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LBBW Brexit-Barometer

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Das LBBW Research begleitet Sie durch die Brexit-Verhandlungen und bietet Ihnen marktrelevantes Research in Zeiten hoher politischer Unsicherheit.

Tweet: @LBBW · 4. Mai 2018

Brexit - Bleibt UK nun doch in der EU-Zollunion?

LBBW zu dem Für und Wider.

Bleibt das Vereinigte Königreich doch in der Zollunion?

In der vergangenen Woche musste Premierministerin Theresa May bei einer Abstimmung im britischen Oberhaus eine schwere Niederlage hinnehmen. Während sich die konservative Regierungschefin in den zurückliegenden Wochen wiederholt eindeutig gegen einen Verbleib des Vereinigten Königreiches in der Europäischen Zollunion bzw. gegen die Vereinbarung einer neuen Zollunion zwischen dem Königreich und der Europäischen Union ausgesprochen hatte, stimmte das Oberhaus für einen Änderungsantrag zum Austrittsgesetz (Withdrawal Bill), der eine Zollunion vorsieht. Der Änderungsantrag wurde von einer parteiübergreifenden Gruppe an Lords gestellt.

Brexit-Hardliner wie der britische Außenminister Boris Johnson und der konservative Politiker Liam Fox argumentieren indes, dass mit einer Zollunion der durch das Votum für den Brexit ausgedrückte Willen der britischen Bevölkerung nicht respektiert werden würde. Außerdem erachten die Konservativen die Souveränität des Königreiches durch eine Zollunion als eingeschränkt, da dadurch das Vereinigte Königreich auf bilateraler Ebene, zumindest den Warenhandel betreffend, keine Handelsabkommen mit Drittstatten abschließen dürfte. Dessen ungeachtet ist es aber mehr als fraglich, ob das Vereinigte Königreich in der Lage wäre, durch neue Handelsabkommen die Nachteile zu kompensieren, welche sich durch den Austritt aus der Europäischen Zollunion ergäben. Sollte das Vereinigte Königreich in der Europäischen Zollunion verbleiben bzw. eine neue Zollunion mit der EU begründen, aber aus dem EU-Binnenmarkt austreten, hätte das Vereinigte Königreich trotzdem die Möglichkeit, mit Drittstaaten über Investitions- oder Dienstleistungsabkommen zu verhandeln. Außerdem stände eine Zollunion dem politischen Bestreben der britischen Regierung, die bisherige Personenfreizügigkeit einzuschränken, nicht entgegen. Die Beschränkung der Personenfreizügigkeit war ein wesentliches Argument, mit welchem vor dem Referendum für den EU-Austritt geworben wurde. Sollte Premierministerin Theresa May von ihrem derzeitigen Standpunkt abweichen und mit Brüssel in Gespräche über eine Zollunion eintreten, könnte es zu Rücktritten in den eigenen Reihen oder zu einem Misstrauensantrag gegen ihre Regierung im Unterhaus kommen. Da die konservative Regierung über keine absolute Mehrheit im Unterhaus verfügt und sich daher auf ein Tolerierungsabkommen mit der nordirischen Partei DUP stützen muss, riskierte die Premierministerin mit dem Abweichen von ihrer bisherigen Linie den Fortbestand ihrer Regierung.

Die Anhänger eines „Soft Brexit“ argumentieren, dass eine Zollunion die Lösung des Nordirlandproblems darstellen könnte, da damit eine „harte“ Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland verhindert werden würde. Dieser Streitpunkt konnte bislang nicht aus dem Weg geräumt werden, da alle möglichen Zollmodelle, die Theresa May bisher vorgeschlagen hatte, von Brüssel als unrealistisch befunden und daher abgelehnt wurden. Auch die Beispiele der Grenzen zwischen Frankreich und der Schweiz sowie zwischen Schweden und Norwegen zeigen, dass keines der bisher verhandelten EU-Grenzvereinbarungen in der Lage ist, eine physische Infrastruktur an der EU-Außengrenze zu vermeiden. Außerdem, so ein weiteres Argument der Befürworter eines „Soft-Brexit“, ließe sich durch einen Verbleib in der Europäischen Zollunion der wirtschaftliche Schaden des EU-Austritts begrenzen. Obwohl die wirtschaftliche Bedeutung der Europäischen Union für das Vereinigte Königreich in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen hat, entfielen im Jahr 2017 laut dem britischen Statistikamt ONS noch immer 44 % der britischen Ausfuhren von Gütern und Dienstleistungen auf den europäischen Staatenbund.

Die Europäische Union zeigt sich derweil offen für eine Zollunion mit Großbritannien und würde dem Vereinigten Königreich dem Vernehmen nach ein entsprechendes Abkommen unterbreiten. Dafür müsste das Vereinigte Königreich aber sein Bestreben nach Autonomie im Außenhandel aufgeben. Zudem müsste die britische Seite akzeptieren, dass sie zukünftig keine Stimme mehr in Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Drittstaaten über ein Außerhandelsabkommen hätte. Allerdings könnte sich die EU einen Handelsdialog zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich vorstellen, in welchem das Inselreich seine Interessen offenlegen kann.

Der nächste wichtige Schritt ist die Abstimmung über den Entwurf zum Austrittsgesetz im Unterhaus. Bereits am 26. April gab es dort eine Diskussion und einen ersten Meinungstest in Form einer unverbindlichen Abstimmung über eine Zollunion. Das Ergebnis gleicht dem im Oberhaus: Die Regierung wird aufgefordert, in den Verhandlungen mit Brüssel eine Zollunion anzustreben. Ganz überraschend kommt dieses Ergebnis nicht, wenn man bedenkt, dass sich die Labour-Partei unter Führung von Jeremy Corbyn als zweitstärkste Fraktion im Unterhaus für eine Zollunion einsetzt und auch einige konservative Abgeordnete wie die kürzlich zurückgetretene Innenministerin Amber Rudd mit einer Zollunion liebäugeln. Bis zur verbindlichen Abstimmung, die sich unter Umständen noch einmal in mehrere Abstimmungsrunden gliedert, wird Theresa May erneut für ihren Plan eines Austritts aus der Europäischen Zollunion werben. Das Oberhaus und das Unterhaus müssen sich schlussendlich auf einen Gesetzestext einigen. Im Herbst findet in Westminster schließlich die finale Abstimmung über das mit der Europäischen Union verhandelte Austrittsabkommen statt. Dieses wird unter anderem die Regelungen über die knapp zweijährige Übergangsphase sowie über die zukünftigen Beziehungen zur EU beinhalten. Da zum Zeitpunkt der Abstimmung die Verhandlungen mit Brüssel über die zukünftigen Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich noch nicht abgeschlossen sein werden, müssen die Parlamentarier ihre Entscheidung in diesem Punkt auf Grundlage einer Absichtserklärung der Verhandlungspartner treffen. Sollte es im Herbst im britischen Parlament eine Ablehnung des verhandelten Austrittsabkommens geben, könnte im Vereinigten Königreich ein zweites Brexit-Referendum erfolgen. Die Bevölkerung hätte dann zu entscheiden, ob das Verhandlungsergebnis angenommen wird oder das Vereinigte Königreich Mitglied der Europäischen Union bleibt. Die alternative Fragestellung „Annahme des Verhandlungsergebnisses oder EU-Austritt ohne Regelung“ scheint nicht mehr zur Debatte zu stehen.

Indikatoren des LBBW #Brexit-Barometer

In unser LBBW-Barometer für die Brexit-Sorgen der Marktteilnehmer gehen vier Indikatoren gleichgewichtet ein:

  • der Außenwert des Pfund Sterling
  • die relative Stärke britischer Bankaktien
  • die Kreditausfallprämie für britische Staatsanleihen
  • die Entwicklung von an der Londoner Börse notierten Immobilienfonds

Ein negativer Wert stellt im historischen Vergleich eine Abweichung vom Mittelwert nach unten dar. Das Umgekehrte gilt für positive Werte.

Mit einfachen Worten: Sinkt unser Barometer, nehmen die Brexit-Sorgen der Marktteilnehmer zu.

  • LBBW Brexit-Barometer

    Stand: 16.10.2018, Quelle: Bloomberg, LBBW Research

Tweet-Historie

Lesen Sie unsere letzten Analysen zum Brexit.

26.September 2018

UK-Wachstum: Vom Spitzenreiter zum Nachzügler. Während das Vereinigte Königreich 2016 in der Gruppe der G10-Staaten beim Wachstum noch Rang 3 belegte, dürfte das Inselreich 2018 infolge der Brexit-Vorläufer auf den vorletzten Rang abrutschen.

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Vorbereitungen für einen „No-Deal“-Brexit laufen. Grenzfrage zwischen Nordirland und Irland noch ungeklärt.

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May's Charmeoffensive stößt auf kalte Schulter bei EU.
Wahrscheinlichkeit eines "Hard"-Brexit signifikant höher einzustufen.

9. Juli 2018

Theresa May macht einen weiteren Schritt in Richtung Soft-Brexit.
Und prompt geht Brexit-Minster David Davis über Bord. LBBW analysiert die aktuelle Lage.

LBBW #Brexit-Barometer auf einen Blick.

Der LBBW-Barometer zeigt auf einen Blick: Wie ist die Stimmung der Marktteilnehmer im Brexit-Prozess?

  • Barometer-Tiefststand

    Barometer-Tiefststand

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen hat einen Tiefststand erreicht. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit große Sorgen.

  • Barometer-Pessimismus

    Barometer-Pessimismus

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen liegt unter dem Mittel. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit überwiegend Sorgen.

  • Barometer-Eintrübung

    Barometer-Eintrübung

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen liegt nahe dem Mittel. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit gespannte Stimmung.

  • Barometer-Gelassenheit

    Barometer-Gelassenheit

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen liegt über dem Mittel. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit nur wenig Sorgen.

  • Barometer-Höchststand

    Barometer-Höchststand

    Der LBBW-Barometer für die Brexit-Erwartungen hat einen Höchststand erreicht. Die Marktteilnehmer haben mit Blick auf den Brexit keine Sorgen.

Research zu den Brexit-Verhandlungen.

Das LBBW Research begleitet Sie nicht nur mit dem LBBW #Brexit-Barometer durch die Verhandlungen. In unseren Publikationen analysieren wir die Auswirkungen des Brexit-Votums auf die Wirtschaft sowie die Finanzmärkte und kommentieren die Folgen von Entscheidungen in der Wirtschafts-, Notenbank- und Regierungspolitik.

Wir bieten Ihnen das marktrelevante Research in Zeiten von wirtschaflicher Veränderung und hoher politischer Unsicherheit. Eine Auswahl unserer bisherigen Analysen zum Brexit haben wir für Sie zusammengestellt.

880.7 KB | 29. Juli 2016

Kommt nach dem Brexit nun der Scoxit?
Schaubild Brexit Timeline

Brexit Timeline

Die wichtigsten Ereignisse vor und nach dem Brexit-Votum.

Schaubild

Ausblick 2018 bis 2020

31. Dezember 2020
Übergangsphase endet.

ab April 2019
Verhandlungen über Handelsabkommen.

29. März 2019
Ende der EU-Mitgliedschaft.

Bis März 2019
Europäischer Rat beschließt mit qualifizierter Mehrheit über die Verhandlungsergebnisse. Abstimmung über die Verhandlungsergebnisse im EU-Parlament und im britischen Parlament.

Bis Oktober 2018
Detailverhandlungen zum Brexit.

2017

Bis Ende 2017
Verhandlungen zwischen EU und Großbritannien über die „divorce bill“ sowie die Rechte von Briten und EU-Bürgern, die Rolle des EU-Gerichtshofs sowie die Grenze in Irland.

24. September 2017
Bundestagswahl in Deutschland

19. Juni 2017
Start der Austrittsverhandlungen.

8. Juni 2017
Unterhauswahlen in Großbritannien.

29. März 2017
Der EU-Botschafter Barrow übergibt den Austrittsantrag in Brüssel.

14. März 2017
Das Parlament stimmt für das von der Regierung vorgelegte Brexit-Gesetz.

18. Januar 2017
Premierministerin May kündigt einen "clean brake" an.

3. Januar 2017
Rogers, der britische EU-Botschafter, gibt sein Amt auf und verlässt Brüssel.

2016 - 2013

3. November 2016
Der High Court entscheidet, dass die Regierung die Brexit-Verhandlungen nur mit Zustimmung des Parlaments führen darf.

02. Oktober 2016
Premierministerin May kündigt an, dass bis Ende März 2017 ein Austrittsantrag nach Artikel 50 des EU- Vertrags eingereicht wird.

13. Juli 2016
May ist neue britische Premierministerin. Johnson wird Außenminister. Zuständig für den Brexit ist jedoch Davis als "Principal Secretary of State for Exiting the European Union".

11. Juli 2016
Premier Cameron verkündet die Kandidatur von May für seine Nachfolge.

30. Juni 2016
Johnson verzichtet auf die Nachfolge von Premier Cameron.

24. Juni 2016
Premier Cameron erklärt seinen Rücktritt bis spätestens Oktober.

23. Juni 2016
Brexit-Votum: 46,5 Millionen Briten stimmen über "Brexit" oder "Bremain" ab. Am folgenden Tag steht das Ergebnis fest: 51,9 Prozent der Briten wollen die EU verlassen.

20. Februar 2016
Premier Cameron das EU-Referendum für den 23. Juni an, will seinen Landsleuten aber zu einem Verbleib in der EU raten. Einen Tag zuvor kommen die Staats- und Regierungschef aller EU-Staaten den Briten mit einem Reformpaket entgegen.

05. Februar 2016
Premier Cameron gibt seinen Ministern in der Frage eines EU-Austritts freie Hand. Vor dem geplanten EU-Referendum stellen sich fünf Minister auf die Seite des Brexit-Lagers, darunter Justizminister Gove. Der Londoner Ex-Bürgermeister Johnson schlägt sich ebenfalls auf die Seite der Brexit- Befürworter.

11. November 2015
Premier Cameron stellt Forderungen nach EU-Reformen und droht mit dem EU-Austritt.

28. Mai 2015
Im Parlament wird der Gesetzesentwurf zum Referendum eingereicht.

07. Mai 2015
Premier Camerons Partei siegt bei der Parlamentswahl und erneuert sein Versprechen eines EU- Referendums.

01. März 2016
Premier Cameron stellt an Brüssel Forderungen zum Verbleib in der EU.

23. Januar 2013
Premier Cameron stellt im Falle des Wahlsiegs ein Referendum zum Verbleib in der EU bis spätestens 2017 in Aussicht.

LBBW-Experte und verantwortlicher Analyst.

Dirk Chlench als verantwortlicher Analyst wird Sie auch weiterhin auf dem Laufenden halten.

Dirk Chlench
Analyst Strategy & Macro - LBBW Research
Tel +49 711 127-7 61 36
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