„AUF DEN ERSTEN BLICK UNSCHULDIG“

Ist der Körper nackt, erhält der Blick eine politische Bedeutung. Die in Frankfurt lebende Künstlerin Sonja Yakovleva stellt in scharfsinnigen Scherenschnitten gesellschaftliche Grauzonen und blinde Flecke heraus.

Sonja Yakovleva, Höschen Nr. 12, Nr. 15, Nr. 23, Nr. 25, Nr. 28, Nr. 31, 2022, Foto: Roman März
Sonja Yakovleva, Höschen Nr. 12, Nr. 15, Nr. 23, Nr. 25, Nr. 28, Nr. 31, 2022, Foto: Roman März

Interview: Dr. Gregor Jansen, Mitglied im Fachkuratorium der Sammlung LBBW und ehemaliger Direktor der Kunsthalle Düsseldorf

Dr. Gregor Jansen, Sammlung LBBW: Du behandelst historische und politische Themen, Alltagskultur in der Leistungsgesellschaft, Körperkult(ur), verwendest Porno- und Online-Bilder, in denen persönliche und kollektive Geschichten über Machtverhältnisse und Sexualität verhandelt werden. Scherenschnitte spiegeln historisch gesehen volkstümliche Motive wider, die recht brav in das kollektive Bewusstsein eingeschrieben wurden. Wieso diese Technik?

Sonja Yakovleva: Der Papierschnitt hat mich vor allem aufgrund seines kunsthandwerklichen Charakters und seiner ambivalenten Stellung in der europäischen Kunstgeschichte fasziniert. Die Technik, auch als „Silhouette“ bekannt, verweist auf den französischen Finanzminister Étienne de Silhouette, der im 18. Jahrhundert angeblich aus Sparsamkeit sein Haus mit Scherenschnitten statt mit Gemälden dekorierte. Mich reizt der Umgang mit einem Medium, das lange als wertlos-kitschig galt und bloßer Volkskunst zugeordnet wurde. Ich versuche, diese Wahrnehmung zu hinterfragen und dem Papierschnitt neue Relevanz zu verleihen. Zudem ist der Scherenschnitt historisch eng mit idyllischen, oft banalen Motiven des Biedermeier verbunden. Die Kombination dieses scheinbar harmlosen, handwerklich geprägten Mediums mit expliziten, pornografischen Inhalten, einem Bereich, der gesellschaftlich stark konsumiert, gleichzeitig aber tabuisiert und abgewertet wird, bricht diese Erwartungshaltung: Statt Harmlosigkeit finden sich radikale, verstörende oder intime Szenen. Die detailreiche Handarbeit steht in bewusstem Kontrast zum schnellen Konsum pornografischer Bilder. Die Betrachtenden werden zunächst von der formalen Ästhetik angezogen, müssen sich dann aber mit den dahinterliegenden Inhalten auseinandersetzen.

Sonja Yakovleva, Wäscherinnen, 2019, Foto: Roman März
Sonja Yakovleva, Wäscherinnen, 2019, Foto: Roman März

Dr. Gregor Jansen, Sammlung LBBW: Deine Bildsprache ist kontraststark, durchlässig und kraftvoll. Fetisch-Dessous oder Unterwäsche erscheinen wie Schmetterlings- und Insektenpräparate, was an koloniale Expeditionen, aber auch an den kapitalistischen Zwang erinnert, jeden Fetisch zu kategorisieren, zu bewerten und zu vermarkten. Was hat es mit den in Korea entstandenen „Wäscherinnen“ auf sich?

Sonja Yakovleva: Diese große Arbeit entstand 2019 während meiner Residency am MMCA in Seoul. Damals fragte ich mich, wie der weiblich gelesene Körper nackt dargestellt werden kann, ohne erneut auf Sexualisierung oder Objektifizierung reduziert zu werden. Durch das Weiß des Papiers, die blühenden Pflanzen und die nackten Körper wirkt das Bild auf den ersten Blick unschuldig und schön. Wir sehen eine Fantasielandschaft mit Bergen, Wasserfällen und einem Fluss, in dem die Frauen ihrer Tätigkeit, dem Wäschewaschen, nachgehen. Doch der Ort ist nicht nur idyllisch: Unerwünschte Besucher, die sich unerlaubt Zugang verschaffen, werden von den Frauen gewaltvoll vertrieben. Es ist eine exklusive Gesellschaft, in der die Frauen selbst bestimmen, wer dazugehört und wer nicht. Mich hat gestört, wie klassische Darstellungen von Wäsche waschenden Frauen, meist von männlichen Künstlern, die Arbeit romantisieren und sexualisieren – oft für den Male Gaze inszeniert, mit Korsagen oder Kleidern, die absichtlich verrutschen, während Männer passiv aus irgendeiner Ecke zuschauen. Meine Version zeigt die Frauen zwar nackt, aber ohne Sexualisierung: Sie sind selbstbestimmt und gestalten ihre Zeit, ihr Miteinander und ihren Safe Space, in dem sie sich wohl- und geschützt fühlen.

Vita

Sonja Yakovleva , geboren 1989 in Potsdam, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Sie studierte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und der Hochschule der Bildenden Künste Athen. Ihre Arbeiten waren u. a. im Frankfurter Kunstverein, dem Kunstraum Potsdam und dem Kunstpalais Erlangen sowie im Kunstmuseum Wiesbaden zu sehen.

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