vorgestellt hat.

Henrike Naumann

Vita

Henrike Naumann (1984 – 2026): Geboren in Zwickau, lebte und arbeitete bis zu ihrem Tod 2026 in Berlin. Sie studierte 2006 – 2008 Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und 2008 – 2012 Szenografie an der HFF Konrad Wolf Potsdam-Babelsberg. 2026 gestaltete Henrike Naumann zusammen mit Sung Tieu den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig.

Einzelausstellungen fanden u.a. im Berlin Wall Memorial im Bundestag, Sculpture Center (NY, USA). Kunsthaus Dahlem, Belvedere 21 (Wien, AT) und im Museum Abteiberg statt. Ihre Werke sind neben der Sammlung LBBW u. a. in den folgenden Sammlungen vertreten: Harvard Art Museum, Bundekunstsammlung, Belvedere 21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Kunstpalast Düsseldorf und Museum Abteiberg Mönchengladbach.

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