„Wer was von mir kauft, bezahlt nicht das Bild – das ist Schmerzensgeld für Trennung“
Interview: Dr. Nadia Ismail, Leiterin der Kunsthalle Gießen und Fachkuratorin der Sammlung LBBW, sprach mit der Künstlerin Sophia Süßmilch über ihre Arbeit. 2021 hat die Sammlung LBBW ein Konvolut von Sophia Süßmilch angekauft.
Dr. Nadia Ismail, Sammlung LBBW: Mutig, witzig, kontrovers. Das sind die Schlagworte, die häufig im Zusammenhang Deiner Arbeiten fallen. Welche Attribute würdest Du Deiner Arbeit selbst verleihen?
Sophia Süßmilch: Bei der Bezeichnung ‚mutig‘ muss ich mich immer schon aufregen, ich empfinde das nicht so. Seit 15 Jahren stehe ich mit meinem natürlichen Körper nackt vor der Kamera oder einem Livepublikum, und noch immer wird das mit ‚mutig‘ oder ‚progressiv‘ gelabelt. Ich glaube, dass man meine Arbeit gar nicht voll verstehen kann, wenn das Nacktsein so im Vordergrund steht. Auch ‚kontrovers‘ ist schnell gesagt, denn irgendwem wird man mit dem, was man macht, schon auf die Nerven gehen. Dadurch, dass ich in so vielen Medien und Genres arbeite, finde ich Schlagworte, mit denen meine Arbeit bedacht wird, immer schwierig. Aber wenn schon … – ok, here it comes: ich finde das alles: schwierig, platt, anstrengend, liebevoll, warm, dumm, geschmeidig, wunderschön, trashig, umständlich, einfallsreich, ideenlastig, abwechslungsreich, langweilig, schnell, unterhaltsam, gelungen und gescheitert gleichermaßen. Insgesamt würde ich sagen: Schöner scheitern mit Sophia Süßmilch.
Dr. Nadia Ismail, Sammlung LBBW: In vielen Deiner Arbeiten zeigst Du Deinen nackten Körper, zum Teil in absurd anmutenden Handlungen, die nicht selten in Interaktion mit anderen Menschen geschehen. So performst Du in „Pietà Pervers“, 2020, mit der Schauspielerin Sandra Hüller. Wie kommt es zu einer solchen Kollaboration?
Sophia Süßmilch: Meistens werde ich nach einer Zusammenarbeit gefragt. In dem Fall war es aber so, dass Sandra Hüller mir eine ganze Weile auf meine Instagram Stories geantwortet hat. Dann dachte ich, ich frage sie einfach. Ich erinnere mich, ich habe so lapidar geschrieben: „PS: Mit dir will ich auch bald mal was machen.“ Sie ist einfach eine so tolle Schauspielerin, hat so eine verdichtete Ausstrahlung. Sie hatte auch Lust, und so trafen wir uns eines Tages als heilige Mutter Sandra und trauriger Jesus Sophia. Pietà pervers. Instagram ist eines meiner wichtigsten Arbeitswerkzeuge, leider. Das was mir am Künstlerinsein neben dem meditativen „Vor-mich-hin-Malen“ am meisten gefällt, ist, dass ich so viele interessante Menschen kennen lernen kann. Ich möchte mit jedem Menschen mal einen Kaffee trinken gehen. Mit manchen mag ich auch Kunst machen.
Dr. Nadia Ismail, Sammlung LBBW: Du bist überaus aktiv in den sozialen Netzwerken, veröffentlichst eine exklusive Bilderreihe in der politischen Satirezeitschrift „Titanic“ und hast unlängst ein Buch veröffentlicht. Begreifst Du die unterschiedlichen Medien als eine Art erweiterten Kunstbegriff?
Sophia Süßmilch: Ich unterscheide nicht so, in welchem Medium oder Genre ich gerade „herumwurste“. Mir wird einfach sonst so langweilig. Den ganzen Tag nur malen, das könnte ich nicht. Ich hüpfe da vielleicht eher so ADHS-mäßig rum. Es ist doch aber auch großartig, alles zur Verfügung zu haben! Was ich in einer Fotografie sagen kann, funktioniert zum Beispiel im Theater eher nicht. Ich habe vielleicht auch einfach Angst, in irgendeinem Bereich zu versagen, dann hab ich noch ein paar andere Pferde im Rennen. Egal welches Pferd, sie hinken alle ein wenig, aber ich hab sie gern.
Dr. Nadia Ismail, Sammlung LBBW: Was bedeutet der Begriff Sammeln für Dich?
Sophia Süßmilch: Wer schon mal bei mir zuhause war und weiß, wie es da ausschaut, weiß, dass ich Sammlerin mit Leib und Seele bin. Wie bekloppt, lauter Zeug, das mir gefällt. Wenig Platz, alles vollgestopft. Sammeln ist das Horten, Anhäufen, Auswählen von Dingen, die man nach bestimmten Kriterien aussucht. In meiner Familie ist das Sammeln in den Genen, zu meiner Freud‘ und zu meinem Leidwesen. Vielleicht male ich deshalb so viel, weil ich ganz viele Bilder haben möchte. Ich liebe einfach Gegenstände aller Art sehr. Die Bilder, die liebe ich am meisten. Wer was von mir kauft, bezahlt nicht das Bild – das ist Schmerzensgeld für Trennung.
Vita
Sophia Süßmilch, geboren 1983 in Dachau, lebt und arbeitet heute in Berlin, München und Wien. Von 2006 bis 2015 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste München, von 2011 bis 2013 an der Akademie der Bildenden Künste Wien.